Über das Schweigen und das Sprechen

Warum reden wir erst jetzt?

 

Was hätten wir sagen sollen? Was hätten wir sagen können? Wer hätte uns was geglaubt? Aber auch: wir hätten überhaupt wissen müssen, was wir hätten sagen müssen. Wussten wir doch nicht mehr, was richtig und was falsch war, wussten wir doch nicht mehr, was Sünde war und was nicht. Alles war verdreht. Da war auch niemand, dem wir uns hätten anvertrauen können. Uns erschien niemand der Erwachsenen so vertrauenswürdig, dass wir hätten sicher annehmen können, dass er oder sie uns schützen würde.

 

Zahlreiche Betroffene waren später froh vom Internat weggekommen zu sein. Viele waren hinterher nie auf Klassentreffen, wenn solche überhaupt stattfanden. Viele hatten auch kein Abitur in Bonn gemacht, sie hatten das Internat und die Schule schon vorher aus eigenem Antrieb verlassen oder wurden "als fauler Apfel" (Pater S.) durch die Täter und die, die sie deckten, entlassen. Für die Entlassenen gab es schon überhaupt keine Ansprechpartner. Für andere war der langjährige Täter oft der einzig präsente mögliche Ansprech"partner" (siehe die Berichte, in denen vom Briefwechsel mit dem Täter oder dem Wunsch danach die Rede ist). Wieder andere wollten, dass ihre Erinnerung ans Internat und an die Schule durch nichts und niemanden getrübt sei oder auch jemals noch geweckt würde. Die Schule mit ihrem Selbstbild als besondere religiös ausgerichtete Schule von erlesener Qualität bot sich zur Idealisierung geradezu an, versprach der Besuch der Schule doch quasi automatisch, dass man auf der Seite des Guten und Wahren stand. Selbst wenn man dieses Bild, ohne wirklich zu wissen, warum,  hätte beschmutzen wollen, man ging als Schüler schlicht davon aus, dass man gegen die allgegenwärtige Selbstbeweihräucherung keine Chance habe. Wer hätte dem Primaner oder gar dem Sekundaner geglaubt bei diesem Ruf der Schule?  Wir vermuteten zu Recht oder zu Unrecht - wir wissen es nicht -, dass die, die einen zum Lügner und Verleumder stempeln würden, eher unter den Lehrern, den externen Mitschülern,  den Eltern der Externen und den sog. Altjosephinern zu finden seien als unter denen, die selbst Internatszögling waren. Wir hatten schlicht Angst, Angst vor dem Täter und Angst, ihm, seinen möglichen Zuträgern und unbekannten Hintermännern nicht gewachsen zu sein.

 

Wir haben geschwiegen, weil wir uns intuitiv immer des übergroßen Machtgefälles zur Autoritätsperson Priester bewusst waren und bewusst geblieben sind, weil der sexuelle Missbrauch und die Misshandlung durch und durch ein katholischer Missbrauch und katholische Misshandlung war, ausgestattet mit geistlicher Macht, ausgestattet mit göttlicher Autorität. „Kann ein Kind wehrloser sein als in der Erfahrung, dass Gott selbst seine Peiniger in ihrem Tun legitimiert?“- fragt Godehard Brüntrup (SJ).

 

Tatsächlich war die Gewalt und Missachtung so allgegenwärtig und so normal, dass wir eigentlich nie mit jemanden eingehender darüber sprachen- weder in der Zeit des Internats noch später. Es lohnte sich gar nicht, über etwas zu reden, was sowieso jeder kannte und das einfach dazu gehörte. Um über Misshandlung zu reden, musst du Misshandlung als Misshandlung entschlüsseln und die Tat aus den Rechtfertigungen der Misshandler und den eigenen Schuldgefühlen entwirren. Und doch hat wohl jeden Betroffenen oder Zeugen diese Vergangenheit  beschäftigt, ganz hinten im Kopf, mal mehr mal weniger. Manche Zeugenschaft von  Gewalt an Mitschülern hat dir fürs ganze Leben Schuldgefühle gemacht, weil du für den Kameraden nicht eingestanden bist und vielleicht einfach nur gedacht hast, gut, dass es nicht dich erwischt hat.

 

Wohin hätten wir gehen sollen? Wem sollten wir unsere Geschichte Ende der 50er Jahre, der 60er und der 70er Jahre erzählen? Wer hätte uns das denn abgenommen? Abgesehen davon, dass wir nicht in der Lage gewesen wären, die Verstrickung mit dem Täter zu lösen und zu begreifen und ohne Angst vor Vergeltung zu schildern, was geschehen ist. Als Opfer eines Gewaltverbrechens durch Fremde, sei es Raub oder Vergewaltigung oder was auch immer, weißt du sicher, dass du Opfer geworden bist und identifizierst den Täter als Täter. Als Opfer eines Gewaltverbrechens in der Familie oder einer familienähnlichen Institution, sei es Missbrauch oder Misshandlung oder was auch immer, kannst du als abhängiges Kind in der Regel den Unrechtscharakter nicht abgrenzen und erst recht nicht den Täter als Täter demaskieren. Du bist verstrickt mit ihm und dem System drumherum. Wir haben zur Klärung 45 und mehr Jahre gebraucht und sind noch dabei. Einige von uns waren nicht wenig irritiert, als der Richter Merzbach im Zusammenhang unserer Berichte 2010 die uns widerfahrenen Taten unverblümt als Verbrechen diagnostizierte. Es dauerte, bis alle diese Diagnose, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden waren, für sich selbst annehmen konnten.

 

Das Reden geht auch jetzt erst, weil wir in einem Alter von in der Regel über 60 Jahren schonungslos mit uns sein können. Wir dürfen uns als beschädigt bekennen, es war meist trotzdem was aus uns geworden. Wir hatten Angst vor fantasierter grundsätzlicher Ablehnung, weil wir selber glaubten, niemand könne freiwillig einen so verletzten Menschen und vielleicht auch noch zusätzlich bekennenden „psychisch Schwerbeschädigten“ zum Freund, zum Mann, zum Liebhaber, zum Kollegen haben wollen. Traumatisierende Kindheitserlebnisse sind oft dissoziiert, sind vergessen, um den Alltag leben zu können. Sie brauchen einen Anlass, um wieder erinnert zu werden: Bilder, Berichte anderer Betroffener, ähnliche Erlebnisse oder Teile davon.

 

Es gibt viele Gründe dafür, weshalb Opfer und Mitbetroffene sich meist erst für eine Aufarbeitung entscheiden, wenn sie ihre Lebensmitte überschritten haben. Der wichtigste Grund gewiss: Was Opfer bis zur Lebensmitte und manche ihr ganzes Leben hindurch tun, ist etwas, was sie schon während der Taten schwer genug lernen mussten, nämlich „ihre Ressourcen stärken“, um zu überleben. Sie wollen zumindest nach der Tat ein Leben jenseits des Opfer- Seins, jenseits des Krieges z.B., jenseits des Missbrauchs aufbauen. Auch andere Opfer, seien es die Opfer des Holocaust, des Krieges oder der Vertreibung reden meist ebenfalls erst nach 30 bis 40 Jahren über das Erlebte- weil sie anders nicht überleben würden.

 

Wir hatten ferner keine wirklichen Worte für das, was uns geschah. Was hätten wir sagen oder anzeigen sollen? Das Wort „Missbrauch“ gab es so nicht. Irgendwie hieß das so grob „Unzucht mit Abhängigen“- aber das war sehr abstrakt und konnte das nicht sein, was der Pater mit uns machte und was, wie er sagte, Ausdruck seiner Liebe und Zuneigung zu uns oder Ausdruck seiner fortschrittlichen und zeitgemäßen Art der sexuellen Aufklärung war. Es diente ja uns und nicht ihm. Uns zum Erguss zu bringen, ihn kostete das Überwindung. Was sonst? Wie kann ein solches Geschenk an uns Missbrauch oder Eigennutz oder Unzucht sein? Geschwiegen haben wir Jungs auch deshalb, weil wir unseren Kummer niemandem zeigen wollten. So seltsam sich das anhört, ein Junge kennt eben keinen Schmerz, der hält aus. Ein bedürftiger Junge erst recht.

 

Warum geschwiegen so lange Jahre? Weil wir beim Erinnern jedes Mal unsere eigene Würde wiedergewinnen müssen. Die eigene Würde wiedergewinnen, wo doch Verachtung für dieses Mädchen oder diesen Jungen, die das mit sich haben machen lassen, viel näher läge. Wann kann jemand über Missbrauch und Gewalt reden und mit wem? Auch engste Freunde haben sich 30 Jahre lang und mehr nicht über das ausgetauscht, was damals vorfiel. Das gilt sogar für missbrauchte Geschwister, die heute damit leben müssen, dass sie das jüngere Geschwisterkind doch jeweils hätten warnen können. Und die Geschwister fragen: warum hast du uns das nicht gesagt? Dann wären wir doch nicht…

 

Wir beschämen uns in jeder Erinnerung, denn wir waren beteiligt. Glaubten zum Beispiel an den "faulen Apfel", der eben aussortiert werden musste, erzählten diese Geschichte uns und anderen. Hielten selbst Ausschau nach Äpfeln mit braunen Flecken und versuchten die eigenen Flecken zu verbergen.

 

In diesem Zusammenhang stellt sich eine weitere Frage: Ihr habt solange geschwiegen, und jetzt redet Ihr. Warum genügen Euch das private Aufschreiben und das Lesen des Aufgeschriebenen durch Partner und Freunde nicht? Warum müsst Ihr Euch auch noch öffentlich ausbreiten in dieser schwer erträglichen Art und Weise, warum dieser Voyeurismus? Die Antwort ist vergleichsweise einfach: weil Missbrauch neben allen anderen Aspekten vor allem das ist: aufgezwungene Intimität und Heimlichkeit. Gegen Heimlichkeit und ungewollte Intimität das passende Gegen- Mittel ist Öffentlichkeit und Publicity. Besonders dann, wenn die Verschleierung und die Vertrautheit mit dem Täter das Opfer ein Leben lang begleitet hat.

 

Damals waren wir Kinder, höchstenfalls, recht besehen, reichlich naive Jugendliche. Wir hatten nicht im Ansatz einen Begriff für das, was uns widerfuhr. Wir haben uns geschämt, darüber zu reden, weil wir nicht wussten, was eigentlich geschah. Wir kannten schon solche Begriffe wie Vergewaltigung und Unzucht mit Abhängigen. Wir hatten durchaus Angst vorm Schwarzen Mann, dachten aber, das ist etwas Brutales, dazu gehört Blut und Polizei, gar Mord. Der Missbrauch an uns war aber nicht so- aber weniger schlimm war er deshalb nicht.

 

Etliche von uns haben Therapien gemacht und können nun reden, viele können auch jetzt noch nicht reden. Die Folgen von Missbrauch und Gewalt sind Teil unserer Persönlichkeit geworden. Für die Betroffenen bekommen die Worte des Generaloberen der Redemptoristen Pater Dr. Josef Pfab 1980 zum 100jährigen Bestehen des Collegium Josephinum eine eigene Wirklichkeit: "Das Collegium Josephinum hat im Laufe seiner Geschichte vielen Schülern ein solides Fundament fürs Leben gegeben."  Ein Fundament lebenslänglich- errichtet nach der Zerstörung des Selbst. Solid gewiss. Für die meisten Betroffenen mehr Fragen denn Antworten.

 

Ehe wir darüber reden konnten, waren die Taten verjährt.

 

 

 

Warum machen wir aus einer Mücke einen Elefanten?

 

Die ‚normale’ Ohrfeige hat uns nicht geschadet- wahrscheinlich. Sie war berechenbar und von uns selbst bei der jeweiligen Missetat eingepreist. Wir konnten auch schon als Kinder unterscheiden, was ‚normal’ war und was ‚brutal’ war. Stockschläge waren brutal, Prügel mit dem Kreuz, bis das Kreuz und der Gekreuzigte zerbrachen, auch. Schläge, die den Handabdruck im Gesicht noch zwei Stunden sehen ließen, waren brutal. Einen Jungen zum Bösen anleiten und danach bestrafen war abartig. Psychischer Sadismus und Willkür waren zerstörerisch. Und es waren keine Einzelfälle.

 

Aufklärungsunterricht mit Pornobildern war Grenzüberschreitung, Schüler Pornohefte besorgen lassen war mindestens feige. Jungen unter der Bettdecke zum Orgasmus zu bringen war Missbrauch. Mit Jungen gemeinsam handgreiflich zu üben, vor dem Höhepunkt mit der Stimulation aufzuhören, war pervers. Jungen zu penetrieren war Vergewaltigung. Jungen zu diesem Zweck einzusperren war Freiheitsberaubung. Mädchen ins Zimmer zu locken und zu versuchen es zu penetrieren war damals strafbar- auch für Beichtväter.

 

Wir wollen, dass alle Taten vom Orden der Redemptoristen aufgearbeitet werden und dass aktiv nach weiteren Opfern gesucht wird. Wenn Schaden entstanden ist, wollen wir entschädigt werden. Wir wollen Abschied von diesem Teil unserer Vergangenheit nehmen können. Wir wollen uns sicher sein, dass zukünftig keine strafbaren Handlungen mehr toleriert werden. Wir wollen für eine sichere und fürsorgliche Zukunft unserer Kinder sorgen.

 

Mithin waren die eigenen lebenslangen Versuche, umgekehrt aus dem Elefanten eine Mücke zu machen, offensichtlich schlussendlich dann doch vergebens. Wir sprechen und schreiben über die eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, weil das etwas ist, was uns geprägt hat- ein Leben lang. Wir sprechen auch deshalb so hörbar öffentlich darüber, weil wir schockiert sind darüber, dass die meisten von uns den Übergriff damals in unserer Kinder- und Jugendzeit gar nicht als das erkannt haben, was er war: ein Verbrechen. Daraus resultieren heute unsere starken Überzeugungen und auch unser Engagement in Bezug auf Prävention.

 

Wenn man solche Erfahrungen beschreibt, hat es schnell den Anschein, als wolle man sich als Opfer darstellen. Opfer sind wir in der konkreten Situation tatsächlich gewesen. Aber indem wir erzählen und berichten, nehmen wir unsere Geschichte wieder selbst in die Hand und tun das Gegenteil vom "Opfern"- wir entopfern uns. Und wir alle, die wir zu reden begonnen haben, haben ein Stück neues Leben dazugewonnen.

Was wir als Missbrauchsopfer mitzuteilen haben. Geschichten und ihre Wahrheit.

 

Gemeinsam mit anderen Gruppen und Einzelpersonen haben wir nach 6 Jahren intensiver öffentlicher Debatte 2016 wichtige Fragen in Bezug auf das Mitteilungsbedürfnis von Missbrauchsopfern für eine breite Öffentlichkeit so zusammengefasst:

 

Wahrnehmen und verstehen können, was Missbrauchsopfer uns mitteilen

 

Die vergangenen Jahrzehnte über haben sich immer wieder von sexueller Ausbeutung, Misshandlung und Gewalt betroffene Menschen, umgangssprachlich als „Missbrauchsopfer“ bezeichnet, öffentlich zu Wort gemeldet und von dem berichtet, was ihnen widerfahren ist. Dies geschah in Wellen, die letzte setzte 2010 ein und flutete unsere Gesellschaft so stark, dass sie sogar als „Missbrauchstsunami“ bezeichnet wurde. Die Schilderungen der Betroffenen lösen unterschiedliche Gefühle bei ihren Adressaten aus. Sie reichen von Anteilnahme und Mitgefühl über Entsetzen und Schaudern, bis hin zu Skepsis, Zweifeln und sogar Misstrauen und Ablehnung. Für die Opfer sind die Reaktionen ihrer Mitmenschen äußerst bedeutsam. Zu oft hatten sie in ihrer Kindheit und Jugend, aber auch noch als Erwachsene erleben müssen, dass man ihnen mit Unglauben begegnete. Unabhängig davon, dass dies häufig nur vorgeschützt wird, um die, welche das Unsagbare aussprechen, zum Schweigen zu bringen, brüskieren und verletzen diese Verhaltensweisen Betroffene sehr. Sie werden von ihnen als Ausschluss, Abwehr und Ausgrenzung erlebt und dieser Effekt ist oft wohl auch beabsichtigt. Manche Menschen bezeichnen das sogar als „zweiten Missbrauch“. Nicht nur von Opfern hört man deshalb immer wieder die Forderung, man möge dem, was sie berichten, Glauben schenken. Bedeutet das aber, man sollte die Schilderungen von Missbrauchsbetroffenen grundsätzlich 1 : 1, gewissermaßen digital, wortwörtlich nehmen? Ganz sicher nicht. Der Aufruf kann lediglich als Motivation aufgefasst werden, sich klar zu machen, wie verbreitet sexueller Missbrauch ist und wie schwer es Betroffenen gemacht wird, das was man ihnen angetan hat, zum Ausdruck zu bringen.

 

Grundsätzlich darf man sich die Frage stellen, ob es notwendig ist, in allen Bezügen zum Thema die Maßstäbe, die derzeit von der Justiz an die Glaubhaftigkeit der Schilderungen von Missbrauchsbetroffenen angelegt werden, zu verwenden. So wird leider immer noch häufig verfahren, nicht nur, wenn es um Kostenübernahmen für Psychotherapien oder Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz geht, sondern auch im Alltag. Denn selbst wenn sich jemand nicht genau an Ort, Uhrzeit und Details im Zusammenhang mit den an ihm verübten Missbrauchstaten erinnert, bedeutet das nicht, dass diese nicht passiert sind. Es gibt Gewalterfahrungen, die sich detailliert, exakt und wieder abrufbar in das Gedächtnis „eingebrannt“ haben. Andere Erinnerungen sind in der traumatischen Situation zersplittert und müssen erst mühsam wieder zusammengesetzt und dann als verarbeitete Erinnerung im biografischen Gedächtnis eingeordnet werden (in einem längeren Verarbeitungsprozess durch eigene Selbstheilungskräfte und/oder mit Hilfe einer Traumatherapie). Insbesondere sehr frühe Erfahrungen (als Baby, Kleinkind) werden oft nur in Teilen erinnert, z.B. als Todesangst ohne dazugehörende Bilder und Informationen, was konkret diese Todesangst ausgelöst hat. Das menschliche Grundbedürfnis nach Verstehbarkeit und Handhabbarkeit kann dazu führen, dass bewusst oder unbewusst nach Erklärungen gesucht wird. Oft kann im Rahmen des Verarbeitungsprozesses eine stimmige Erklärung gefunden werden, in anderen Fällen bleibt dies vage oder unbekannt. Es kann ein wirksamer Überlebensmechanismus in traumatischen Situationen sein, dass die Erinnerung zersplittert und so nicht als Ganzes ertragen werden muss, oder dass eine andere, weniger schreckliche Begründung gefunden wird. Viele Betroffene kennen den eigenen Zweifel, ob das Erlebte wirklich wahr sein kann. Manche Erkenntnisse sind so furchtbar und bezeugen einen so umfassenden Verrat durch die Personen im nächsten Umfeld der kindlichen Opfer, dass sie nicht aushaltbar sind und stattdessen abgespalten oder umgedeutet werden müssen. Das betrifft direkt Betroffene ebenso wie ihr soziales Umfeld und die Gesellschaft. Ein Beispiel: Der fürsorglich erscheinende, sozial und beruflich engagierte Vater und Kollege, der seine Kinder sexuell missbraucht und Missbrauchsabbildungen im Internet konsumiert. Wir wollen das nicht glauben! Noch weniger, wenn die Umstände der sexuellen Ausbeutung und Misshandlung verbreitete Rollenvorgaben brechen, weil es sich bei den Tätern um Respektspersonen, z.B. Priester handelt. Oder der Missbrauch durch Frauen verübt wird. Aber ohne genaues Hinsehen und Wahr-Haben können keine Intervention, keine Prävention und keine Verarbeitung des Erlebten stattfinden. Auch deshalb ist es so wichtig, dass die Gesellschaft im Großen wie im Kleinen Rahmenbedingungen schafft, damit Betroffene und ZeugInnen sprechen, gehört werden und sich damit auseinandersetzen können. Das gilt nicht nur für komplex traumatisierte Menschen, die oft schon von frühester Kindheit an manipuliert, konditioniert, separiert, auf grausame Weise mental zugerichtet wurden und deren Erleben und Erinnern sich nachvollziehbarerweise von dem der meisten Menschen, die so etwas nicht erleiden mussten unterscheidet. Sondern für alle, die als Kinder bzw. Jugendliche erleben mussten, was offiziell nicht sein darf.

 

Die begonnenen Prozesse der Aufklärung und Aufarbeitung haben uns gerade in den vergangenen Jahren aufgezeigt, dass viele Schilderungen von traumatisierten Menschen genauso übersetzt werden müssen wie ein fremdsprachlicher Text und interpretiert wie ein abstraktes Gemälde, ein kunstvoller Liedtext oder ein Stück moderner Lyrik. Die Berichte sollten in ihrem Kontext gehört und verarbeitet werden. Das Handwerkszeug und das wissenschaftliche Fundament dazu liefert uns die Psychotraumatologie. Hinter den Schilderungen von Betroffenen organisierter bzw. ritueller Missbrauchskriminalität, sie seien von fremden Wesen entführt und gefoltert worden, kann sich die Tatsache verbergen, dass es KindesmissbraucherInnen gibt, die ihren Opfern bewusstseinsverändernde Substanzen einflößen, um sie besser sexualisiert foltern zu können. Kultische Anleihen, Fackeln, Masken, Embleme, Rituale dienen als Kaschierung für grausamen Sadismus und Kinderhandel. Es kommt auch vor, dass jemand, der in ein Gefüge hineinwächst, welches die Bezeichnung „Familie“ oder „Gemeinde“ nicht verdient, vieles von dem Schrecklichen, das er erlebt hat, nur bruchstückhaft und eben aus einer kindlichen Perspektive heraus erinnern kann. Und ein Kind, das quasi aus einem Hinterhalt heraus mit den schädigenden Seiten pervertierter erwachsener Sexualität konfrontiert wird, kann in einen Zustand maßloser Erschütterung geraten, in dem es ihm eben nicht gelingt, das Erlebte so zu erinnern und wieder zu geben, dass es im korrekten zeitlichen, örtlichen und sachlichen Kontext steht. Trotzdem ist es Realität und wahr. Wer sich auf diese Weise mit den Berichten der Missbrauchsbetroffenen auseinandersetzt, aufgeschlossen, kundig, wertschätzend, aber mit der notwendigen Portion gesunder Distanz, wird in ihnen Realitäten abgebildet finden, die überall in unserem Alltag vorhanden sind, aber nach wie vor gut verborgen werden.

 

Klar zu unterscheiden ist dies von der Wahrheitsfindung im juristischen Kontext. Sexuelle Gewalt ist meist eine Straftat ohne weitere Zeugen und ohne Sachbeweise (eindeutige Verletzungen, Videoaufzeichnungen etc.). Im Strafverfahren ist deshalb die Aussage der/des Opfers (OpferzeugIn) ein wesentliches und oftmals das einzige Beweismittel. Im Rechtsstaat soll niemand zu Unrecht verurteilt werden, es gilt das Grundprinzip „im Zweifel für den Angeklagten“. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Beweisbarkeit der geschilderten Taten. Sehr häufig muss das Verfahren eingestellt werden, weil eine Wahrheitsfindung mit juristischen Mitteln nicht möglich ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Opfer lügt bzw. (unwahre) „Geschichten erzählt“.

 

Wir möchten deshalb dazu anregen, den Begriff „Geschichten“ in Bezug auf sexualisierte Traumatisierungen, die in Kindheit und Jugend erlebt und später von den Betroffenen berichtet werden, sehr bedacht zu nutzen. Es hat für Betroffene von Kindesmissbrauch - zumindest zu Beginn der eigenen Aufarbeitung - eine zentrale Bedeutung, wie das Umfeld ihre Schilderungen aufnimmt. Ob man ihnen offen begegnet und Anteil nimmt oder Unglauben äußert. Das Risiko, durch ihre Selbstoffenbarung stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden, wiegt für die Opfer wesentlich schwerer als mutmaßliche Vorteile, die sich durch eine besondere Aufmerksamkeit ergeben könnten. Und falls dies überhaupt einmal eintritt, verfliegt der Effekt schnell. Daraus die generelle Notwendigkeit abzuleiten, Missbrauchsschilderungen grundsätzlich erstmal für unglaubwürdig zu halten, ist daher genauso wenig gerechtfertigt, wie ein unreflektiertes Vertrauen auf den Realitätsgehalt des Dargestellten.

Berlin-Köpenick, den 25. September 2016

 

 

Angelika Oetken, Sexualisierte Misshandlung-Betroffenenteam, Aktivverbund e.V., Co-Sprecherin des Betroffenenbeirats des Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch, Mitglied eines Gremiums der Clearingstelle

Jacqueline Ehmke, Sexualisierte Misshandlung-Betroffenenteam, Mitglied des Betroffenenbeirats des Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch, Mitglied des Lenkungsausschusses Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch

Sylvia Witte, 1. Vorsitzende „MoJoRed e.V.“ (Missbrauchsopfer Josephinum und Redemptoristen), Mitglied des Betroffenenbeirats des Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch

Maren Ruden, Betroffeneninitiative „Die Rose“, Mitglied des Betroffenenbeirates und des Lenkungsausschusses Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch

Winfried Ponsens, Geschäftsführer von „MoJoRed e.V.“ (Missbrauchsopfer Josephinum und Redemptoristen), Mitglied des Betroffenenbeirats des Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch

Heidelore Rampp, Arbeitsgemeinschaft Ehemaliger Heimkinder Deutschlands (AeHD), Mitglied des Betroffenenbeirats des Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch

Renate Schusch, Aktivverbund e.V., Mitglied des Betroffenenbeirats des Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch

Jörg-Alexander Heinrich, Eckiger Tisch Bonn e.V., Co-Sprecher des Betroffenenbeirats des Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch