Aktuelles

16.11.2018  Täterstrategien Faszination und Geld: Zauberpater L. und Zirkuspater Schönig. Pater Heinz- Peter Schönig, bekannt als der Zirkuspater,  hat sich ebenfalls des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht.

 

Es ist schon auch deprimierend, wenn "Lichtgestalten" der Kindheit als Verbrecher entlarvt werden. Auch wir Opfer wehren uns innerlich dagegen, wenn einer unserer Idole, mit besonderem Charisma versehen, durch Verbrechen das Leuchten in unsren Augen zum Erlöschen bringt.

 

Wie uns kürzlich mitgeteilt wurde, gilt das nach dem Zauberpater L. aus dem Orden der Redemptoristen auch für den vielleicht noch berühmteren Zirkuspater Heinz- Peter Schönig aus dem Orden der Pallotiner.

 

Pater Schönig ist allen Internatsschüler bestens bekannt, insofern wir alljährlich einen der großen Zirkusse, die in Bonn gastierten, besuchen durften. Das hat Pater Schönig zusammen mit Pater Welzel für uns organisieren können. Als Gegenleistung gestalteten wir Internatsschüler bzw. ein Teil von uns ein feierliches Hochamt im Zirkuszelt mit Chor und Messdienerei oder umrahmten die feierliche Trauung eines artistischen Hochzeitpaares. Heute müssen wir bitter fragen, ob es auch andere Gegenleistungen durch Ministranten gegeben hat außer dem "Dienen" in der Messe.

 

Missbrauch von Kindern auf dem Hintergrund besonderer Zuwendung und besonderen priesterlichen Engagements und Charismas zu organisieren, erscheint als einer der Täterstrategien, die besonders erfolgreich sind. Eine Täterstrategie, die auch noch Jahre später wegen der ausgeübten besonderen Faszination durch den Täter vom Opfer kaum als solche entlarvt werden kann. Besonders bei diesen scheinbaren Lichtgestalten hält sich in uns ein ungläubiges Kopfschütteln, dass dieser oder jener Täter war- das gilt sogar für die, die von sich wissen, dass sie selbst Opfer waren. In der Folge sind Übergriffs- Meldungen  gerade in diesen Fällen besonders selten.

 

Pater Schönig wurde in den 50er Jahren von Papst Pius XII. zum Zirkuspater berufen. Er verstarb 2003. Der Pallotinerorden hat unseres Wissens bisher 1 Opfer offiziell anerkannt. Weitere Opfer werden vermutet.

 

Der aus Deutschland stammende Pallottinerpater P. Heinz-Peter Schönig borgte sich immer Ministranten von der Pfarre Breitenfeld in der Wiener Josefstadt für seine Zirkusmessen aus. Dabei kam es mehrfach zu sexuellen Grenzüberschreitungen. In einem Hotelzimmer kam es 1972 während eines Beichtgesprächs zu einem offenen Verführungsversuch getarnt als Massagespielchen gegen über Michael Tfirst.

Tfirst wollte über seinen Wunsch Priester zu werden reden und dass er gerade erfahren habe, dass er ein Adoptivkind seines leiblichen, tiefgläubigen Großvaters sei und was dieser mit seiner leiblichen Mutter anstellte. Zirkuspater Schönig starb an einem Herzinfarkt, als Michael Tfirst 2002 im Zuge einer Sammelklage in Österreich gegen Kirchenleute (Verfahren um Erzbischof  Groer) vor Beginn der Gerichtsverfahren den Namen Pater Schönig öffentlich publik machte. Tfirst hatte den Vorfall mit Pater Schönig kirchenintern schon 1972 bekannt gemacht, doch es folgten keine Konsequenzen.

Ähnlich wie Pater L. ließ sich Pater Schönig nicht an eine Ordens- Kommunität anbinden, geschweige denn dass er Vorgaben der sog. Vorgesetzten befolgte, beide Männer wurden im Umfeld des Ordens kaum wahrgenommen. Ähnlich wie Pater L., der sich in der Eifel einen Bauernhof kaufen und ihn aus eigenen Mitteln zu einem Jugendheim umbauen konnte, verfügte auch Pater Schönig laut einem Bericht des Fokus über ein erkleckliches Privatvermögen. 

Pater Heinz- Peter Schönig führte ein Leben unter Stars und Sternchen. 50.000 Kilometer pro Jahr legte der Seelsorger in Auto, Flugzeug und Bahn zurück, um sich im Auftrag des Papstes um die Ängste und Nöte von Artisten, Schaustellern und Dompteuren zu kümmern. Seine Mitbrüder, die Pallottiner, sahen ihn kaum. 2002 nach öffentlichem Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe fesselte ein Infarkt den 76-Jährigen ans Bett. 2003 verstarb er.

Schönig besaß durch eine Erbschaft ein Vermögen von über eine Million Euro in Wertpapieren und Gold. Das hatten seine Mitbrüder nach dem Infarkt umgehend sichergestellt. „Schönig war darüber so erzürnt, dass er die Pallottiner aus seinem Testament streichen und stattdessen seinen Cousin bedenken wollte“, berichtete der Mannheimer Rechtsanwalt Manuel Tanck, der Schönigs Cousin vertrat. Der Pater habe sogar einen entsprechenden Testamentsentwurf aufsetzen lassen. Einen Tag vor Unterzeichnung starb Schönig. 

 

14.11.2018 Neuer Bericht eines Betroffenen zu Pater W. Segeroth bestätigt in kurzen Szenen zum wiederholten Mal, auf welch perfide Weise Jungen im Internat der Redemptoristen in Bonn beschädigt wurden

 

Der zugesandte Text wird hier leicht redigiert (Anonymisierung der Opfer, Satzkonstruktion) und  zum besseren Verständnis kurz kommentiert wiedergegeben. Der Verfasser des Berichts ist der Redaktion namentlich bekannt, will aber anonym bleiben. Er zählt nicht zu den "offiziell gezählten" Betroffenen, weil er bisher weder zum Orden noch zum Missbrauchsbeauftragten Vertrauen gefunden hat, um an diese zu berichten:

 

"In allen Jahrgangsstufen war ich für die Bibliotheken verantwortlich, aber immer nur als zweiter, weil W.S., mir nicht getraut hat. Viele Nächte lang habe ich die Bibliotheken geordnet, katalogisiert, die ramponierten Exemplare repariert, wieder lesbar gemacht und eingebunden. Ich will nicht klagen, weil ich das gerne gemacht habe. Aber Dank? Niedergemacht hat er mich bei einer seiner Zurechtweisungen und ich solle mir bloß nicht einbilden, für die Gemeinschaft etwas geleistet zu haben.

 

Seine Art, das Selbstwertgefühl von uns zu zerstören, hatte Methode. Es war beschädigt, bevor es sich entwickeln konnte.

Ist das auch ein Grund, warum sich Opfer aus solchen Beziehungen noch lange Zeit schuldig fühlen?

 

Jeden nieder zu machen mit seinem Geschrei, der zum "Grinsen" das Gesicht verzog, ihn am liebsten vor der versammelten Mannschaft zu nötigen, ihm auf der Stelle den Grund für die Heiterkeit zu nennen, war für alle, aber besonders das Opfer, beschämend. Und wie er unseren Mitschüler C. M., der unter Stress seine Gesichtszüge nicht wie andere in der Gewalt hatte, wegen seines "Grinsens" fertig machte, war eine schlichte Sauerei. Die Mimik war weder ein Lächeln noch ein anderer Ausdruck von Freude sondern zumeist das Gegenteil.

 

Nur einer, A., grinste nicht, er wurde freundlich gefragt, warum er "lächeln" würde. Dies habe ich für mehrfache Situationen in Erinnerung. Ich fand das einfach zum Kotzen.

 

Ich erinnere noch, als wieder einmal in einer "Geistlichen Anleitung" oder wie auch immer die kollektiven Gehirnwäschen genannt wurden, er außer sich bellte: "Wir sind hier nicht in Kölnstraße 415 (CoJoBo) sondern in Kölnstraße 208 (die psychiatrische Landesklinik, im Jargon Irrenanstalt)". Normalerweise wäre das eine Kabarett-  Nummer zum lauten Loslachen gewesen, aber, wir, die dressierten Äffchen, haben mit geschlossenen Gesichtern verharrt.

 

Irrsinnig, wie er beliebte, uns über die verdorbene Schlagermusik zu belehren. Irgendeine nichts sagende weibliche Trällerei hat er für eine "Geistliche Anleitung" zum Anlass genommen, uns zu belehren. Dieses Geschwätz habe ich damals schon als großen Quatsch empfunden. Aber: gegrinst habe ich nicht; für solche Situationen habe ich mein Ruhegesicht.

 

Und: wenige Wochen nach seinem Rausschmiss ist er zu Frl. Hohnfehlmann gefahren und hat ihr erklärt, die Gerüchte, die über ihn im Umlauf wären, seien frei erfunden. Ich habe diese freundliche Frau einige Jahre später per Zufall getroffen, eher hat sie mich getroffen, und sie wollte wissen, was sie nicht glauben sollte.

 

Und wiederum in einer "Geistlichen Anleitung": er holte Pornohefte triumphierend hervor, die er angeblich bei einem Mitschüler unter dem Kopfkissen gefunden hatte (was hatte er eigentlich dort zu schnüffeln?). Er zeigt uns unsere und der Welt Verderbtheit.

 

Als er mich wieder einmal einer peinlichen Befragung unterzog, bei der ich auf das äußerste angespannt war, nur nichts Falsches zu sagen, habe ich mit den Beinen heftig gezittert. Damals wusste ich schon warum, habe es allerdings verdrängt, verlogen oder was auch immer.

 

Und sofort wollte W.S. den Grund wissen: ich habe doch sicherlich nicht Angst vor ihm - Natürlich nicht! - Warum denn? Wovor ich Angst habe, hat er gebohrt. Weil mir auf die Schnelle nichts Anderes einfiel, habe ich geantwortet: ich hätte Angst vor mir selbst.

 

Das war so ein schönes Ergebnis, dass er das abends bei der "Geistlichen Anleitung" mit Namensnennung präsentierte."

 

Kommentar:  

Was der Autor "Geistliche Anleitung"  nennt, hieß in Wirklichkeit "Betrachtung" (geistlich) und "Ordnungskonferenz" (weltlich). Letztere war besonders gehasst und gefürchtet. Die Belehrungen und Tiraden raubten den Internatszöglingen unter Segeroth viele Stunden eigentlich zustehender Freizeit. 

Der inkriminierte Schlager war "Adelheid schenk mir einen Gartenzwerg" von Billy Sanders (https://www.youtube.com/watch?v=WTAIh2IVS1c), später gecovert von den Jakobsisters und Tony Marshall. Wir wurden "aufgeklärt", dass die Gartenspritze und andere Worte im Schlagertext Synonyme für versteckte sexuelle Anspielungen seien. Im Übrigen tat der Teufel in allen Schlagern sein böses Werk und versteckte vornehmlich in ihnen verderbliche sexuelle und antikirchliche Botschaften.

Fräulein Hohnfehlmann war die erste weibliche Präfektin im Internat und den Kindern so zugetan, dass sie ihr Amt schon nach einem Jahr wegen mangelnder Unterstützung durch die Internatsleitung aufgab. 

 

14.11.2018  Stellungnahme Betroffeneninitiative Missbrauch in Ahrensburg (MiA) zum Vorstoß der Ev. Kirche in Deutschland, sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche aufzuarbeiten (vorgestellt von Bischöfin Kisten Fehrs auf der 5. Tagung der 12. Synode der EKD vom 11. bis 14. November 2018 in Würzburg)

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14.11.2018   Update zur Gemeinsamen Stellungnahme von Betroffenengruppen (3. Juli 2018) zum 3. Öffentlichen Hearing „Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs am 27. Juni 2018 in Berlin

 

Die Aktivitäten der Aufarbeitungskommission, des Sonderbeauftragen und der Betroffenenvertretungen kommen nach unserem Eindruck in die Phase, in der sich ein Erfolg oder Misserfolg aller bisherigen Bemühungen abzuzeichnen beginnt. Aus Sicht der Betroffenen gibt es wenig Anlass zu Optimismus, das hat uns das 3. Hearing leider erneut anschaulich erfahren und erleiden lassen. Wenn das Ganze nicht zu einem erneuten Desaster für die Betroffenen werden soll, müssen die Weichen jetzt noch einmal neu gestellt werden. Wir haben das Gefühl, ohne den benötigten Impuls könnten wir uns mit Veranstaltungen, Tagungen etc. nur noch im Kreis drehen.

Die Kirchen genießen in unserem Gemeinwesen Privilegien, die in die Überlegungen einbezogen und gegebenenfalls überprüft werden müssen, wenn die Kirchen die von ihnen erwartete Kooperationsbereitschaft und gesellschaftliche Solidarität auf Dauer vermissen lassen.

 

1. Wo stehen wir mit dem politisch-institutionellen Bemühen um Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs und bei der Aufarbeitungskooperation mit den Kirchen?

Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass stets nur dann Fortschritte erreicht werden konnten, wenn Öffentlichkeit hergestellt wurde und öffentlicher Druck entstand. Alles Zureden, Vorschlagen und Einfordern hat in der Substanz und im Wesentlichen zu nichts geführt. Die Kirchen reagieren auf die Erwartungen und das Hoffen der Betroffenen auf Anerkennung und wirksame Entlastung vor allem mit neuen Präventionsprogrammen. Damit können vielleicht (im besten Falle) künftig neue Taten verhindert werden, zu einer Kompensation der bisherigen Taten tragen sie nicht bei. Nach Jahren der Bemühungen um Aufarbeitung hat sich der Eindruck verfestigt, dass die Kirchen kaum mehr als wohlfeiles Reden zur Wiedergutmachung einzusetzen bereit sind. Das ist uns zu wenig.

Darüber hinaus sieht es heute leider so aus: Die Kirchen haben die Verantwortung für die früheren Taten aus ihrer Mitte noch immer nicht voll übernommen, da erleiden viele Betroffene von damals – im hier und heute – abermals übergriffiges und sie massiv schädigendes Verhalten durch Kirchenangehörige. In den Aufarbeitungsprozessen seit 2010 sind durch die Unprofessionalität, Abwertung und das Fehlverhalten von Kirchenverantwortlichen neue Schäden entstanden, die von zahlreichen Betroffenen als genauso schrecklich erlebt werden wie die Ursprungstaten, von nicht wenigen sogar als noch gravierender.

Der Vortrag all dessen im Hearing führt zu keinen nennenswerten Reaktionen oder substanziellen Zugeständnissen der Kirchenvertreter. Die Betroffenen legen einmal mehr ihr Leid, ihre Ohnmacht und ihre Verletzlichkeit bloß - und die Kirche ist sprachlos vor Scham (!). – Wir hören von Bischöfin Fehrs ein Statement, das sie ziemlich wortgleich schon 2011 gehalten hat (und seitdem alle paar Wochen). „Als evangelische Kirche müssen wir Verantwortung dafür übernehmen, dass wir Schuld auf uns geladen haben.“ (Bischöfin Fehrs, Pressemitteilung der EKD vom 28. Juni 2018) (2).

Da muss nach acht Jahren doch mal ein Entwicklungsprozess einsetzen!

Viele Betroffene haben jetzt drei Phasen der Erniedrigung und Entwürdigung erlebt: 1) die oftmals lange zurück liegenden sexuellen und/oder gewalttätigen Übergriffe; 2) den Eintritt in die individuelle Aufarbeitungsphase; 3) das was wir aktuell miteinander versuchen: die Phase der lobbyistischen Interessenvertretung für die Betroffenen. In jeder dieser Phasen hatten/haben die Betroffenen Anlass, sich gedemütigt zu fühlen.

 

2. Was können wir jetzt noch erwarten? – Was sind unsere Forderungen?

Die Bundesregierung hat mit der Etablierung eines Beauftragten und einer unabhängigen Aufarbeitungskommission ermöglicht, dass diese Bestandsaufnahme quasi mit dem Dienstsiegel der Behörde amtlich gemacht wurde. Wenn die Bundesregierung die ehrlich erworbene Glaubwürdigkeit nicht einbüßen will, muss sie jetzt Maßnahmen ergreifen oder zumindest initiieren, die über das allgemeine Kopfschütteln und die Betroffenheitsrhetorik hinausgehen.

Die Aufarbeitungskommission kommt in die Bewährungsprobe und muss zeigen, wie unabhängig sie wirklich ist. Was gar nicht so einfach ist, wenn Christine Bergmann als allgegenwärtige graue Eminenz auch auf dieser Veranstaltung so hyperpräsent ist und in den Diskussionen u.a. einzelne Opfer der Kirchen drängt, sich in ihren Statements kürzer zu fassen. Frau Bergmann tritt in einer der Neutralität verpflichteten Rolle auf, tatsächlich muss sie aber der evangelischen Kirchenszene und Interessenssphäre zugerechnet werden. Sie ist der evangelischen Kirche seit jeher aufs engste verbunden und hatte dort regelmäßig verschiedenste Ämter und Funktionen inne. Bevor sie die erste Beauftragte für sexuellen Missbrauch wurde (2010/11), war sie jahrelang Mitglied der Kirchenleitung einer der evangelischen Landeskirchen (3).

 

 

Es bestehen Zweifel, ob Frau Bergmann in der Sache der Missbrauchsbetroffenen im kirchlichen Bereich über ausreichend persönliche Unabhängigkeit verfügt und gegenüber den Kirchen etwas beitragen kann. Eine tiefe Verunsicherung empfinden wir weniger aufgrund früherer Bezüge, als vielmehr dadurch, dass diese nicht offen gelegt wurden: Der Lebenslauf von Frau Bergmann auf der Internetseite der Aufarbeitungskommission weist für die betreffenden Jahre eine Lücke auf.

https://www.aufarbeitungskommission.de/kommission/kommissionsmitglieder/christine-bergmann/).

Übrigens gibt es auch in dem Wikipedia-Artikel über Christine Bergmann (https://de.wikipedia.org/wiki/Christine_Bergmann) (und auf der Website der Partei, der sie angehört) keinerlei Hinweis auf ihre kirchlichen Verbindungen. Sicherlich ein Zufall, vielleicht kann das gelegentlich mal jemand der Vollständigkeit halber ergänzen. Wir hoffen, dass es nicht an dem Einfluss von Frau Bergmann liegt, wenn sich der Eindruck vermittelte, dass die evangelische Kirche bei den politischen Aktivitäten der letzten Jahre tendenziell geschont wurde. Die Betroffenen von sexuellem Missbrauch reagieren sehr sensibel auf mögliche Manipulationsversuche.

Unsere sehr spezifischen Bedenken bitten wir, nicht als allgemeinen persönlichen Angriff auf Frau Bergmann zu verstehen. Die hohen Verdienste von Frau Bergmann für Betroffene von sexuellem Missbrauch bleiben unbestritten, sie verdienen und finden unseren Respekt und Dank.

 

Wir fordern:

 Wenn die Kirchen nicht bereit sind, unabhängige Anlaufstellen im Wirkenskreis der Kirchen zu schaffen, muss das der Staat übernehmen. Die Kosten sind von den betroffenen Täterorganisationen (4) zu tragen. - Sollte die Kirchen dem zuvorkommen wollen und doch noch für unabhängige Anlaufstellen sorgen wollen, so muss die Unabhängigkeit staatlicherseits eng geprüft werden.

 Vielleicht ist es sogar grundsätzlich die bessere Alternative, wenn der Staat die Organisation übernimmt. So oder so bedarf es der Erklärung der Kirchen, die Kosten zu übernehmen. Der Staat könnte vielleicht eine Vorfinanzierung erbringen, die Gesamtkosten würden schließlich anteilig auf die belasteten Einrichtungen umgelegt (z.B. nach Fallzahlen). Potentielle Einrichtungen sind Einrichtungen oder Arten/Gruppen von Einrichtungen, in denen es in der Vergangenheit zu Missbrauch gekommen war.

 Was an Wiedergutmachungsleistung von den Kirchen nicht freiwillig angeboten wird, muss dann auf anderem Wege realisiert werden. – Denn das Unrecht darf nicht einfach im Raume stehen bleiben! Wir würden zu einer Ungerechtigkeitsgesellschaft und die Opfer doppelt geschunden. Wer das Unrecht im Raume stehen lassen will, untergräbt und demoralisiert unsere Ordnung. Das ist keine rechtliche Frage, sondern eine gesellschaftspolitische, für die ein eigenes Instrumentarium zur Verfügung steht (siehe nächster Punkt).

 Es ist zu überprüfen, welche Privilegien der Kirchen in unserem Staate zurückzufahren sind, um einen angemessenen Ausgleich zu schaffen. Die auf diesem Wege beim Staat einsparbaren Mittel (aus den bisherigen Privilegien) könnten an Betroffene und Betroffenenorganisationen ausgeschüttet werden. Das entspricht einer Art Ersatz-Staatshaftung für durch die Kirchen zu verantwortende Schädigungen von Privatpersonen. - Die rechtlichen Voraussetzungen (Kündigung oder Annullierung von alten Vertragsgrundlagen) müssten ggf. zuerst geschaffen werden.

 Für die Bewertung eines Schadens durch Missbrauch und eines Schadens durch Rahmenereignisse des Missbrauchs ist es notwendig, ein System zu Fragen von Opferanerkennungsleistung von unabhängiger Seite und unter Einbeziehung von Betroffenen entwickeln zu lassen. Dieses darf sich nicht auf eine Sammlung von Standard-Kriterien und Standard-Erhebungsmethoden beschränken, da gleiche Sachverhalte unterschiedlich schwere Schäden auslösen können und Betroffene vor erneuten Verletzungen und Schädigungen durch entwürdigende Befragungen zur Ermittlung ihres exakten Schadens geschützt werden müssen. Ein solches System würde typische Schäden von Betroffenen erfassen, wie z.B. nicht realisiertes Einkommen (quantitativ) und der Verlust von Lebensqualität (qualitativ, aber auch quantitativ), sich darauf aber nicht beschränken.

 Von einer unabhängigen Kommission erwarten wir, dass die Mitglieder offen legen, wenn es intensive Berührungspunkte oder Abhängigkeitsverhältnisse mit Institutionen gibt, aus der besonders viele Missbrauchstaten bekannt sind. Auf Inkompatibilitäten muss geachtet und reagiert werden.

 

3. Unter welchen Bedingungen dürfen die Kirchen damit rechnen, dass ihnen als Institutionen verziehen wird?

In dem Hearing machten die Kirchenvertreter erneut deutlich, dass sie die Betroffenen um Verzeihung bitten wollten. Allerdings, die bisher angebotenen Verfahrensschritten …

 die hochrangigen Vertreter der Kirchen hören sich alle Berichte über die Taten an,

 sie versinken stellvertretend für ihre Institutionen vor Scham fast im Boden,

 sie überschlagen sich in nicht immer ganz stimmigen Präventivpaketen und Öffentlichkeitsmaßnahmen

 und sie bitten um Verzeihung,

… müssten noch vervollständigt und in die richtige Reihenfolge gebracht werden! Dann kann das durchaus funktionieren, es sähe optimaler Weise ungefähr so aus:

 Die hochrangigen Vertreter der Kirchen hören sich alle Berichte über die Taten an und alle Beschwerden über in den Aufarbeitungsprozessen erneut erlittenes Unrecht,

 sie gehen dem Angesprochenen in ihren jeweiligen Institutionen nach und sorgen für eine vollständige Aufklärung der Sachverhalte und Verfehlungen,

 sie treffen personelle und organisatorische Konsequenzen,

 sie leisten ohne wenn und aber eine Wiedergutmachung, die sich an einem Standardrahmen orientiert,

 viele Betroffene, die sich in dem Verfahren und im Ergebnis angemessen behandelt fühlen, werden vermutlich bereit sein, zu verzeihen.

 Parallel entwickelte sachgerechte Präventivmaßnahmen helfen, künftig Übergriffe zu verhüten, ohne über das Ziel hinaus zu schießen.

 

4. Abschließende Bemerkung:

Die beiden großen Kirchen in Deutschland müssen im Zusammenhang mit den hundertefachen oder tausendefachen sexuellen Missbräuchen, die aus ihren Reihen erfolgt sind, und vor dem Hintergrund der gewaltigen materiellen und immateriellen Schäden, die den Betroffenen daraus erwachsen sind, ihr Selbstverständnis klären: Sehen sich die Kirchen primär als betriebswirtschaftlich handelnde Unternehmungen an, die materielle Nachteile abwehren müssen, oder primär als werteorientierte Glaubensgemeinschaften, die ihre Ideale glaubhaft vorleben wollen.

Für wie schwerwiegend sehen die Kirchen die von ihnen zu verantwortenden Schäden an? Wie stark ist das Bedürfnis der Kirchen, diejenigen ethischen Werte, aus denen sie ihren Status als Autoritäten in moralischen und gesellschaftlichen Fragen in unserem Gemeinwesen beziehen, nicht nur zu predigen sondern – auch ohne dass es rechtlich erzwungen würde - konsequent auf sich selbst anzuwenden?

Das müssen wir, dass sollte die Kommission bei den Kirchen abfragen, und das Ergebnis dürfen wir den Bürgerinnen und Bürgern in unserem Land, unter denen auch viele gläubige Christen sind, zur Kenntnis bringen.

Zu guter Letzt möchten wir unseren Dank all denen gegenüber zum Ausdruck bringen, die das Anliegen von sexuell Missbrauchten in den letzten Jahren unterstützt haben und das hoffentlich auch weiterhin tun werden - auch wenn wir mit dieser Stellungnahme nicht für jeden bequem sein können. Denn das ist alleine den unbequemen Sachverhalten geschuldet.

Wir werden unsere kooperative Mitarbeit in den einschlägigen Initiativen und Gremien unvermindert fortführen, um unseren Beitrag zur Aufarbeitung und Lösung der bestehenden Herausforderungen und Probleme zu leisten.

 

(2) Fehrs 2014: „Wir als Institution Kirche sind schuldig geworden. Wir als Kirche tragen Verantwortung für Ihre Verletzungen." (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/missbrauchsskandal-bischoefin-nennt-experten-bericht-erschuetternd-a-997206.html)

 

(3) „Seit ihrer Jugend ist Bergmann in der evangelischen Kirche engagiert, während des Studiums etwa in der evangelischen Studentengemeinde. Nach dem Abschied aus der Politik war sie von 2003 bis 2008 Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) leitete sie zuletzt die Kommission, die das heftig umstrittene Familienpapier «Zwischen Autonomie und Selbstbestimmung» formuliert hat. Das Leitbild der partnerschaftlichen Familie sollte der Maßstab für kirchliches Handeln bei der Unterstützung von Familien sein, warb Bergmann 2013 bei der Vorstellung der Orientierungshilfe.“ Quelle: https://www.ekbo.de/themen/detail/nachricht/fruehere-bundesministerin-christine-bergmann-wird-75.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=1011&cHash=fbc7b7ae31023a6001610fd2c436118f

(4) Wobei Täterorganisation vielleicht der falsche Begriff ist, solange es keine Vereine sind, die von Tätern zu dem Zweck der Taten unterhalten werden; besser, aber immer noch unvollständig, wäre: „Tatort-Organisationen“.

 

 

Anselm Kohn und Stephan Kohn, Betroffeneninitiative Missbrauch in Ahrensburg

Astrid Mayer, Betroffene, Gemeinde Unterboihingen, Bistum Rottenburg-Stuttgart

Maren Ruden, Mitglied im Lenkungsausschuss des Ergänzenden Hilfesystems-Fonds sexueller Missbrauch, Betroffene von sexualisierter Gewalt im Kindesalter, familiärer Kontext

Bernd Held, Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg

Angelika Oetken, Initiative Sexualisierte Misshandlung-Betroffenenteam, Mitglied im Aktivverbund e.V., Co-Sprecherin des Betroffenenbeirates beim Fonds Sexueller Missbrauch, Mitglied eines Gremiums der Clearingstelle des FSM, Betroffene Tatort familiäres Umfeld

Heiko Schnitzler (Vorsitzender), Jörg Heinrich (Vorstand Revision), ECKIGER TISCH, Bonn

Monika und Dr. Henning Stein, Eltern eines Betroffenen, Mitglieder am Runden Tisch zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs

Jacqueline Ehmke, Initiative Sexualisierte Misshandlung Betroffenenteam, Mitglied im Lenkungsausschuss und im Betroffenenbeirat EHS-FSM, Betroffene Tatort Familie

Walter Hans, ehemaliges Heimkind in Hannover-Borstel und in Freistatt

Winfried Ponsens, Geschäftsführer von „MoJoRed e.V.“ (Missbrauchsopfer Josephinum und Redemptoristen), Mitglied des Betroffenenbeirats des Ergänzenden Hilfesystems - Fonds Sexueller Missbrauch

Peter Bringmann-Henselder, Berlin, Träger des Bundesverdienstkreuzes, Missbrauchsopfer und Fernseh-Journalist

Für Rückfragen stehen alle Unterzeichner zur Verfügung

 

28.09.2018   Bericht zum Jahrestreffen MoJoRed und Orden der Redemptoristen

Bericht folgt

27.09.2018    Jährliches Treffen mit der Ordensleitung der Redemptoristen und Jahreshauptversammlung MoJoRed

Der Termin des gemeinsamen Treffens ist wie vereinbart am Samstag, dem 6. Oktober 2018 von 11.00 Uhr bis 15.45 Uhr im Hotel am Römerturm, St. Apern Straße 32. Thema wird vor allem die Form der gemeinsamen weiteren Aufarbeitung sein.

 

Im Anschluss des Treffens gegen 16.00 findet die jährliche Hauptversammlung von MoJoRed statt. Thema hier vor allem der Überblick über das Jahresgeschehen (Rechenschaftsbericht) und die Form der Weiterarbeit mit dem Orden.

 

25.09.2018     Der Bonner Generalanzeiger berichtet zur Präsentation der Missbrauchsstudie und über die Pressemitteilungen von MoJoRed und Eckiger Tisch

25.09.2018  Scharfe Pressemitteilung des "Eckigen Tisches" anlässlich der Veröffentlichung des Missbrauchsberichts der Kath. Bischöfe

 Hier die Pressemitteilung des "Eckigen Tisches" im Original:

 

Pressemitteilung zur Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (MHG-Studie)

Betroffene: „Katholische Missbräuche sind das größte Verbrechen in der Bundesrepublik“

BERLIN/BONN 24.09.2018

„Das Ausmaß der Missbräuche in der katholischen Kirche muss als das größte Verbrechen in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet werden. Um nichts Geringeres handelt es sich hier. Dass Ordensschulen und -heime in der Studie nicht vorkommen und deren Betroffenenzahlen nicht hinzuaddiert werden, zeigt ganz aktuell das System der katholischen Kirche, welches in der Vergangenheit Täter intern versetzte und Verantwortliche diese decken ließ. Die Höhe der Opferzahlen und die kriminelle Energie, mit der Verantwortliche Missbräuche vertuscht und deren Geheimhaltung über das Kindeswohl gestellt haben, findet sich in keinen anderen Institutionen, als denen im System der katholischen Kirche“, so der ECKIGE TISCH BONN (ETB), Verein Geschädigter des Aloisiuskollegs (AKO).

„Jetzt weinen dieselben Bischöfe Krokodilstränen, die die Archive zur Aufklärung nicht ganz geöffnet haben. Dass sie nun die Deutungshoheit verloren haben, ist ein Glücksfall. Jetzt muss der Rechtsstaat agieren!“, so der ETB.
Etwas anderes als ein robustes Durchgreifen unseres Staates, Rücktritte der Verantwortlichen und Sanktionen gegen Vertuscher dürfe nicht in Frage kommen. Wie bei anderen Kriminalfällen üblich, müssten die Akten sichergestellt und durch unabhängige Experten ausgewertet werden, so die Forderungen der Betroffenen.

Das Aloisiuskolleg und der Jesuitenorden seien bis in die heutige Zeit Beispiele für Rhetorik, anstelle von wirklicher Aufarbeitung und Konsequenzen für das System, welches Missbrauch begünstigt hat. Man erklärt sich selbst zum Aufklärer und blockiert Fragen, die sich mit dem System des Ordens und den Ursachen für Missbrauch beschäftigen. War nicht mal ein Erinnerungsort am AKO im Gespräch? Stattdessen wird der Ort hunderter Missbräuche für Partys (https://www.eventlocation-stella-rheni.de/) vermietet. Eine „besondere“ Form der Aufarbeitung? Man verkauft einerseits Wohlfühl-Katholizismus an die Kundschaft und ist andererseits bis heute nicht bereit, diejenigen Jesuiten zu sanktionieren, die Kinder wissentlich in den Händen der Täter gelassen haben. Vertuscher sind bis heute in Leitungspositionen, in die sie befördert wurden. Verantwortliche haben stets die Karriereleiter fortgesetzt. Was bedeutet das für die Prävention in diesem System?

Acht Jahre nach dem Bekanntwerden der Missbräuche empfinden wir Betroffenen Solidaritätsbekundungen der Funktionäre des Systems (vgl. „Wir stehen an der Seite der Betroffenen“) als übergriffig. Allein konkrete Taten zur Offenlegung und Sanktionierung Verantwortlicher würden zählen. Da sie fehlen, ist jegliche Glaubhaftigkeit, spätestens seit 2010 verspielt worden.

Betroffene wünschen sich:
1. Lückenlose Dokumentation durch unabhängige externe Kräfte
2. Ehrliche unabhängig supervisierte  Aufarbeitung mit Konsequenzen (aus 1.),
3. Extern erarbeitete und überwachte Prävention und Risikoanalysen (resultierend aus 1. & 2.)
4 Angemessene d.h. wertschätzende Entschädigung in der für Ausgleich in unseren Gesellschaft vorgesehen Währung. (Gebete, Buße, Fasten etc. sind das nicht)

Die Geschädigten des Aloisiuskollegs und der Jesuiten finden sich in dieser Studie nicht wieder, da sowohl die päpstlichen Orden als auch deren weltliche Mitarbeiter nicht untersucht wurden. Der Jesuitenorden hat bislang auch nur einzelne Teile der Geschichte untersuchen lassen. Am AKO gehen wir von mindestens 400 Betroffenen aus, die – wie viele andere Betroffene aus anderen kirchlichen Einrichtungen auch – bei der Schätzung der bisher eingeräumten 3677 Fälle in der MHG-Studie fehlen.

Kontakt: info@eckiger-tisch-bonn.de
ECKIGER TISCH BONN Verein Geschädigter des Aloisiuskollegs zu Bonn-Bad Godesberg e.V.
c/o Hauptstädtische GmbH | Novalisstr. 8a | D-10115 Berlin | (Tel: Bitte Email schreiben, wir rufen zurück)

 

 Wem die Pressemitteilung als Link lieber ist, hier ist er:

http://eckiger-tisch-bonn.de/betroffene-katholische-missbraeuche-sind-das-groesste-verbrechen-in-der-bundesrepublik/

24.09.2018  Neue Meldungen zu Gewalt und Missbrauch in den Internaten der Redemptoristen - Vermisste Meldungen

 

Überraschenderweise melden sich  noch immer weitere ehemalige Mitschüler aus den Internaten der Redemptoristen. Sie wollen in der Regel, dass zumindest der Verein der Missbrauchsopfer von dem erfährt, was sie an Gewalt und Missbrauch erlitten haben.

 

Überraschenderweise melden sich bisher keine Ordensmitglieder, die ähnliches Leid erfahren mussten. Was ist das nur, das ihnen zu verbieten scheint, sich als Opfer zu melden? Wir verstehen uns tatsächlich als offene Betroffenengruppe, die jeden aufnimmt, der Opfer geworden ist. Wir verstehen uns in keinem Fall als Feinde des Ordens, Feinde der Kirche. Auch wenn wir nicht verschweigen wollen, dass die meisten, die Opfer geworden sind, sich von allem Kirchlichen sehr weit entfernt haben.

 

Es ist ja wirklich eine brennende Frage, die in unseren Augen zu selten gestellt wird:  warum sich unter 14 000 katholischen Priestern bisher nur ein einziger als Missbrauchsopfer zu erkennen gegeben hat. Es war Bruno X., Pfarrer in der Eifel, der das bereits 2000 gegenüber dem Spiegel tat. 

 

 

24.09.2018   Pressemitteilung des Vereins MoJoRed zur aktuellen Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz

Stellungnahme des Vereins der Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen (MoJoRed e.V.) zur Vorstellung der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (MHG-Studie)

 

Die vor über vier Jahren von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene Studie wird offiziell erst bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe am morgigen Dienstag vorgestellt. Mehrere Medien berichteten aber vorab über die Ergebnisse. Danach werden in der 350 Seiten umfassenden Studie für den Zeitraum von 1946 bis 2014 sexuelle Übergriffe an 3677 überwiegend männlichen Minderjährigen aufgelistet. Insgesamt 1670 Kleriker hätten diese Taten begangen. 4,4 Prozent aller Kleriker der deutschen Bistümer waren demnach mutmaßlich Missbrauchstäter. Mehr als jedes zweite Opfer sei höchstens 13 Jahre alt gewesen, in jedem sechsten Fall sei es zu Formen der Vergewaltigung gekommen. Die Forscher gehen davon aus, dass es in dem Bereich eine hohe Dunkelziffer gibt.

 

In einer Stellungnahme nach dem vorzeitigem Bekanntwerden der  Ergebnisse hatte sich der Missbrauchsbeauftragte Bischof Ackermann verärgert gezeigt über „die verantwortungslose Vorabbekanntmachung der Studie“. Die Vorabbekanntmachung sei „ärgerlich“ und „schädlich für die Opfer“.

 

Wir als Betroffenenverein begrüßen selbstverständlich diese erste große wissenschaftliche Untersuchung klerikalen Missbrauchs in Deutschland. Wir begrüßen ausdrücklich auch die vorzeitige Veröffentlichung. Wir anerkennen, dass die Kirche weitgehend unabhängige staatlich gesicherte Wissenschaftler beauftragt hat. Wir schätzen den Mut der Wissenschaftler, die es wagten, auch über die hinter dem Missbrauch liegenden kirchlichen Strukturen (Klerikalismus)  erste Untersuchungsergebnisse zu veröffentlichen.

 

Trotzdem greift die Studie zu kurz, was nicht die Schuld der wissenschaftlichen Untersucher ist und was diese auch offen zugeben. Sie greift zu kurz, weil darin die meisten Opfer gar nicht erfasst sind: diese Opfer gab es vor allem in den kirchlichen Heimen und kirchlichen Internaten zu Tausenden. Gerade hier war Missbrauch und Gewalt ab den 50er Jahren vielfach an der Tagesordnung und blieb im Gegensatz zur „weltoffeneren“ Gemeindearbeit weitgehend unentdeckt, weil diese Institutionen allesamt geschlossene Institutionen waren. Nichts drang damals nach außen – wenig dringt heute nach draußen. Das vor allem wegen der Scham der Opfer bis heute. Unberücksichtigt bleiben in den Untersuchungen zu Gewalt und Missbrauch im Übrigen nicht nur die Männerorden sondern ganz besonders die Frauenorden, von denen besonders viele Erziehungsheime betreut wurden.

 

Die Studie greift auch deshalb zu kurz, weil ihre Ergebnisse nicht repräsentativ sind, weil Akten durch die kirchlichen Stellen vorsortiert worden sind und einige Bistümer – auch aufgrund des Studiendesigns - nicht alle Informationen, manche Bistümer gar keine Informationen zur Verfügung gestellt haben. Aus angeblichen Datenschutzgründen hatten die Wissenschaftler keinen freien Zugang zu den Archiven. Welche sonstige Institution in Deutschland könnte bei diesen hohen Zahlen systematisch begangener Verbrechen wohl darauf vertrauen, dass staatliche Stellen im Auftrag des Bundestags nicht das Unterste zum Obersten kehren würden? Der Bundestag hat einen solchen umfassenden Untersuchungsauftrag zu beschließen und die Kirchen die billige Verpflichtung, sich einem solchen Beschluss zu unterwerfen.

 

Bezeichnend, dass der Missbrauchsbeauftragte der Kirche Bischof Ackermann die Vorveröffentlichung als „ärgerlich“ und für die Opfer „schädlich“ bezeichnet. Noch immer ist der Umgang der Kirche mit Whistleblowern problematisch, noch immer will die Kirche gleichsam Deutungshoheit über die eigene Geschichte behalten. Wir sehen es im Interesse der Opfer, dass der Bericht wegen der Vorabveröffentlichung eben nicht  durch eine feierliche kirchliche Präsentation sozusagen in Geschenkpapier eingewickelt oder weichgespült werden konnte, wie es u. E. der Kirche sonst so oft gelingt.

Wir fordern nach wie vor eine „unabhängige Studie mit Zugriff auf das gesamte Aktenmaterial aller Bistümer“. Es braucht:

Es braucht:

  • Eine zentrale Dokumentation der Missbrauchsfälle, öffentlich zugänglich  
  • Eine Unabhängige Missbrauchs-Kommissionen, die nach Standards arbeiten
  • Standards für die Arbeit der Missbrauchsbeauftragten in allen Institutionen
  • Es braucht staatlich organisiert Ombudsmänner und -frauen für Kinder und ihre Rechte
  •  Vorgaben für die Suche nach weiteren Opfern, wenn sich eine Gemeinde oder Institution als betroffen erweist
  • Die Beteiligung von Betroffenen als Experten in allen für die Aufklärung zuständigen Gremien

 

Es braucht

  • angemessene individuelle Entschädigungen für das unermessliche lebensbegleitende Leid der Opfer. Die Anerkennung des Leids der Opfer mit durchschnittlich 5000,00€ kann nur ein erster Schritt gewesen sein
  • die Höhe der Entschädigung muss staatlicherseits und nicht durch die „Täterorganisation“ festgelegt werden

 

 

 

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgen wir die Äußerungen von Kardinal Woelki, die auf den ersten Blick ermutigend erscheinen und begrüßen es, dass er  die Studie zum Anlass nimmt, eine weitere zum Kölner Bistum folgen zu lassen, „sich der Wahrheit stellen“ will und eine „externe Einrichtung beauftragen (will), die unabhängig und umfassend unser eigenes – auch institutionelles – Verhalten auf mögliche Versäumnisse…aufarbeiten wird“. Entscheidend wird auch hier sein, wieweit und wie unabhängig die Akteneinsicht gehen wird und wieweit Betroffene als Berater eingebunden werden.

 

Einen wichtigen Hinweis für eine solche umfassende Untersuchung leiten wir aus der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Collegium Josephinum ab: es muss auch darum gehen, Vorgänge (möglichen Missbrauch) zu untersuchen, die nicht ganz so offensichtlich und nur vermittelt im Verantwortungsbereich des Bistums gelegen haben: wenn z.B. eine Institution (Jugendheim) in einem anderen liegt aber vom Bistum Köln finanziert wird- und um die Komplexität perfekt zu machen - von einem Ordenspriester gegründet und lange geleitet wird. Eine Konstruktion, die  nicht von uns erfunden worden ist sondern Fakt ist und damit der bekannten Täterstrategie der Verantwortungsdiversifizierung entspricht. Eine Konstruktion, die so komplex und undurchsichtig ist, dass einerseits sexueller Missbrauch des Ordenspriesters im Zusammenhang des Josephinums und verschiedener Gemeinden berichtet wird, andererseits kein einziger Missbrauchsfall ausgerechnet da dokumentierbar wird, wo er aus den Zusammenhängen heraus besonders wahrscheinlich ist, nämlich in besagtem Jugendheim.

 

 

So positiv die Äußerungen erscheinen mögen und auch zu begrüßen sind, sie lenken doch die Öffentlichkeit davon ab, dass es endlich einen staatlichen Untersuchungsauftrag geben muss. Es bleibt der Eindruck, dass es der Kirche auch 8 Jahre nach dem ersten Missbrauchstsunami vor allem darum geht, die Deutungshoheit zu behalten- gewiss ein Privileg, das der Staat keiner anderen Institution einräumen würde. Verbrechen werden üblicherweise und rechtstaatlicherweise durch staatliche Organe untersucht und geahndet und nicht durch verantwortliche Institutionen oder Personen selbst. Wirklich überzeugend, dass es der Kirche um die Opfer geht, wäre ein Statement von Kardinal Woelki, in dem er den Landtag oder den Bundestag zur Einrichtung eines entsprechenden Untersuchungsausschusses mit weitreichenden Befugnissen auffordern würde.

 

02.09.2018   Offener Brief zum Stand der Aufarbeitung in der Katholischen Kirche

Der als PDF- Datei abrufbare Brief wurde auch von uns unterzeichnet. er richtet sich vornehmlich an die deutschen Bischöfe und Ordensverantwortlichen: AUFARBEITUNG SEXUELLER GEWALT DURCH KIRCHEN-MITARBEITER/INNEN – BISLANG EINE KOLLEKTIVE RETRAUMATISIERUNG. WAS MUSS SICH ÄNDERN?

offener_brief.pdf
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06.08.2018   Nachruf auf Hermann Vennenbernd

 

Plötzlich und unerwartet verstarb am 1.5.2018 unser Freund Hermann Vennenbernd.

 

Mit Hermann hat uns bereits der zweite aus dem Kreis der Betroffenen verlassen, die sich ab 2010 zusammengefunden haben, um die in den Internaten der Redemptoristen erlittene Gewalt aufzuarbeiten. Teil dieser Gewalterfahrung war nicht immer, aber häufig sexualisierte Gewalt. Herrmann hat der Gruppe der Betroffenen von der ersten Stunde an angehört und bei keinem Treffen in all den Jahren gefehlt.

Vehement hat er sich in den ersten Jahren für eine präzise Aufarbeitung der abscheulichen Verbrechen an Kindern in Internaten der Redemptoristen eingesetzt. Gehofft hat er dabei immer auf eine Art wissenschaftlicher Aufarbeitung durch ordensferne Experten. Bezogen auf sein eigenes Schicksal sprach er oft über den Nebel, der noch über vielen Erinnerungsfetzen lag, an deren Zusammenfügung er sich wohl nie so ganz heranwagte. Zu groß wird die Angst vor den Abgründen gewesen sein, die sich dadurch aufgetan hätten. Wir haben aber Anlass zu hoffen, dass ihm die engagierte Teilnahme an unseren Treffen ein wenig innere Ruhe gebracht hat.

Am 20.4. hatte er noch seine Kur unterbrochen, um uns wenigstens nach dem offiziellen Vereinstreffen kurz im Restaurant zu sehen. Keiner hätte an dem Abend daran gedacht, dass wir uns nie mehr wieder sehen werden. Hier noch ein paar Zeilen seiner Weggefährten aus dem Verein:

 

„Er war einer der Ersten, der über das Unvorstellbare im Internat der Redemptoristen in Glanerbruck „aufgeschrieben“  hat. Beharrlich und mit klarer Überzeugung kämpfte er für die Anerkennung des Missbrauchsleids, die wir Männer und Frauen als Kinder erfahren mussten.

Er hat sein Leben im besten Sinne „gemeistert“.  Auch ein Genussmensch, ein fröhlicher und freundlicher Mensch war er und musste doch noch in den letzten Jahren bereits zweimal Mal den Tod einer Lebenspartnerin verkraften. Aber er stand auf und griff erneut das Leben.

 In Erinnerung bleibt ein Mann mit Herz und menschlicher Wärme. Wir trauern um Ihn und vermissen ihn. Insbesondere fehlt er uns in Zukunft an den schönen Abenden nach erfolgreichem Wirken um unsere Sache in den wunderbaren Kölner Kneipen. So etwas, das wir erleiden mussten, darf sich nie wiederholen, war sein Antrieb für sein Engagement.

 Wir vermissen Dich.“

 

 

„Mit Hermann haben wir einen Mitstreiter verloren, der geradlinig in der Diskussion sein konnte, ohne abweichende Meinungen anderer zu diskreditieren. Sein verschmitzter Humor hat manchem Disput die Spitze genommen.“

 

28.06.2018   Gelungenes Hearing der Aufarbeitungskommission beim Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung

27.06.2018   3. Öffentliches Hearing der Aufarbeitungskomission „Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“

Morgen am 27.06. findet von 10.30 bis 19.30 in Berlin das

 

3. Öffentliches Hearing der Aufarbeitungskommission beim Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung „Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ 

statt.

Die 1. Vorsitzende unseres Vereins und der Geschäftsführer sind beide anwesend. 

 

 

25.06.2018  4. Zwischenbericht der Redemptoristen zum Sexuellen Missbrauch nach längerer juristischer Auseinandersetzung endlich erschienen

Der 4. Zwischenbericht des Missbrauchsbeauftragten der Redemptoristen zu Vorfällen sexueller Gewalt ist endlich erschienen. Ursprünglich war der Bericht schon im Januar erschienen, wurde aber vom Orden wegen juristischer Probleme noch einmal zurückgezogen und überarbeitet.

 

Die juristischen Auseinandersetzungen über einen Vorfall der Grenzverletzung in den 90er Jahren und die schließliche Rücknahme der Berichterstattung darüber machen deutlich, wie notwendig es ist, sowohl Standards und gesetzliche Regelungen für die Obleute bzw. Missbrauchsbeauftragten zu entwickeln wie auch Standards und gesetzliche Regelungen für die Berichterstattung bzw. Aufarbeitung. Es geht nicht an, dass Missbrauchsbeauftragte oder gar Opfer und Opfervereine so leicht durch Abmahnungen juristisch eingeschüchtert werden können wie das im vorliegenden Fall offensichtlich gelungen ist. Der Gesetzgeber ist gefragt. Wir vom Verein werden unter anderem diese Forderung morgen beim 

 3. ÖFFENTLICHEN HEARING der Aufarbeitungskomission „KIRCHEN UND IHRE VERANTWORTUNG ZUR AUFARBEITUNG SEXUELLEN KINDESMISSBRAUCHS“ 

auch zur Sprache bringen.

 

Bemerkenswert am vorliegenden Bericht scheinen uns folgende zwei Punkte:

  • der Missbrauchsbeauftragte bzw. durch ihn auch der Orden wagen sich an einen brisanten Fall aus den frühen 60er Jahren, der bereits abgeschlossen schien und durch intensive Recherche jetzt in neuem und durchaus brisantem Licht erscheint. Ein Licht, dass vor allem das institutionelle Leitungsversagen beleuchtet und einen Fokus auf die Problematik "kollektive vs. individuelle Erinnerung" wirft. Wird in der Regel  die individuelle Erinnerung durch die kollektive in Frage gestellt, ist es hier umgekehrt: es lässt sich nun nach intensiver Untersuchung belegen, dass die Erinnerung des Kollektivs falsch sein muss. Schon außergewöhnlich als Feststellung und mutig als Veröffentlichung.
  • der Missbrauchsbeauftragte bzw. durch ihn auch der Orden heben besonders hervor, wie hilfreich die Arbeit des Opfervereins im Rahmen der Aufarbeitung bisher gewesen ist. Aufarbeitung und auch Berichterstattung darüber scheinen, so unangenehm der Blick auf Täterschaft erst auch erschienen sein mag, dem Orden heute ein wirkliches Bedürfnis zu sein. Der "Opfer"- verein gewinnt für die Aufarbeitung von sexueller Gewalt einen offensichtlich eigenständigen Stellenwert, der hier sogar von der "Gegen"-seite gewünscht wird. Für viele Opfer sind tatsächlich wir als Verein der erste Ansprechpartner. 

Hier der Bericht als PDF- Datei:

4. Zwischenbericht zum Sexuellen Missbrauch in Einrichtungen des Ordens der Redemptoristen
2018 Vierter Zwischenbericht Endfassung.
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17.05.2018  Der Schriftsteller Christian Kracht spricht nach 40 Jahren zum ersten Mal über erlittenen Missbrauch

Christian Kracht hat bisher ungern über seine Literatur oder sich selbst geredet. In seiner Poetikvorlesung an der Frankfurter Uni spricht er nun. Auch über sexuellen Missbrauch, den er als 12jähriger in einem katholischen Internat in Kanada erlitten hat. Hier einige Links:

 

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/christian-kracht-spricht-an-der-uni-frankfurt-ueber-seinen-missbrauch-a-1207975.html

 

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2018-05/christian-kracht-poetikvorlesung-frankfurt-literatur-missbrauch

 

http://www.sueddeutsche.de/kultur/christian-kracht-in-frankfurt-leiden-und-werk-1.3981865

 

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus176420154/Christian-Kracht-offenbart-er-sei-als-Kind-missbraucht-worden.html

 

 

15.05.2018  Die Jesuiten schließen ihr Internat in Bonn- Bad Godesberg zum neuen Schuljahr

Überraschend schließt das Internat des Aloisiuskollegs der Jesuiten in Bonn:

 

Der Verein "Eckiger Tisch" der Geschädigten des Aloisiuskollegs kommentiert:

 

Zur Schließung des Internates des Aloisiuskollegs:
„Ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung“

BERLIN/BONN 15.05.2018. Mit dem Internat des Aloisiuskollegs schließt ein Ort des Missbrauchs, der seit den 1940er Jahren bis in unsere Tage viele hundert beschädigte Biografien erzeugt hat, mit denen die Betroffenen heute leben müssen. „Auf den Gräbern der Missbrauchstäter, die hinter dem Schloss im Aloisiuskolleg beerdigt sind, müsste stehen: Hier ruht das Internat.“, so ein Betroffener spontan. Die Gründe für die Schließung seien hausgemacht und in den schweren Fehlern der leitenden Jesuiten zu finden (und nicht etwa in einem Trend, der ja auch Gründe hat). „Die Schließung ist ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung“, so der ECKIGER TISCH BONN (ETB), der Verein Geschädigter des Aloisiuskollegs. Bis in die jüngste Zeit hatten Patres oder Mitarbeiter die Möglichkeit, Machtinseln für Missbräuche zu nutzen. Der Jesuitenorden hat die Täter und Mitwisser tolleriert - alles zur höheren Ehre der eigenen Institution. Er ist bis heute nicht Willens oder in der Lage, die vorliegenden Untersuchungsberichte aufzuarbeiten und die richtigen Fragen für das System zu stellen oder sich beispielsweise von dem ehemaligen Rektor Pater Schneider, als Mitwisser und Begründer der Krise des Aloisiuskollegs (AKO), öffentlich zu distanzieren.

Der ETB hat bislang erfolglos solche öffenlich sichtbaren Zeichen des AKO und des Ordens gerade auch in Richtung „konservative“ Ehemalige und Schülereltern und Sponsoren gefordert, die nun die Asche ihres Internates begraben können.

In den letzten Jahren ist der ETB den für uns schweren Schritt gegangen und hatte dem Kolleg über Gespräche hinaus die Zusammenarbeit bei der Aufarbeitung angeboten. Das Kolleg hätte zusammen mit den Betroffenen die Chance gehabt, nach bekanntwerden des Skanals 2010, durch wirkliche Aufarbeitung der Geschichte die öffentliche Wahrnehmung nachhaltig zu gestalten. Dieses wurde in Verantwortung des heutigen Provinzial des Ordens nicht für nötig befunden und ausgeschlagen. Die Jesuiten müssen nun ihre Unfähigkeit und das Scheitern ihrer Konzepte eingestehen. Die Aufarbeitung ihres Systems muss nun zwingend – auch für die Schule - erfolgen und extern überwacht werden.
Das Internat war ein Tatort. Schule und Freizeitaktivtäten bleiben belastet. Es gilt weiterhin, dass Präventionsmaßnahmen, die ohne ein externe Überprüfung jederzeit durch potenzielle Täter, die sich die massiven systemischen Mängel nutzbar machen, unterminiert werden können.

Unser Mitgefühl gilt den heutigen Schülern und Mitarbeitern, die nun auch an den Folgen der Missbräuche und des Missmanagements zu leiden haben. Wir freuen uns, dass viele Menschen positive Erinnerungen an das Internat haben und hoffen auf deren Solidarität, wenn wir anderer Meinung sind.
Das Internat des AKO hat nun den Platz in der Geschichte, den es verdient.

Zitat: „Soweit ich das sehe, ist der Ruf eines Jesuitenkollegs überhaupt nicht kaputtzukriegen“ 
Ludger Stüper SJ, Jesuitenpater, Schuleiter und Missbrauchstäter, 1984

@aloisiuskolleg Deutsche Provinz der Jesuiten (SJ - Gesellschaft Jesu)
#missbrauch

 

http://eckiger-tisch-bonn.de/schliessung-des-internates-de…/

 

http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bad-godesberg/So-geht-es-weiter-mit-dem-Aloisiuskolleg-article3853802.html

 

https://www.rundschau-online.de/region/bonn/bad-godesberg-schueler-missbraucht---aloisiuskolleg-schliesst-internat-30408970

 

https://rp-online.de/politik/bonner-aloisiuskolleg-schliesst-internat_aid-22668535

 

 

 

 

01.05.2018   Plötzlich und unerwartet ist einer unserer ersten Mitstreiter heute verstorben

Plötzlich und unerwartet ist heute unser Freund Hermann Vennenbernd verstorben. Hermann ist der zweite aus dem Kreis der Betroffenen, die sich ab 2010 zusammengefunden haben, um den in den Internaten der Redemptoristen erlittenenen Missbrauch aufzuarbeiten, verstorben ist.Er hat dem Kreis der Betroffenen von der erste Stunde an angehört und bei keinem Treffen in all den Jahren gefehlt.

Am 20.4. hatte er noch seine gerade begonnene Kur unterbrochen, um uns wenigstens nach dem offiziellen Vereinstreffen kurz im Restaurant zu sehen. Keiner hätte an dem Abend daran gedacht, dass wir uns nie mehr wieder sehen werden.

Nähere Informationen finden Sie in diesem Link zu einem Trauerportal;

https://www.wirtrauern.de/traueranzeige/hermann-vennenbernd

 

 

23.02.2018 Schutzkonzepte für Schulen- ein aufrüttelnder Artikel in der "ZEIT". Schutzkonzept am CoJoBo- Fehlanzeige? Hoffnung? Realität? Gelebter Alltag?

 

Sexueller Kindesmissbrauch: Wie viel Nähe zwischen Schüler und Lehrer ist erlaubt – und was ist zu viel?

Wie viel Nähe zwischen Schüler und Lehrer ist erlaubt – und was ist zu viel? © Patrick Ohligschläger für DIE ZEIT

 

Das #Aloisiuskolleg in Bad Godesberg und das Collegium Josephinum in Bonn- Auerberg haben eine Missbrauchsgeschichte seit dem Krieg. Es gibt mehrere offizielle Berichte, immer mehr Tatsachen werden bekannt, die vor allem das Leitungsversagen in der Geschichte beider Schulen greifbar machen. Hat das CoJoBo eine tragfähige Risikoanalyse? Ist eine solche geplant? Mit einer solchen Analyse würde überprüft, welche räumlichen Strukturen, Alltagssituationen und Abhängigkeitsverhältnisse sexuelle Gewalt gegen Schülerinnen und Schüler begünstigen können. Daraus und aus der Analyse der Vergangenheit wären die Schlussfolgerungen zu ziehen, die eine Schule zu einem "Sicheren Ort" für Schüler und Lehrer machen. Ein sicherer Ort, der Lehrer fürsorglich und kompetent arbeiten lässt. Rund 90 Prozent aller Schulen in Deutschland geben übrigens an, bislang keine Risikoanalyse vorgenommen zu haben.

 

Der Artikel in der ZEIT (Bild oben aus der ZEIT) gibt wichtige Hinweise:

 

http://www.zeit.de/2018/09/sexueller-kindesmissbrauch-schule-schulpolitik-schutz

 

Ein Zeichen, das Hoffnung macht: Orden und Schulleitung laden Vertreter des Vereins der Missbrauchsopfer zeitnah zum Gespräch ein.

 

 

22.02.2018  Aloisiuskolleg stellt neues Schulprogramm vor. Eine Selbstvorstellung, die einmal mehr mehr Fragen aufwirft als dass sie Antworten gibt auf  Strukturprobleme dieser Schule

 

Der folgende Kommentar ist von uns nach der ersten Veröffentlichung abgeändert worden, weil er sich auf ein Zitat des Schulleiters vom Ako bezog, das so vom Generalanzeiger nicht richtig wiedergegeben war. Der General-Anzeiger Bonn hat seinen Artikel mit folgenden Worten korrigiert: "Im genannten Artikel könnte der Eindruck entstanden sein, der Ako-Schulleiter habe die Formulierung „Missbrauchsvorwürfe“ gebraucht. Das ist allerdings nicht korrekt. Es war eine Formulierung der Redaktion, natürlich ohne damit irgendetwas relativieren zu wollen." 

 

Die richtige Formulierung lautet nun: "Die Erarbeitung des Schulprogramms hat laut Sieburg nichts mit den dokumentierten Missbrauchsfällen der Vergangenheit zu tun."

 

 

Nun gibt es also das "lang ersehnte" neue Schulprogramm oder überhaupt erst eines. Schöne Worte darin. Dass dem wirklich Taten folgen, daran kann es mit Recht Zweifel geben. Hatte doch das Ako auch schon 1960, 1990 und 2010 durchaus ein Programm- gewiss kein verschriftliches im heutigen Sinne, aber doch (hoffentlich!) einen inneren Leitfaden, einen - so nehmen wir doch an - katholischen oder christlichen. Aber der hat sexuelle Gewalt an dieser Schule nicht verhindert, sondern wie Büntrup in "Unheilige Macht" analysiert, eher begünstigt. Also gibt es nun neue Leitbilder und programmatische Grundsätze. Ob die helfen und den Alltag durchdringen? Daran zweifeln zu dürfen, dazu laden die Ausführungen des jetzigen Schulleiters bei der Vorstellung des neuen Programms geradezu ein.  Wenn der Lernerfolg der Schüler des Ako so mager ausfällt wie der des Herrn Schulleiters, dann soll es in der Zukunft um die Umsetzung des Programms in dieser Schule auch eher mager bestellt sein. Muss der Schulleiter doch tatsächlich hervorheben: "Die Erarbeitung des Schulprogramms hat laut Sieburg nichts mit den dokumentierten Missbrauchsfällen der Vergangenheit zu tun". Schade drum, würden wir sagen. Die Chance nicht genutzt, die im Versagen damals und seiner Aufarbeitung doch auch gelegen hätte. Die Worte legen nahe, dass ein Schulprogramm dieser Schule sozusagen in aller Unschuld entwickelt werden kann, fernab aller Skepsis gegen wohlklingende und wohlmeinende Worte. Das Schulprogramm soll also ausdrücklich nichts mit der Vergangenheitsbewältigung des Ako zu tun haben, man mag es kaum glauben. Dabei muss es doch gerade einer solchen Schule darum gehen, den Alltag einer Schule, das Unterrichten so zu durchdringen, dass Schule ein "Sicherer Ort" wird für Schüler, dass es keine Verletzungen jedweder Art geben kann. Dazu notwendig: Fürsorglichkeit und Kompetenz. Welchen Satz wir erhofft hätten? Ein deutliches: "Hallo! Wir haben verstanden. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt." Stattdessen ausdrückliche Verweigerung, dass der Schutz des Einzelnen den Unterrichtsalltag prägt?

 

Ärgerlich die Dosis Selbstmitleid am Schluss, ist doch die Entwicklung eines Schulprogramms an allen Staatlichen Schulen eher schon lange vor Jahren vollzogen worden: "Sieburg gab zu, dass die vergangenen Jahre manchmal anstrengend waren: „Aber es ist geschafft.“  Wir bedauern den Schulleiter ausdrücklich nicht.

 

http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bad-godesberg/Aloisiuskolleg-in-Bad-Godesberg-stellt-eigenes-Schulprogramm-vor-article3789118.html

 

 

Zusätzliche Klarstellung: Das Schulprogramm ist offensichtlich Ergebnis zahlreicher verdienstvoller Kommunikationsprozesse zwischen Eltern, Lehrern, Schülern, Fachleuten und Orden. An dieser stattgehabten Partizipation gibt es nichts auszusetzen und an den vielen guten Inhalten gewiss auch nicht. Zu beklagen ist, dass die Schule die Kompetenz der ehemaligen Opfer nicht genutzt hat, dass sie die Grundfrage nicht in den Blick genommen hat, warum das (nicht veröffentlichte christlich geprägte und sicherlich auch schon früher gut gemeinte) Schulprogramm der vergangenen Jahre nicht wirksam geworden ist, so dass es zu sexueller Gewalt an der Schule kam und was es eigentlich an einer Schule an innerem Gerüst braucht, dass guten Worten gute Taten folgen? Dazu hätten die Betroffenen vom "Eckigen Tisch" gewiss den entscheidenden Beitrag leisten können. Das aber war aber augenscheinlich nicht gewollt. 

 

Zum ansonsten durchaus lesenswerten Schulprogramm des Ako: 

http://www.aloisiuskolleg.de/sites/default/files/ako-schulprogramm_2018_web.pdf

 

 

22.02.2018  Bewegender Abschied von Engelbert Decker in Bonn

Heute nahmen Familie und Freunde Abschied von dem zu früh verstorbenen Engelbert Decker. Engelbert Decker war anonymer Mitautor des Buches "Unheiliger Berg" und steht uns besonders nah, insofern wir Opfer vom Collegium Josphinum und die Opfer des Aloisiuskollegs eine ähnliche Geschichte teilen. Was seine Familie bei der Beerdigung sagte, rührt in uns tiefe Gefühle der Trauer und der Sympathie an. Die Amerikanische Kirche in Bonn war bis zur Tür voller Menschen. Es gab kein Kirchenlied, kein Gebet, keinen Pfarrer. Es sangen seine Frau, Solo, und seine Töchter mit Chor. Das wäre auch dem Verstorbenen sehr ans Herz gegangen.

Ein älterer Bruder ließ in seiner Totenrede bei einem Halbsatz kurz aufhorchen: beim Wunsch, "dass alles Ungelöste und Verschwiegene noch gelöst werde." Wir zitieren aus der Homepage "Unheiliger Berg" von Ebba Hagenberg- Miliu die Ansprache eines weiteren Familienmitglieds: 

 

 "Du warst eines der Missbrauchsopfer am Aloisiuskolleg.

Das hat schwere seelische Folgen gehabt, die du getragen hast.

Du hast Missbrauch auch Missbrauch genannt.

Du hast seelische Gewalt seelische Gewalt genannt.

 

Dein mutiges Bekenntnis möge dazu führen:

- dass Kinder in Zukunft besser vor Gewalt geschützt werden,

- dass weitere Opfer es schaffen, ihr Schweigen zu durchbrechen

- dass gerade den Kindern unter den Opfern nicht der Mund verboten wird.

 

Ich betrauere, dass du in der Kindheit dem Missbrauch wehrlos ausgeliefert warst.

Aber du hast in den vergangenen Jahren großen Einsatz auch für andere Opfer gezeigt.

Daran mögen wir uns immer erinnern."

 

https://unheiliger-berg.jimdo.com/aktuell/

 

22.02.2018   Untersuchungsergebnisse zu "Aufdeckungsprozesse bei sexuellem Missbrauch männlicher Personen" veröffentlicht.

So sperrig der Titel des Buches- so aufschlussreich aber das, um was es geht. Wir zitieren aus der Verlagsmitteilung: "Männliche Betroffene von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend stehen aufgrund von gesellschaftlich vorherrschenden Männlichkeitsanforderungen vor spezifischen Herausforderungen, wenn sie ihre Gewaltwiderfahrnisse aufdecken (wollen).  In diesem Band wird auf Basis von Interviews mit Betroffenen und an Aufdeckungsprozessen Beteiligten der Frage nachgegangen, was männlichen Kindern und Jugendlichen dabei hilft, sexualisierte Gewaltwiderfahrnisse aufzudecken."

 

Aufdeckungsprozesse männlicher Betroffener von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend.

Verlaufsmuster und hilfreiche Bedingungen

Herausgeber: Rieske, Th.V., Scambor, E., Wittenzellner, U., Könnecke, B., Puchert, R. (Hrsg.)

 

 

http://www.springer.com/de/book/9783658158026 

 

22.02.2018  Wir schließen uns der Stellungnahme des Betroffenenbeirats "Fonds sexueller Missbrauch" zum Koalitionsvertrag an.

Im Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD sind auch Ausführungen zu unserem besonderen Thema zu finden. Hier die Stellungnahme des Betroffenenbeirats, dem auch Mitglieder von MoJoRed e.V. angehören:

 

Betroffenenbeirat EHS-FSM

c/o Angelika Oetken

Borgmannstraße 4

12555 Berlin

Unsere Einschätzung zum Entwurf des Koalitionsvertrages vom

7.2.2018

Im Folgenden einige Anmerkungen zu Punkten, die uns im Hinblick auf den Schutz

von Kindern und Jugendlichen und Hilfen für Opfer wichtig erscheinen, Quelle:

 

http://www.spiegel.de/media/media-42517.pdf  (Abdruck Vertrag)

 

Kinderrechte ins Grundgesetz (S. 21)

· Staat und Gesellschaft schützen die Familie, aber Kinder noch nicht ausreichend vor

ihren Angehörigen. Wir unterstützen den Vorschlag, die Rechte von Kindern zu

stärken

UBSKM verstetigen (S.22)

· Der UBSKM hat in der Vergangenheit viele Aufgaben, die Prävention und

Kinderschutzthemen betreffen übernommen und erfolgreich umgesetzt. Hier bedarf

es zukünftig einer ausreichenden Unterstützung, damit genug Raum bleibt, sich auch

um die Menschen zu kümmern, die Missbrauchskriminalität bereits zum Opfer

gefallen sind

Fonds Sexueller Missbrauch (S. 22)

· Eine Fortsetzung ist vor allem für die Gruppen von Opfern wichtig, bei denen

gesetzliche Hilfesysteme versagen oder gar nicht erreichbar sind. Der Fonds sollte

weiterentwickelt und in ein Hilfesystem überführt werden, das gesetzlich verankert

wird, zügig und berechenbar arbeitet

Gleichberechtigung von Frauen und Männern (S. 23)

· Fachberatung für männliche und transsexuelle Personen, die Unterstützung in

verschiedenen Lebenslagen benötigen muss ausgebaut werden

Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Kinder, speziell Kampf gegen Menschenhandel

(S. 25)

· Gewalt richtet sich gegen Menschen aller Geschlechter. Leider gibt es immer noch zu

wenig Maßnahmen für männliche und für transsexuelle Personen

Seniorinnen und Senioren (S. 26)

· Viele ältere Menschen haben im Laufe ihres Lebens, besonders in Kindheit und

Jugend, verschiedene Formen von Gewalt und Misshandlung erlebt. Der Fonds

Sexueller Missbrauch sollte in der Antragstellung entfristet werden, damit auch diese

Menschen Hilfen erhalten können. Alterskrankheiten, insbesondere

gerontopsychiatrische, darunter die Demenz, sind häufig Ausdruck von

Traumafolgestörungen

Teilhabe von Menschen mit Behinderungen (S.93)

· Behinderte Menschen sind überproportional von sexueller Gewalt und Ausbeutung

betroffen. Gleichzeitig ist ihnen der Zugang zu Hilfen erschwert. Im Fonds Sexueller

Missbrauch werden behinderte Menschen besonders berücksichtigt, diese

Möglichkeit sollte weiter ausgebaut werden

Reform des Sozialen Entschädigungsrechts (S. 94)

· Auch bei der dringend notwendigen Überarbeitung des SER wird es Gruppen von

Opfern sexueller Gewalt und Ausbeutung geben, die keine Aussicht auf Hilfe haben.

Unabhängig von einer Anpassung der Beurteilung der Zugangsvoraussetzungen

benötigen diese Betroffenen ein verlässliches, dauerhaftes Hilfesystem

Gesundheit und Pflege

· Die GKV-Leistungen gehören zum größten Ausgabenfaktor unseres Landes. Leider

werden Opfer sexuellen Missbrauchs immer noch zu wenig berücksichtigt. Von den

guten Vorschlägen des Runder Tisch Kindesmissbrauch wurden erst wenige in die

Praxis umgesetzt. Hier gibt es noch viel zu tun. Vieles, was über den

Missbrauchsfonds beantragt wird, fällt grundsätzlich in den Verantwortungsbereich

der Gesetzlichen Krankenkassen. Dieser Umstand macht deutlich, dass es bei der

Versorgung von Missbrauchsopfern noch hakt

Verfahrensrecht (S.123)

· Notwendig sind die Gewährleistung opfergerechter Gerichtsverfahren, ganz

besonders für gewaltbetroffene Kinder, Menschen mit Behinderungen und Betroffene

organisierter Missbrauchskriminaliät. Sehr positiv ist die Bereitstellung anonymer

Beweissicherung

Verbraucherschutz (S.123/124)

· Nur wenigen Menschen ist bewusst, dass das deutsche Recht bei Missbrauchsfällen

keine institutionelle Haftung vorsieht. Wenn der Fokus auf Verbraucherschutz gelegt

wird, dann sollte dieser Punkt nicht fehlen

Keine Toleranz bei Wirtschaftskriminalität, Einbruchdiebstahl und organisierter Kriminalität

(S.125)

· Sexuelle Ausbeutung, Korruption, Kindesmissbrauch und Wirtschaftskriminalität

stehen häufig in einem Zusammenhang. Nicht selten bilden sie die Grundlage

Organisierter Kriminalität. Wer solche komplexen systematischen Verbrechen

bekämpft, tut auch etwas für die Prävention und ermöglicht es den Opfern, aus der

Organisierten Gewalt auszusteigen

Unternehmenssanktionen (S. 126)

· Sanktionen sollten auch dann erfolgen können, wenn Unternehmen ihren

Verpflichtungen zum Opferschutz und der Hilfen für Betroffene nicht nachgekommen

sind oder sogar an dem Zustandekommen von Missbrauchskriminalität aktiv beteiligt

waren.

 

Für den Betroffenenbeirat beim Fonds Sexueller Missbrauch,

Berlin, den 20.02.2018

Jörg-Alexander Heinrich Angelika Oetken

Co-Sprecher Co-Sprecherin

 

Weiterführende Links:

http://www.bundeskoordinierung.de/de/article/91.kein-gesamtkonzept-aber-einige-ansatzpunkte-sexualisierte-gewalt-in-kindheit-und-jugend-als-thema-im-koalitionsvertrag.html

 

 

http://www.nacoa.de/neuigkeiten/jugendforscher-hurrelmann-koalitionsvertrag-ist-f%C3%BCr-kinder-und-jugendliche-der-beste-den

EHS-BB, Stellgn. Entw. Koalitionsvertrag
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21.02.2018    Missbrauch in der Katholischen Kirche- Artedoku

 

Bis zum 21.3. 2018 ist auf Arte folgende neue Doku aus der Mediathek abzurufen: "Hinter dem Altar. Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche". Erneute Originalausstrahlung am 23.02.2018  um 9.25

 

https://www.arte.tv/de/videos/069877-000-A/hinter-dem-altar/

 

21.02.2018  Neuausrichtung: Aloisiuskolleg in Bad Godesberg stellt eigenes Schulprogramm vor

 

Das altehrwürdige, aber auch krisengeschüttelte Aloisiuskolleg stellt zum ersten Mal ein eigenes Schulprogramm vor. In diesem Schulprogramm werden auch Leitgedanken umgesetzt, die wir für das Collegium Josephinum dem Schulträger vorgeschlagen haben. Das ist gewiss eine nicht zu unterschätzende Leistung. Aber: die ehemaligen Missbrauchsopfer bzw. der Verein Eckiger Tisch waren bei der Entwicklung des Programms nicht beteiligt. So drängt sich der Verdacht auf, dass es hier auch sehr um die gute Schlagzeile ging und davon abgelenkt werden soll, dass die Aufarbeitung der Fehler der Vergangenheit weitgehend als gescheitert angesehen werden muss- so jedenfalls die Stellungnahme des Eckigen Tisches in Bonn.

 

http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bad-godesberg/Aloisiuskolleg-in-Bad-Godesberg-stellt-eigenes-Schulprogramm-vor-article3789118.html

 

Bittere Stellungnahme des Eckigen Tisches auf Facebook: "Wer so stolz auf sich ist, der braucht auch die Fehler der Vergangenheit gar nicht mehr aufarbeiten."

 

20.02.2018   Fussballscout und Jugendtrainer von Manchester muss wegen sexuellen Missbrauch in den 70er bis 90er Jahren für 31 Jahre ins Gefängnis

 

Ein bemerkenswertes Urteil in England. Dort gelten nicht die kurzen Verjährungsfristen (Warum gibt es die überhaupt noch bei Missbrauch?) und die vergleichsweise große Milde des deutschen Rechts (Wann werden die Bundestagsabgeordneten wach?).

 

Hierzu ein bemerkenswert guter Bericht im Spiegel. Vieles in diesem Artikel erinnert an das Schicksal vieler Opfer des Paters W. S. in Bonn. Der Täter in Manchester nutzte wie Pater S. über Jahre seine Macht, die er über die Jugendlichen wegen ihrer Zukunfts- Hoffnungen (hier Fußballprofi, dort Studium und Priesterweihe) hatte, skrupellos aus.  Die Opfer schwiegen bis 2016. Seine Verurteilung "befriedet" offensichtlich  wenigstens in Teilen die Opfer. In Deutschland scheint der sog. Rechtsfrieden, den die Täter über die Verjährungsfristen in der Regel erlangen, noch immer wichtiger als der der Opfer.

 

http://www.spiegel.de/sport/fussball/barry-bennell-manchester-city-jugendtrainer-wegen-missbrauch-verurteilt-a-1194362.html

 

 

11.02.2018   Mitautor des Buches "Unheiliger Berg" und Mitkämpfer für Prävention und Kinderschutz Engelbert Decker verstorben

Engelbert Decker starb zu früh. Sein Tod bewegt uns sehr.

 

General-Anzeiger Bonn

BAD GODESBERG S. 28

Montag, 19. Februar 2018

Ein Leben für die Medizin und die Bühne

Am 11. Februar verstarb der Sänger, Rezitator und Arzt Engelbert Decker im Alter von 69 Jahren

Der Sänger Engelbert Decker.FOTO: FROMMANN

Von Ebba Hagenberg-Miliu

Bad Godesberg. Bad Godesbergs Kulturszene trauert um Engelbert Decker. Am 11. Februar verstarb der beliebte Sänger, Rezitator und Arzt mit 69 Jahren. Decker war eine Instanz bei hiesigen Kulturveranstaltungen: Das Sommerprogramm der Parkbuchhandlung bestritt er mit seinen begeisternden Lesungen im Alleingang. „Auch diesen Sommer wollten wir drei Abende gestalten: über Irmgard Keun, Theodor Storm und über Mystik“, sagt Barbara Ter-Nedden, Inhaberin der Buchhandlung. Auch Literaturexperten hätten Deckers immer ausgefeilte Dramaturgie geschätzt. Mit Wehmut erinnert sich Ter-Nedden, wie er auch bei einem plötzlichen Ausfall spontan half:  „Er sprang mit einem Heinrich-Heine-Abend ein, eine wahrhafte Sternstunde.“

 

Decker konnte mitreißen, er liebte es, im Gespräch plötzlich mit inbrünstig gesungenen Liedzitaten zu überraschen. Dabei hatte der Radiologe à la Faust „zwei Seelen, ach, in seiner Brust“: Morgens in seiner Arztpraxis und abends auf der Bühne. Bei seinen Auftritten schaffe er es dann, das Bedrückende seiner Tumorambulanz mit künstlerischer Leidenschaft abzustreifen und das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Wenn es still werde im Raum und das Licht auf ihm und seinem Pianisten fokussiert sei, wenn die Zuhörer dann schließlich klatschten, „dann habe ich ins Schwarze getroffen. Dann bin ich zu den Herzen vorgestoßen“, sagte Decker im Gespräch mit dem GA.

 

 

Als Sohn eines Godesberger Kinderarztes hatte er nach dem Abitur Opernsänger werden wollen. Auf Wunsch des Vaters studierte er jedoch Medizin. Das Gesangsstudium schloss er an und lernte dabei seine spätere Ehefrau Tomoko Takami kennen. Decker wurde zweifacher Familienvater und Großvater. Zeitweise praktizierte er auch im Waldkrankenhaus. Nebenbei war er als Bass mit seiner Frau zu Konzerten unterwegs. Abschied von dem Verstorbenen wird am Donnerstag, 22. Februar, 10.30 Uhr in der Stimson Memorial Chapel, Kennedyallee 150, genommen. Es folgt die Urnenbeisetzung im Mausoleum von Carstanjen.

 

07.02.2018  Der Schweizer Schriftsteller Hürlimann erinnert sich in der NZZ an seine Internatszeit der 60er im Klosterinternat Einsiedeln.

 

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann erzählt Peer Teuwsen von der NZZ, wie er als rebellierender Jugendlicher im Kloster einen Atheisten-Club ins Leben rief, während der Messe Nietzsche las und gelegentlich auch die morgendliche Weckzeremonie manipulierte: "Wir baten ihn, mal was anderes zu spielen, und gaben ihm eine Plattenhülle von Mozart, worin aber die Rolling Stones steckten. So erklang in den Schlafsälen um sechs Uhr früh 'I can't get no satisfaction'. Das war ein erstes Sturmsignal. Heute denke ich an diese Zeit mit Nostalgie zurück. Wir hatten eine harte Wand, gegen die wir anrennen konnten. Die Jugend von heute hat es schwerer, sie stößt auf eine Watte von Verständnis."

 

Wir stellen uns wie so oft die Frage: was führt dazu, dass der eine sich an die Enge der Juvenats- bzw. Internatszeit mit verklärender Nostalgie erinnern kann, der andere nur Wut und Bitterkeit empfindet? Ein wenig beschleicht einen bei Hürlimann allerdings der Eindruck, dass er jede Empathie in sich selbst ganz unbedingt vermeiden will. Eine mögliche Erklärung, dass es nämlich dort sexuelle und rohe Gewalt nicht gegeben habe, fällt übrigens aus. Genau zu dieser Zeit, in der Hürlimann das Internat besuchte, gab es wohl die meisten gemeldeten Übergriffe. 

 

Zur Aufarbeitung dort:

https://www.kath.ch/newsd/15-moenche-machten-sich-sexueller-uebergriffe-schuldig/

 

 

Hier das lesenswerte aktuelle Interview mit Hürlimann:

 

https://www.nzz.ch/feuilleton/nach-dem-ersten-fruehstueck-war-ich-aufgeklaert-ld.1353556

 

Wir  lernen: Nostalgie und Verklärung können offensichtlich eine Form der Erinnerung sein, auch wenn das Erinnerte eher als eng und bedrückend beschrieben wird. Ist anekdotische Erinnerung immer nostalgisch?

 

 

06.02.2018  BKSF und Fachverbände fordern umfassendes Programm von neuer Regierungskoalition

Wir haben uns dem Aufruf angesichts der laufenden Koalitionsverhandlungen gerne und unbedingt angeschlossen:

da CDU/CSU und SPD diese Woche die Koalitionsverhandlungen beginnen werden und sich im Sondierungspapier bisher nur wenige Ansatzpunkte für einen konsequenten Einsatz gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend finden, haben wir uns zusammen mit BAG FORSA, bff, DGfPI und dem Deutschen Kinderschutzbund in einem Bündnis für den Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt zusammengetan. Wir fordern die drei Parteien in einer gemeinsamen Erklärung auf, sich auf ein umfassendes Programm zur Unterstützung Betroffener zu verständigen.

 

Die Erklärung finden Sie/findet ihr hier: http://www.bundeskoordinierung.de/de/article/88.b%C3%BCndnis-f%C3%BCr-den-schutz-von-kindern-vor-sexualisierter-gewalt-fordert-umfassendes-programm-von-neuer-regierungskoalition.html 

 

 

04.02.2018   Der Orden hat seinen 4. Zwischenbericht des Missbrauchsbeauftragten aus juristischen Gründen kurzfristig zurückgezogen

 

Die Ordensleitung des Ordens der Redemptoristen hatte zum Beginn des neuen Jahres den 4. Zwischenbericht seines Missbrauchsbeauftragten zur Veröffentlichung freigegeben. Der neue Provinzial Hafmans setzte damit die Tradition seiner Vorgänger fort, Berichte des Missbrauchsbeauftragten zu veröffentlichen und diese nicht als Abschlussberichte, sondern als Zwischenberichte zu fassen. Im Zwischenbericht wird anders als in den ersten Berichten nicht über jede Einzelmeldung berichtet als exemplarisch vor allem zwei Fälle herausgegriffen, die für die Aufarbeitung im Orden eine besondere Bedeutung haben.

 

Wir teilen grundsätzlich die  Auffassung des Beauftragten, dass nicht jede einzelne neue Meldung aus dem bereits bekannten Täterumfeld in jedem neuen Zwischenbericht detailliert ausgeführt werden muss.

 

 

 

Folgende besonderen Aspekte von Einzelmeldungen scheinen es uns aber wert, sie hier hervorzuheben:

 

Im Fall von Pater L. und dem Betroffenen D. B. möchten wir erinnern, dass der Orden sein damaliges  Infragestellen der Glaubwürdigkeit des Zeugen vor Gericht inzwischen bedauert und hier auch eine Entschuldigung seitens des Ordens, ja sogar eine weitere Entschädigungszahlung in Höhe der damaligen Prozesskosten des Opfers erfolgt ist. Bemerkenswert in diesem Teil des öffentlich noch nicht wieder zugänglichen Berichtes: die individuelle Erinnerung eines Einzelnen widerlegt die sog. „false memory“ des Kollektivs (Orden). Dies ungeschönt in einem Bericht zu dokumentieren, verdient jeden Respekt.

 

In einem weiteren Fall aus den ungezählten Fällen, die den bereits mehrfach erwähnten Serientäter Pater S. betreffen und deshalb im Zwischenbericht nicht mehr aufgeführt sind, ist zusätzlich von der Seite der Betroffenen besonders erwähnenswert, dass der Zeuge D. M. nicht nur Zeuge für eine weitere Übergriffigkeit des Täters Pater S. ist  sondern auch Zeuge dafür, wie die damalige Internats- und Schulleitung (Pater Welzel) den Täter geschützt und das Opfer so offensichtlich vorsätzlich beschädigt hat. Mit diesem Fall wird auch klar, dass Pater Welzel sehr viel früher als bisher vermutet von den sexuellen Übergriffen erfahren hat, nämlich bereits Herbst 1966 (!).

Hätte der damalige Schul- und Internatsdirektor dem Kind D. M. auch nur ein wenig Vertrauen geschenkt, wäre jahrelanges Leid für dieses Kind und für viele nachfolgend missbrauchte andere Kinder und Jugendliche vermieden worden. Stattdessen hat der damalige Leiter des CoJoBo’s das Zeugnis des Opfers und seines Vaters über den Versuch des Übergriffs mit Ohrfeigen und der Entlassung des Opfers von Schule und Internat beantwortet.

Erst Ende 1968 wurde Pater S., nachdem  ein Schülervater den Schulleiter unter erheblichen Druck gesetzt hat, entlassen- und - man ahnt es schon - an eine andere Jungen- Schule in Aachen versetzt. Dass der Täter hier eine Einzelwohnung beziehen konnte und nicht im dortigen Kloster angebunden war, setzt dem Ganzen die Krone auf. Und wüsste man nicht sicher, dass es so gewesen war, man hielte diese Geschichte für die schlechte Erfindung eines Filmemachers.

 

Es wird mit diesem Fall - auch für uns Betroffene - erschütternd klar, dass sexuelle Gewalt selbst dann für das Opfer verheerend wirken kann, wenn die Tat nur versucht wurde und selbst dann, wenn das Opfer sich massiv und körperlich erfolgreich wehrt. Auch die Tatsache, dass sein Vater dem Opfer glaubt und nicht dem Präfekten, scheint eine erhebliche seelische Beschädigung nicht verhindert zu haben. Aus dem Bericht des Opfers: "... ich war von März 1963 bis November 1966 in den beiden Internaten Bous und Bonn. Das Kolleg Heiligenborn besuchte ich bis zur Quarta, um dann die weitere schulische Ausbildung in Collegium Josephinum zu erfahren. Die Zeit im Kolleg Heiligenborn in Bous, das unter der Leitung von Pater Niesen stand,  habe ich soweit in guter Erinnerung, obwohl homosexuelle Erfahrungen unter den Schülern ausgetauscht wurden und diese auch von der Internatsleitung geduldet wurden. Gemeinsam mit zwei Mitschülern, einer davon war A. D., wechselte ich 1965 ins Kollegium Josephinum in Bonn. Hier wurde ich der Mittelgruppe unter Pater S. zugeteilt.  Und damit begann eine 18 monatige Leidenszeit, die mich persönlich sehr geprägt hat. Pater S. war mir gegenüber nicht gerade "wohl gesonnen", denn jede Form meiner Freizeitgestaltung wurde mir untersagt. Klavierspielen und dabei singen nahm er zum Anlass, mich vor versammelten Mitschülern bloß zu stellen, zu demütigen oder gar zu schlagen. Prügel habe ich des öfteren einstecken müssen. An einem Sonntag im Oktober/November des Jahres 1966 hatten wir Ausgang und waren mit Sammelbüchsen in der Stadt Bonn unterwegs. Ich nahm allerdings auch die Möglichkeit eines Kirmesbesuchs wahr und verbrachte einen Teil des Nachmittags auf dem Rummelplatz und fuhr "Autoscooter", dies auch mal in weiblicher Begleitung. Als ich abends wieder zurück ins Internat kam, wurde ich bereits von Pater S. erwartet, der von meiner "Freizeitbeschäftigung" erfahren hatte. Auf seinem Zimmer begann eine "sexuelle Aufklärung", wie Pater S. dies bezeichnete. Er unterbreitete mir u. a. einen Versandhauskatalog mit den Seiten der Damendessous; ferner eine Zeitschrift mit Bildern barbusiger Frauen. Er verließ dabei jedes Mal das Zimmer, damit ich mich intensiv mit den Bildern befassen könnte. Hatte er dann wieder das Zimmer betreten, prüfte er meine körperliche Reaktion auf das Bilderstudium. Da diese Konfrontation aber nicht die "gewünschte Reaktion" zeigte, legte er mir ein Pornoheft der Marke "Klimax" vor, das er seiner Nachttischschublade entnahm. Er forderte mich auf, dieses zu studieren. Ein solches Magazin hatte ich zuvor nie gesehen und dementsprechend war ich sehr aufgewühlt. Pater S. konstatierte dies und öffnete sofort meine Hose und forderte mich zu sexuellen Handlungen auf. Dieses habe ich vehement abgelehnt und Pater S. zweimal geohrfeigt. Daraufhin verließ ich das Zimmer und wurde kurze Zeit später zum Direktor, Pater Welzel, beordert. Dieser ohrfeigte mich und erklärte mich zur "Persona non grata" an dieser Schule. Meine Erklärungen wurden nicht gehört geschweige denn akzeptiert. Pater S., der anwesend war, beschuldigte mich des brutalen Angriffs auf ihn. Pater Welzel informierte sofort meine Eltern und ich wurde der Schule verwiesen..." Der Vater konnte den Schulleiter nicht davon überzeugen, dass sein Sohn die Wahrheit sprach.

 

 

03.02.2018  Interessanter Faden zu juristischen Problemen bei der Aufarbeitung von Missbrauch und Grenzverletzungen

Der UBSKM initiiert gesetzliche Regelungen zur Aufarbeitung (u.a. Missbrauchsbekämpfungsgesetz):

https://twitter.com/ukask_de

 

Bei Twitter werden zur Zeit  juristische Probleme der sog. Abschlussberichte diskutiert:

https://twitter.com/InfoOetken/status/959705401867624448

 

 

02.02.2018     SAVE THE DATE:  3. Öffentliches Hearing "Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" am 27.06.2018

Merkt diesen wichtigen Termin vor. Je mehr von uns anwesend sind, desto größer die öffentliche Wahrnehmung und Würdigung. Wir brauchen jede Unterstützung, der UBSKM braucht sie auch.

Wir stellen erneut ein, sobald man sich dort anmelden kann.

 

01.02.2018   Helfen die Leitlinien der Katholischen Kirche zur Bestimmung dessen, was unter "sexuellem Missbrauch" zu verstehen ist. Ein aktueller Beitrag auch zur #metoo- Debatte.

 

Die Frage taucht immer wieder in Diskussionen auf: wann sprechen wir von sexuellem Missbrauch oder auch anders: Wann ist ein Vorfall ein Fall für den Missbrauchsbeauftragten bzw. wann greifen die Leitlinien? 

 

Überraschenderweise ist die Deutsche Katholische Bischofskonferenz hier recht bestimmt:

 

"Diese Leitlinien berücksichtigen die Bestimmungen sowohl des kirchlichen wie auch

des weltlichen Rechts. Der Begriff sexueller Missbrauch im Sinne dieser Leitlinien umfasst

strafbare sexualbezogene Handlungen. Die Leitlinien beziehen sich somit

• sowohl auf Handlungen nach dem 13. Abschnitt sowie weitere sexualbezogene

Straftaten des Strafgesetzbuchs (StGB)

• als auch auf solche nach can. 1395 § 2 CIC in Verbindung mit Art. 6 § 1 SST6

, nach can. 1387 CIC in Verbindung mit Art. 4 § 1 n.4 SST wie auch nach can. 1378 § 1 CIC

in Verbindung mit Art. 4 § 1 n.1 SST, soweit sie an Minderjährigen oder Personen

begangen werden, deren Vernunftgebrauch habituell eingeschränkt ist

(Art. 6 § 1 n.1 SST).

Zusätzlich finden sie unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Einzelfalls Anwendung bei Handlungen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit, die im pastoralen oder erzieherischen sowie im betreuenden oder pflegerischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen eine Grenzverletzung oder einen sonstigen sexuellen Übergriff darstellen.“

 

Quelle:

https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2012/2013-151a-Ueberarbeitung-Leitlinien_Rahmenordnung-Praevention_Leitlinien.pdf

 

 

28.01.2018  Berichte zum Abschied von Schuldirektor Billig auf der Website des Erzbistums und in der Kirchenzeitung

 Hier der entsprechende Link zur Partnerschule:

 

http://schule.erzbistum-koeln.de/ursulinenschule-hersel/ebk-blog/Stabwechsel-am-CoJoBo/

 

Hier ein Zitat aus der Kirchenzeitung:

 

" Zu den Höhepunkten seiner Zeit gehört das 125-Jahr-Jubiläum des CoJoBo im Jahr 2005; zu den Tiefschlägen sicherlich die Auseinandersetzung mit den Missbrauchsfällen aus der Internatsgeschichte, die lange vor seinem Dienstantritt stattgefunden haben. Alle Gäste waren sich einig: Mit Peter Billig geht am CoJoBo eine Ära zu Ende, eine ausgesprochen gute dazu. Neuer Schulleiter ist Thomas Braunsfeld. BB" 

Entnommen aus: 

http://www.kizkoeln.de/kiz/2017/KIZ_2017_39.pdf 

 

Das Zitat macht noch einmal deutlich, wie unterschiedlich die Bewertung der Vergangenheit durch uns als Missbrauchsopfer und die Bewertung durch die späteren Verantwortungsträger der Schule ausfällt: für uns sind die "Missbrauchsfälle" nicht allein Sache der "Internatsgeschichte" oder anders ausgedrückt der "Ordensgeschichte" sondern auch eine Sache der Schulgeschichte. Die Verantwortung in Internat und Schule war damals in einer Hand. Und es bleibt festzuhalten: die Lehrer von damals bestimmten die Schule mindestens bis zur Jahrhundertwende, sie mussten die Augen und Ohren schon mächtig verschließen, um nichts mit zu bekommen. Und genau das ist das, was sich ändern muss, wenn Prävention gelingen soll.

 

 

 

27.01.2018  Das Aloisiuskolleg entwickelt ein neues Leitbild- offensichtlich ohne die Expertise derer, die geschädigt worden sind

 

Wie aus einer Glanz- Präsentation des Ordens der Jesuiten hervorgeht, entwickelt das Aloisiuskolleg ein neues Leitbild für seine Schule (eine unserer zentralen Forderungen für das Collegium Josephinum):

 

https://jesuiten.org/slides-startseite/aloisiuskolleg.html

 

Du liest das und bist vordergründig beeindruckt und merkst dann doch sehr schnell, was zur wirklichen Veränderung des Systems fehlt: die grundsätzliche Expertise der Geschädigten. Es fehlt der Wille, der Mut, die Einsicht, die Empathie? Es bleibt dann doch Enttäuschung und Zorn. 

 

26.01.2018     Der Eckige Tisch erklärt den Dialog mit den Jesuiten für gescheitert

 

8 Jahre „Missbrauchsskandal“ – keine Konsequenzen im Orden:

ECKIGER TISCH BONN erklärt den Dialog mit den Jesuiten für gescheitert

BERLIN/BONN 26.01.2018. Ab 28. Januar 2010 berichteten die Medien vom Kindesmissbrauch an Jesuiten-Schulen und lösten damit den sog. „Missbrauchsskandal“ in Deutschland aus. Zum jetzigen achten Jahrestag teilt der ECKIGER TISCH BONN, Verein Geschädigter des Aloisiuskollegs zu Bonn-Bad Godesberg e.V. (ETB), dem Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten K.d.ö.R. in einem Brief mit, dass die Missbrauchsbetroffenen den bisherigen Dialog als gescheitert ansehen.

Die heutige Ordensleitung sei, so die Feststellung der Betroffenen, nicht willens oder in der Lage nach acht(!) Jahren „Missbrauchsskandal“ und sieben(!) zumeist externen Berichten und Untersuchungen, die alle auch das Versagen der jeweiligen Leitungen der Institution aufzeigen, ihre Schlüsse und Konsequenzen für das System des Ordens mitzuteilen.

 

„Wir haben nicht das Gefühl, dass die Jesuiten begriffen haben, dass das historische Leitungsversagen im System des Ordens die eigentliche Ursache, also Teil der Missbräuche war und dass die heutige Ordensleitung mit dem anhaltenden Verzicht auf interne Aufarbeitung keinen Beitrag zur Prävention leistet und somit kein Teil der Lösung ist,“ sagt Heiko Schnitzler, Vorsitzender des ETB, „im Gegenteil!“

 

Ohne eine extern begleitete, wahrnehmbare Auseinandersetzung innerhalb des Systems, welches Missbrauchstäter durch Leitungsversagen hervorbrachte (und ggf. noch hervor bringt?), erhalte wirkliche Prävention keinen Zugang in die Klostermauern des Jesuitenordens, so zu lesen im Brief der Betroffenen.

 

Die Betroffenen erwarteten zumindest Respekt für ihre Anliegen, der sich endlich auch in konkreten Maßnahmen (z.B. in der Personalpolitik) ausdrücken muss. Vordergründige Aktivitäten zum Thema, die nur als Feigenblatt und zum einseitigen Benefit der Schulen oder der persönlichen Profilierung einzelner Jesuiten innerhalb und außerhalb des Ordens angelegt sind, ersetzten die Prävention durch Analyse der Systemursachen nicht, wofür das Aloisiuskolleg noch im Jahr 2017 trauriges Beispiel war, so der ECKIGE TISCH BONN. Nach acht Jahren und sieben Berichten gäbe es keine Entschuldigung für Aussitzen.

 

Den o.a. Brief sowie den gesamten Briefwechsel im Nachgang zum Offenen Brief mit Fragen zur (gesellschaftlichen) Verantwortung der Jesuiten nach Vorlage des Gutachtens zu Fällen sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim vom 08.11.2017 finden Sie unter www.eckiger-tisch-bonn.de.

Kontakt: info@eckiger-tisch-bonn.de

ECKIGER TISCH BONN Verein Geschädigter des Aloisiuskollegs zu Bonn-Bad Godesberg e.V.

c/o Hauptstädtische GmbH | Novalisstr. 8a | D-10115 Berlin

 

Kommentar: so bedauerlich es ist, wenn ein Dialog scheitert, so klar muss man wahrscheinlich auch irgendwann das Scheitern konstatieren. Der Wendepunkt ist erreicht, wenn die Energien zur Veränderung aufgebraucht erscheinen und wenn die Veränderung selbst grundständig mehr die Kosmetik als die Systemfrage berührt. Wir selbst haben den Dialog mit dem Orden der Redemptoristen bisher nicht aufgegeben, sehen uns aber in der Gefahr, am selben Punkt, nämlich der Prävention, zu scheitern: wirkliche Prävention in dieser Art besonderer Schule scheint uns nur möglich durch Veränderung der systemischen Ursachen. 

 

Noch zwei Artikel

http://www.epd.de/zentralredaktion/epd-zentralredaktion/bonner-missbrauchsopfer-erkl%C3%A4ren-dialog-mit-jesuiten-f%C3%BCr-gesch

http://wwwgeneral-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/Opferverein-wirft-Jesuiten-mangelnde-Aufarbeitung-vor-article3758464.html

Und was vom WDR https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/missbrauchsopfer-dialog-jesuiten-gescheitert-100.html

 

25.01.2018   Unser Verein vor der Aufarbeitungskomission zum Thema: Verantwortung von Institutionen (Eigenbericht, ergänzende Hinweise)

 

Das Gespräch mit der Aufarbeitungskommission,mit Herrn Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs und mit einer Vertreterin des Betroffenenrats des UBSKM fand in einer offenen, wertschätzenden und  freundlichen Atmosphäre statt. Bei der Kommission stießen unsere offensichtlich einmaligen Erfahrungen , die dazu beigetragen haben, den Aufarbeitungsprozess mit dem Orden der Redemptoristen entgegen anderen Opfergruppen über die ganze Zeit von 2010 bis heute aufrecht zu erhalten, auf ein großes Interesse. Selbstverständlich wurden auch die Klippen deutlich benannt, an denen der Prozess hätte beendet sein können.

 

 

Als Gelingensbedingungen haben wir dort vor allem folgende Punkte betont:

 

 

  • Fokussierung auf das, was uns widerfahren ist und Empathie mit uns selbst 
  • Fokussierung auf die Gelegenheitsstrukturen, die Missbrauch und Gewalt in dieser Form ermöglicht haben
  • Wahrnehmung und Würdigung der kleinsten Fortschritte im gemeinsamen Prozess
  • Weitermachen auch dann, als ein Weitermachen unmöglich erschien 
  • Empathie der Opfer in die „Gegenseite“ des Ordens, ihre Sprache, ihr Denken, auch ihre Gefühle (Wie denken Ordensleute überhaupt? Was sind ihre Gefühle, wenn sie vom Missbrauch durch Mitbrüder (Geschwister) erfahren? Was macht es mit dem Gegenüber, wenn der Vorwurf aufkommt, Verbrechen gedeckt zu haben?
  • Umfeldbedingungen, die durch den Orden vorgehalten wurden (Treffen am neutralen Ort, großzügige Übernahme von Reise- Übernachtungs- und Moderationskosten, Regelmäßigkeit der Treffen) 
  • Ein Missbrauchsbeauftragter, der als Vorsitzender Richter am Amtsgericht Leverkusen, hohe Autorität und Glaubwürdigkeit ausstrahlte 
  • Beide Missbrauchsbeauftragte, die länger mit uns zu tun hatten, ergriffen deutlich die Partei der Opfer und signalisierten: ich glaube euch. Sie demonstrierten zugleich Unabhängigkeit vom Orden und ebenso von uns. 
  • Langjährige Erfahrung beider Missbrauchsbeauftragten in der Aufarbeitung von Verbrechen und der Zeugenvernehmung
  • Klare Sprache der Beauftragten („Verbrechen“)
  • Moderation aller Treffen durch professionelle Moderatorin 

 

 

 

Besonders wichtig erscheint im Rückblick die Tatsache, dass wir uns selbst ausschließlich als Vertreter unserer selbst verstanden haben und für uns selbst etwas erreichen wollten.

 

Zum Aufarbeitungsprozess gehört auch die schmerzende Wahrheit: in der Frage einer möglichen Entschädigung sind wir keinen Schritt weiter gekommen. Wichtig und in mancher Hinsicht (Prävention heute) auch bedenklich: der Orden übernahm die Verantwortung für alles, was geschehen war und schob damit die von ihm betriebene Schule - immer bemüht, sie zu schonen - weitgehend aus ihrer Mitverantwortung. Einen Kontakt des Vereins mit der Schule gab es ausschließlich  mit der Schulleitung und einem sehr kleinen Kreis von Lehrern.

 

Leider vermissen wir bis heute ein über die Veröffentlichung der Zwischenberichte hinaus gehendes Sichtbarmachen der langjährigen Auseinandersetzung des Ordens mit Betroffenen in Form von Bekanntgaben der Treffen auf seiner Homepage, in Form gar einer inhaltlichen Zusammenfassung der Ergebnisse aus Sicht des Ordens. Ein wirkliches Bekenntnis zur Vergangenheit würde sich auch im Archiv der Schulhomepage des CoJoBo anders niederschlagen als dies bislang der Fall ist.

 

Die Aufgabe der Aufarbeitungskomission wurde von ihrer Vorsitzenden, Frau Prof. Sabine Andresen, sehr prägnant zusammengefasst:

 

„Wir brauchen eine klare Haltung zur Vergangenheit.

 

Egal, wo wir hingucken.“

 

24.01 2018  Kindesmissbrauch und die Verantwortung von Institutionen- Unser Verein vor der Aufarbeitungskommission in Berlin

Sexueller Kindesmissbrauch und die Verantwortung von Institutionen

Berlin, 16./ 17. Januar 2018. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs sprach im Rahmen ihrer fünften Werkstattgespräche mit Expertinnen und Experten zum Thema Missbrauch in Institutionen und deren Verantwortung für Aufklärung und Aufarbeitung. Dabei sollten besonders die folgenden Fragestellungen besprochen werden: Wie können Institutionen, aber auch Politik und Gesellschaft ihre Verantwortung wahrnehmen und was ist damit verbunden? Werden die Aufarbeitung der Vergangenheit, das Zuhören und das Dokumentieren von Erfahrungswissen als Verantwortungsübernahme wahrgenommen? Und wie können Institutionen unterstützt werden, einen guten Weg in die Aufarbeitung zu finden?

Austausch mit der Klasnic-Kommission aus Österreich

Die „Unabhängige Opferschutzanwaltschaft – Initiative gegen Missbrauch und Gewalt“ unter dem Vorsitz von Waltraud Klasnic berichtete über ihre Erfahrungen im Umgang mit Betroffenen von Missbrauch und Gewalt in der katholischen Kirche in Österreich. Die Kommission arbeitet ehrenamtlich, unabhängig und hat bisher rund 2.800 Fälle aus dem kirchlichen Kontext bearbeitet.  Sie gewährt Betroffenen eine finanzielle Hilfe in Form von Geldleistungen zwischen 5.000 und 25.000 Euro – in besonders schweren Einzelfällen auch darüber hinaus – und Therapiestunden sowie eine formale Anerkennung des Unrechts.

„Die Gespräche mit den Betroffenen waren und sind sehr persönlich – die Kommission beschäftigt sich intensiv mit jedem Fall. Nach einer sensiblen Plausibilitätsprüfung gilt: in dubio pro Betroffene“,  erklärte Waltraud Klasnic.

v.l.: Prof. Herwig Hösele, Waltraud Klasnic, Brigitte Dörr
©UKASK

Erste Ergebnisse der Arbeit der Kommission sind das „Heimopferrentengesetz“ und ein offizieller Staatsakt im Parlament in Wien im Jahr 2016, bei dem die Politik und die katholische Kirche ein symbolisches Zeichen zur Anerkennung des erlittenen Leids gesetzt haben. Die Arbeit der Kommission habe aber auch zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit beigetragen und es sei ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Thematik gewachsen.

 

Der Runde Tisch für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen in der Schweiz

Die Schweiz hat auf Grundlage einer Gedenkveranstaltung für Betroffene im Jahr 2013 den „Runden Tisch für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen“ geschaffen. Dieses Gremium hatte die Aufgabe, Maßnahmenvorschläge für die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der schweizerischen Sozialgeschichte zu erarbeiten. Daraufhin wurde im September 2016 ein Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 erlassen. Das Gesetz beinhaltet  einen Solidaritätsbeitrag in Höhe von 25.000 Franken pro Betroffene oder Betroffener, eine Unterstützung der Opferhilfestellen und der Archive sowie finanzielle Beiträge an Selbsthilfeprojekte Betroffener. Zusätzlich wurde eine umfangreiche wissenschaftliche Aufarbeitung auf den Weg gebracht. Sie findet vor allem im Rahmen einer Unabhängigen Expertenkommission sowie eines Nationalen Forschungsprogramms statt. Dafür stehen insgesamt rund 28 Mio Franken zur Verfügung.  Mit dem Erlass des Gesetzes ist der politische Aufarbeitungsprozess im Wesentlichen abgeschlossen worden. Nun liege es  – laut dem Vorsitzenden des Runden Tisches Luzius Mader – in der Hand der Behörden, aus der Forschung die richtigen Schlüsse zu ziehen:

„Der Bund und die Kantone müssen geeignete Maßnahmen zur Umsetzung der Forschungsergebnisse ergreifen. Es handelt sich um verschiedene Dimensionen der Aufarbeitung. Die Schweiz ist ein kleines Land und so ist es gut möglich, dass jeder jemanden kennt, der betroffen ist. Schon aus diesem Grund ist die Aufarbeitung bei uns fest verankert.“

Der Solidaritätsbeitrag ist ein sehr wichtiges Element der individuellen Aufarbeitung. Bis Ende März 2018 können Betroffene Anträge an den Sozialfonds stellen. Bis dahin rechnet man mit etwa 6.000 Gesuchen.

 

v.l.: Prof. Dr. Martin Lengwiler, Luzius Mader, Dr. Stephanie Schönholzer
©UKASK

 

Betroffene berichteten über den Missbrauch durch Ordensangehörige der Redemptoristen

Sylvia Witte, Vorsitzende des Vereins „Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen e.V.“ (MoJoRed e. V.) und Winfried Ponsens, dessen Geschäftsführer, berichteten über ihre Erfahrungen mit dem Orden der Redemptoristen. Winfried Ponsens kam in den 60er-Jahren in das Internat Collegium Josephinum in Bonn und erlebte dort ein geschlossenes System aus Härte und Gewalt. Jahrelang aber war die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht möglich:

„Ich war erfolgreich im Vergessen, gleichzeitig aber auch im Überleben. Man wollte ja raus in die Welt und da habe ich das ganz gut verdrängen können.“

Im März 2010 wandten sich Winfried Ponsens, Sylvia Witte und weitere Betroffene an den Orden und erreichten einen Runden Tisch sowie die Zahlung von 5.000 Euro pro Person. Seitdem treffen sich die Betroffenen des Vereins zwei Mal jährlich zu einem Austausch. Die Bedingungen, unter denen die Aufarbeitung stattfinden kann, beschrieben Sylvia Witte und Winfried Ponsens als „gut und angemessen“ und hoben unter anderem die kontinuierliche Übernahme der Reisekosten hervor. Jedoch befürchten beide, dass das Anliegen und die Botschaft, die sie formulieren, noch immer nicht wirklich von den Ordensmitgliedern verstanden werden:

„Es gibt bei den meisten Patres hinsichtlich der Sünde immer noch das Denkmuster, sie seien nicht den Betroffenen verpflichtet, sondern nur dem Herrgott“stellte Sylvia Witte fest.

v.l.: Sylvia Witte, Winfried Ponsens
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Zum Umgang der evangelischen Nordkirche mit Missbrauchsvorwürfen

Die Rechtsanwältinnen Petra Ladenburger und Martina Lörsch berichteten über die juristische Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der evangelischen Nordkirche, die in der Vergangenheit oftmals nur über interne Disziplinarverfahren behandelt wurden. In Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal 2010 forderten auch hier die Betroffenen eine transparente Aufarbeitung. Die beiden Rechtsanwältinnen untersuchten 16 Disziplinarverfahren gegen 14 Pastoren, führten Interviews mit Betroffenen und einem Beschuldigten und werteten weitere Unterlagen aus. Daneben gab es eine sozialwissenschaftliche Untersuchung. Aus diesen beiden unterschiedlichen Blickwinkeln wurden Empfehlungen entwickelt und Auffälligkeiten im Zusammenhang mit den Fällen benannt.

„Eine Haltung der evangelischen Kirche allein reicht nicht aus, wenn keine Professionalität im Umgang mit dem Thema Missbrauch da ist. Das gilt auch für Personen, die mit Zeugen und Betroffenen sprechen. Diese haben oft keine Schulung im Umgang mit traumatisierten Menschen. Hier haben wir empfohlen, dass zukünftig professionelles Personal eingesetzt wird“, so Rechtsanwältin Petra Ladenburger.

v.l.: Petra Ladenburger, Martina Lörsch
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Eine weitere wichtige Empfehlung war die Überarbeitung des Disziplinarrechts. So forderten die Rechtsanwältinnen zum einen die Verjährungsfristen innerhalb des Disziplinarverfahrens aufzuheben, eine Meldepflicht für sexuelle Übergriffe in der Seelsorge einzuführen und das unbegrenzte Zeugnisverweigerungsrecht für Pastoren und Pastorinnen zu ändern. Laut Martina Lörsch sei letzteres „extrem reformbedürftig“, da Pastoren und Pastorinnen auch in Strafverfahren trotz Schweige-Entbindung durch Betroffene das Recht hätten, Inhalte aus Gesprächen nicht weiterzugeben.

Die Empfehlungen aus dem Abschlussbericht wurden bis heute allerdings nicht überall umgesetzt. Es gäbe laut den Rechtsanwältinnen Ladenburger und Lörsch aber Möglichkeiten, die Regelungen in den Gemeinden durchzusetzen. Die Frage sei, wie groß der Wille dazu sei, gegebenenfalls auch Druck auf die Gemeinden auszuüben. So könnte man die Forderung nach einem Schutzkonzept in jeder Gemeinde an die Finanzierung knüpfen. „Wird die Forderung dann nicht umgesetzt, werden Gelder gestrichen. Das ist kein Hexenwerk“, so Martina Lörsch. Die Präventionsarbeit sei wichtiger denn je, denn„heute kann keine Institution ernsthaft behaupten, dass es so etwas bei ihnen nicht gegeben hat“, resümierte Petra Ladenburger.

 

DBK-Projekt „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“

Zum Abschluss der Werkstattgespräche stellte Prof. Dr. Harald Dreßing den aktuellen Stand des Projekts der Deutschen Bischofskonferenz zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen vor. Das Projekt wird von mehreren Verbundpartnern bearbeitet und teilt sich in sechs Teilprojekte. Prof. Dreßing berichtete von umfassendem Material und verschiedenartiger Aktenführung in den Diözesen. Die Projekt-Mitglieder sehen das Projekt vor allem aus der Perspektive der Wissenschaft:

„Wir verstehen unsere Arbeit nicht als Aufarbeitung, sondern als Forschung. Was die Institutionen dann damit machen, liegt in deren Verantwortung. Aber natürlich kann das ein Schritt in Richtung Aufarbeitung sein.“

Prof. Dr. Harald Dreßing
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Die sechs Teilprojekte arbeiten interdisziplinär, d.h. sie beziehen nicht nur die Akten mit ein, die in den Diözesen vorhanden sind, sondern werten auch Strafrechtsakten aus , führen qualitative Interviews mit Betroffenen, Beschuldigten und Zeitzeugen, werten die Präventionsarbeit aus und vergleichen die Ergebnisse mit den Anträgen auf Anerkennung des Leids. Dabei werden auch Anhaltspunkte  für eine mögliche Vertuschung oder Verschleierung analysiert. Das Projekt wird im September 2018 einen Abschlussbericht veröffentlichen und darin auch Empfehlungen aussprechen. „Die Verantwortung muss aber die Institution übernehmen und […] in konkreten Änderungen sichtbar machen.“, so Dreßing.

22.01.2018  Orden zieht den Bericht des Missbrauchsbeauftragten aus juristischen Gründen zurück

Der Orden hat den 4. Zwischenbericht seines "Externen Unabhängigen Beauftragten zur Untersuchung sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener" (zur Veröffentlichung freigegeben am 12.01.) aus juristischen Gründen zurückgezogen.Wir erwarten die Veröffentlichung eines korrigierten Berichts in Kürze.

10.01.2018   Einladung unseres Vereins MoJoRed zu einer Anhörung durch die Aufarbeitungskommission bei Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung Rörig

 

Für den 17.01.2018 ist unser Verein in den Personen Sylvia Witte und Winfried Ponsens als Vorstand eingeladen, vor der  Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs über ihre besonderen Aufarbeitungserfahrungen zu berichten. Im Zentrum der Arbeit der Kommission stehen bundesweite vertrauliche Anhörungen von Betroffenen und Zeitzeugen. Gleichzeitig werden konkrete Erfahrungen von Experten in nicht-öffentlichen Werkstattgesprächen zu bestimmten Themen miteinbezogen. In der fünften Runde der Werkstattgespräche geht es um das Thema Verantwortung. Wie können Institutionen, aber auch Politik und Gesellschaft ihre Verantwortung wahrnehmen und was ist damit verbunden? Werden die Aufarbeitung der Vergangenheit, das Zuhören und das Dokumentieren von Erfahrungswissen als Verantwortungsübernahme wahrgenommen? Und wie können Institutionen unterstützt werden, einen guten Weg in die Aufarbeitung zu finden?

 

Gerne waren wir sofort bereit, diese und weitere Fragen mit der Kommission erörtern, haben wir doch mit der Aufarbeitung mit dem Redemptoristenorden unseres Wissens einzigartige Erfahrungen gemacht: so hält die Aufarbeitung noch heute nach 7 Jahren an und wird vollständig vom Orden finanziert (z. B. Übernahme der halbjährlichen Reise- und Tagungskosten der weit verstreut lebenden Betroffenen), die öffentlich zugänglichen Berichte der Missbrauchsbeauftragten des Ordens werden nicht als Abschlussberichte sondern als Zwischenberichte bis heute fortgeführt. Der vierte Bericht steht kurz vor der Veröffentlichung. 

 

Wir freuen uns über diese Einladung und sehen diese Einladung auch als Bestätigung unserer bisherigen Arbeit im Kreis der Betroffenen, im Verein der Missbrauchsopfer des Ordens und als Anerkennung seiner bis heute weitergeführten Homepage. Spannend wird diese Befragung bzw. das gemeinsame Gespräch allemal.

 

Anfang November 2017 war Frau Witte bereits  zu einer Gruppendiskussion im Rahmen eines Forschungsprojektes der Aufarbeitungskommission in Berlin zum Thema "Erwartungen Betroffener an den Umgang mit Tätern und Täterinnen im Rahmen von persönlicher Bewältigung und gesellschaftlicher Aufarbeitung" eingeladen. 

 

 

08.01.2018  Der ehemalige Regensburger Domspatz Magnus Meier, Leidensgenosse, in einem bewegenden Artikel der TAZ vom Wochenende "Es geht nicht weg"

Unter der Überschrift "Aus dem Leben gekippt" berichtet die TAZ als Titelgeschichte über die Geschichte des Missbrauchsopfers Magnus Meier von den Regensburger Domspatzen und von der Geschichte des Missbrauchsopfers Koljar Wlazik von der Elly- Heuss- Knapp- Schule in Darmstadt. Wir finden, es werden hier zwei Wahrheiten beleuchtet, die in der Öffentlichkeit gerne übersehen werden: die eine ist "Es geht nicht weg"  und die andere "Aus dem Leben gekippt". Warum sexuelle Gewalt einen Menschen aus dem Leben kippt (wohin kippt es einen wohl, wenn man aus dem Leben gekippt wird?), dieser Frage versuchen wir ja auf der Homepage immer wieder nachzuspüren, zuletzt im Abschnitt über die Heimatlosigkeit als Grundgefühl nach erlittener sexueller Gewalt. Und auch die Frage, ob es denn nicht langsam mal genug sei und ob man sich denn nicht nun endlich, da man doch geredet hätte, auch vom Trauma befreit habe, gerade dieser Frage, der auch die Missbrauchsopfer selber allzu gerne ausweichen, wir versuchen immer wieder, uns ihr zu stellen (so im Homepage- Abschnitt "Sieh mich sterben" und besonders im Beitrag "Schweigen und Erinnern. Gegen das Kleinreden" von Winfried Ponsens im Buch "Unheiliger Berg" von Hagenberg- Miliu).

 

Ein hohes Verdienst der TAZ und der Redakteurin  Nina Apin, das zentrale gesellschaftliche Thema der Gewalt immer wieder neu anzugehen, anders zu beleuchten und wachzuhalten- meinen wir.

 

Hier jetzt der offizielle Link, nachdem der Text allen Lesern auch online zur Verfügung steht:

 

https://www.taz.de/Kindesmissbrauch-in-Institutionen/!5472194/

 

 

Hier der Link zum TAZ- Archiv: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5472194&s=Nina+Apin+Es+geht+nicht+weg&SuchRahmen=Print/

 

Hier als PDF (Quelle: TAZ vom 6./7. Januar, nur Text)

Nina Apin "Es geht nicht weg"
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27.12.2017    Sexuelle Gewalt als Alltagserfahrung. Blick über den Zaun

Der Spiegel wirft einen aufschlussreichen Blick über den Zaun:  auf sexuelle Gewalt als durchschnittlich bestimmende Alltagserfahrung, einen Blick über Europa hinaus auf eine gesellschaftliche Bewusstseinsform, in der sexuelle Gewalt offensichtlich fast nur auf der Opferseite auch als solche wahrgenommen wird und ansonsten als "normal" definiert ist. Der Blick über den Zaun lässt klarer sehen, wie sehr sexuelle Gewalt weniger ein Problem der Sexualität allgemein ist als ein Problem von Macht und Machtmissbrauch. Dass Machtmissbrauch nicht das Problem einer bestimmten Religion (hier Islam) ist, ist dann eine Erkenntnis, die im Artikel quasi nebenbei auch noch abfällt.

 

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sexuelle-belaestigung-in-aegypten-fast-jede-frau-betroffen-a-1183910.html

13.10.2017  Infos zum Collegium Josephinum in Bad Münstereifel

Im heutigen Bonner General-Anzeiger steht unter

 

http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/koeln-und-rheinland/Opfervertreter-schildert-%C3%9Cbergriffe-in-Bad-M%C3%BCnstereifel-article3673587.html

 

ein Bericht über das Bad Münstereifeler Collegium Josephinum (plus vier Links zu weiteren Artikeln).

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Der Abschlussbericht ist zu finden unter:

 

http://dokumente.pro-cj.de/Abschlussbericht-Collegium-Josephinum-Originalfassung.pdf

 

11.10.2017   Pater Römelt, Provinzial der Redemptoristen, übernimmt ab dem 01.01.2018 eine neue Aufgabe

Wie Pater Römelt mitteilt, übernimmt er ab 2018 eine neue Aufgabe. Als Anlage die entsprechende Nachricht. Später mehr.

2017-09-25 Provinzial DEU-1.pdf
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05.10.2017  Erzbistum plant ein neues Schulzentrum und macht bemerkenswerte Vorgaben

Das Erzbistum plant ein neues Schulzentrum. Das Konzept steht bereits. Das allein ist schon bemerkenswert und nicht alltäglich: Konzept vor Schulgebäude! Und das Konzept hat es in sich. Es beinhaltet vor allem eine Integration von Sozialarbeit und Schularbeit an einem Ort. Es versucht sich an skandinavischen Vorbildern und beinhaltet eine wirkliche Idee von Gesamtschule: eine Schule für Alle. Eine Schule für die Gemeinde oder Stadt.

 

http://www.ksta.de/koeln/standort-noch-unklar-erzbistum-koeln-plant-ein-neues-schulzentrum--28535014?dmcid=nl_20171005_28535014

 

 

05.10.2017   Missbrauchsbeauftragter des Bundes Rörig stellt Programm zur Bekämpfung sexuellen Kindesmissbrauchs vor

 

Hier die Pressemitteilung:

 

Pressemitteilung

 

„Jetzt handeln!“ – Missbrauchsbeauftragter Rörig stellt „Programm zur konsequenten Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen“ für die 19. Legislaturperiode vor

 

Rörig appellierte heute an die künftigen Koalitionspartner, jetzt ein neues Kapitel im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch aufzuschlagen und sich deutlich hinter den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexueller Gewalt zu stellen. Er fordert den Deutschen Bundestag auf, noch im Jahr 2018 ein „Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz“ zu verabschieden.

 

Berlin, 05.10.2017. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hat heute in Berlin sein „Programm zur konsequenten Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen“ für die 19. Legislaturperiode vorgestellt.

 

Rörig: „Sexuelle Gewalt ist ein permanentes und besonders tabuisiertes Problem unserer Gesellschaft. Noch immer wird viel zu oft weggeschaut und geschwiegen, aus Angst, Scham und Unsicherheit. Wir verzeichnen etwa 12.000 Straf- und Ermittlungsverfahren allein wegen sexuellen Kindesmissbrauchs jährlich. Das ist mindestens so erschreckend wie die Gewissheit, dass das Dunkelfeld um ein Vielfaches größer ist. Viele Menschen könnten helfen, wissen aber nicht, was sie bei Vermutung oder Verdacht tun können. Die künftigen Koalitionspartner können jetzt die richtigen Weichen stellen. Wenn der politische Wille vorhanden ist, können wir große Fortschritte im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch erreichen. Die Zeit befristeter Minimallösungen im Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen muss vorbei sein.“

 

Inhalte des Programms (Auswahl):

 

Das Programm beinhaltet Eckpunkte zu den Themenfeldern Schutz, Hilfen, Verfahren, Forschung/Lehre, Aufarbeitung, Aufklärung und Sensibilisierung sowie zu neuen gesetzlichen Regelungen. Es zeigt konkrete Maßnahmen auf, wie die konsequente Bekämpfung von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen künftig besser gelingen kann:

 

Modellprogramme für Einrichtungen: Die Präventionsinitiativen „Kein Raum für Missbrauch“ und „Schule gegen sexuelle Gewalt“ sollen in Modellprogramme des Bundes eingebunden werden. Zur Unterstützung der Entwicklung von Schutzkonzepten in Einrichtungen sollen bundesweit 10 % aller Schulen (3.000 Schulen) eine Anschubfinanzierung von je 5.000 EUR erhalten. Dies soll auch für 2.000 Kitas und weitere Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie 1.000 Kliniken und Praxen gelten. Zudem appelliert der Unabhängige Beauftragte an Politik und Fachpraxis, zügig zu klären, ob die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Einführung und Anwendung von Schutzkonzepten nicht ausgeweitet werden müssen.

 

Agenda „Digitaler Kinder- und Jugendschutz“: Die fortschreitende Digitalisierung vermehrt die Gefahren sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Netz. Kinder- und Jugendschutz muss dringend auch auf den digitalen Raum übertragen werden: Mindestens 0,5 % des für den Digitalpakt angedachten Budgets sollen für eine Agenda „Digitaler Kinder- und Jugendschutz“ zur Verfügung gestellt werden. Auch die großen Internet-Unternehmen müssen sich stärker für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum engagieren.

 

Bundesweite Aufklärungskampagne: Alle Bürgerinnen und Bürger sollten bestehende Hilfeangebote kennen und wissen, was sie bei Vermutung oder Verdacht tun können. Deswegen sollte eine auf mehrere Jahre angelegte Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne spätestens 2019 starten.

 

Reform des OEG: Der Unabhängige Beauftragte appelliert an die künftige Bundesregierung, die Reform des Opferentschädigungsrechts (OEG) gleich zu Beginn der 19. Legislaturperiode auf den Weg zu bringen. Sollten mit der Reform des OEG die hohen Hürden für Betroffene nicht gesenkt werden (zum Beispiel die Anforderungen an den Nachweis der Tat oder an den Nachweis der Kausalität zwischen sexueller Gewalt in der Kindheit und den heutigen gesundheitlichen Belastungen) müssen dringend ergänzende Regelungen geschaffen werden. In Betracht käme eine gesetzlich zu errichtende Stiftung, die Betroffenen aus allen Missbrauchskontexten die notwendigen Hilfen schnell und unbürokratisch gewährt, unabhängig von Ort und Zeit der Tat.

 

„Forschungsbündnis gegen Kindesmissbrauch“: Mit den Förderlinien des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sind wichtige Forschungsvorhaben auf den Weg gebracht worden. Es fehlt jedoch ein stabiler und interdisziplinärer Dialog, der jetzt mit Partnern aus Wissenschaft, Fachpraxis, Politik und mit Betroffenen aufgebaut werden sollte.

 

„Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz“: Der Unabhängige Beauftragte fordert ein Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz zur Stärkung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt. Durch dieses Gesetz sollte auch das Amt einer/eines Unabhängigen Beauftragten verstetigt und gestärkt werden. Aufgabenübertragung, Unabhängigkeit und die Bereitstellung ausreichender Ressourcen brauchen dringend eine gesetzliche Grundlage. Vor Ablauf von zehn Jahren sollte aber geprüft werden, ob eine Weiterführung notwendig ist, je nach Entwicklung des Ausmaßes sexueller Gewalt in den kommenden Jahren. Zudem soll der im Jahr 2015 berufene Betroffenenrat eine gesetzliche Absicherung für seine breit gefächerte Mitwirkung erhalten. Zudem benötigt die seit dem Jahr 2016 erfolgreich arbeitende Unabhängige Aufarbeitungskommission eine gesetzliche Grundlage zur stabilen Fortführung ihrer überaus wichtigen Arbeit. Ihre Arbeitsperiode sollte um mindestens fünf Jahre verlängert werden. Um verbindliche Strukturen für eine kontinuierliche Kooperation von Bund, Ländern und Kommunen, Zivilgesellschaft, Fachpraxis, Betroffenenrat, Wissenschaft und Ausbildung zu schaffen, schlägt Rörig die gesetzliche Verankerung einer „Ständigen Konferenz“ zur Bekämpfung von sexuellem Kindesmissbrauch vor.

 

Rörig stellte heute zudem neue Ergebnisse seines „Monitoring zum Stand der Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland 2015–2018“ vor. Der neue Teilbericht 3 ist ein Datenreport zu Schutzkonzepten in Kitas, Heimen/weiteren Wohnformen und dem stationären und ambulanten Gesundheitsbereich. Der Bericht macht deutlich: Schutz vor sexueller Gewalt kommt als Thema in den Einrichtungen an. Es gibt viele Einzelmaßnahmen, jedoch fehlt es nach wie vor an umfassenden Präventions- und Interventionskonzepten und an einem systematischen Herangehen jenseits konkreter Verdachtsfälle. Der Abschlussbericht des Monitorings wird Ende 2018 erscheinen. Er ist eine integrative Analyse aller Befragungsergebnisse aus den Bereichen Erziehung und Bildung, Gesundheit, Freizeit und Religiöses Leben (Daten zum Teilbericht 3 unter www.datenreport-monitoring.de).

 

 

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet jährlich über 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren allein nur bei sexuellem Kindesmissbrauch. Das Dunkelfeld ist um ein Vielfaches größer. Neue Studien weisen darauf hin, dass etwa jede/r Siebte bis Achte in Deutschland sexuelle Gewalt in seiner Kindheit oder Jugend erlitten hat. Statistisch sind in jeder Schulklasse etwa ein bis zwei Kinder von sexueller Gewalt betroffen.

 

 

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