Sieh mich sterben- Über Zerstörung, Tod, Schuld, Mitleid und klerikale Ungerührtheit.

Unter diesem Thema wollen wir unsere Versuche darstellen, unseren eigenen Umgang mit dem Thema Gewalt und Missbrauch wie auch den besonderen klerikalen Umgang mit diesem Thema besser zu verstehen. Uns selbst „besser verstehen“ ist notwendig, weil wir oft lieber nicht verstehen wollen und vor uns selber weglaufen, um nicht hinzuschauen. Die Gegenseite "besser verstehen" ist nötig, weil - wie wir vermuten - die, die heute Verantwortung tragen, ebenfalls lieber die Augen verschließen vor dem, was ihre Mitbrüder angerichtet haben- und eben nicht hinschauen. Wir hoffen, dass " besser verstehen" hilft, mit dem Verstand zu begreifen, was getan werden muss, um Gewalt und Missbrauch zu verhindern und die Emotion so zu bewegen, das auch zu wollen und in Aktion zu setzen.

 

Uns Betroffene befremdet der klerikale Umgang mit dem Geschehenen heute eher mehr denn weniger als früher. 2010 haben wir nichts oder nicht viel wirklich erwartet, heute 2014 nach den vielen Schuldanerkenntnissen schon. Leider stehen wir noch immer am Anfang dessen, was man für gelungene Aufarbeitung halten könnte, jedenfalls, dann, wenn wir daran festhalten wollen, dass Aufarbeitung nur dann bedeutsam geworden ist, wenn auch die Institution, in der Missbrauch geschehen ist, ihre Verstrickung darin „gesehen“ hat, wenn sie ihr Bild von der alleinigen Verantwortung eines Einzeltäters aufgegeben hat. Begreift sie die Tat, wird sie sehen können, was der Täter in seinem Opfer angerichtet hat. Sieht sie ihren Anteil an der Tat, wird sie zu begreifen beginnen, wie sehr sie selbst als Institution beteiligt war und welche Zerstörungskraft in der eigenen Institution der Täter auch noch nach Jahrzehnte entfaltet. Danach wird sie sich zwangsläufig vom Täter, seinem Umfeld und seinem Zerstörungspotential lossagen wollen und sich wandeln. Uns scheint der Orden von einem solchen Schritt noch weit entfernt.

 

Lassen wir kein Missverständnis aufkommen: Selbstverständlich sehen wir während des bisherigen Aufarbeitungsprozesses oft genug auch Kalkül am Werk: Selbstschutz der Institution vor Reparationsforderungen und Ansehensverlust. Das gilt für die deutsche katholische Kirche ganz besonders. Berechnung war am Werk, als man beim Runden Tisch mit der „billigen“ Leidanerkennungsprämie vorpreschte, Kalkül war auch am Werk bei der Ankündigung der Pfeiffer- Studie und bei ihrer Kündigung, Kalkül ist besonders am Werk beim Design der neuen Studie, als deren Ziel es fast ausschließlich scheint, nachweisen zu wollen, dass die Häufigkeit klerikalen Missbrauchs bisher völlig überschätzt wird. Berechnung wird auch dem kleinen Orden der Redemptoristen, zumindest seiner Leitung, vertraut sein. Und doch glauben wir noch immer, dass nicht alles einer Berechnung oder gar dem bösen Willen unterliegt, sondern dass das, was manchmal als Kalkül erscheint, Ergebnis dessen ist, was wir „Klerikale Ungerührtheit“ nennen- und damit auch wandelbar ist.

Sexuelle Gewalt und Tod

Dies soll also der Versuch unsererseits sein, unerbittlicher gegen uns selbst zu erfassen, welche Zerstörung („Sieh mich sterben“)  die Täter angerichtet haben und unerbittlicher gegenüber der "Gegenseite" heraus zu arbeiten, wie sie sich die Erlaubnis dazu gaben und was diese Selbstabsolution damit zu tun hat, dass Aufarbeitung und Wiedergutmachung durch die heute Verantwortlichen noch immer meist misslingen („klerikale Ungerührtheit“). Wir wählen bewusst diese pathetisch klingende Überschrift „Sieh mich sterben“, weil das, was die Opfer erlitten für die Opfer der Tod ihres Selbst war und weil wir einladen wollen zur Empathie. Empathie, die dem Menschen als sozialem Wesen in der Regel dann doch selbstverständlich ist, wenn er den Anderen sterben sieht.

 

Die Grenzen meines Ichs sind die Grenzen meines Körpers und die Grenzen meines Körpers sind die Grenzen meines Ichs- Die Zerstörungskraft sexueller Gewalt

Vor der Geburt ist das Kind mit der Mutter symbiotisch verbunden, beide haben denselben Blutkreislauf, sind nicht lebensfähig ohne den anderen. Die Mutter ist ohne ihr Kind nicht Mutter, das Kind ist ohne seine Mutter nicht überlebensfähig. Mutter und Kind sind symbiotisch verbunden. Erst mit der Geburt ändern sich die Verhältnisse: Mutter und Kind sind voneinander geschieden und unterscheidbar, jeder hat seinen eigenen Körper. Und im Körper des Kindes entwickelt sich ein eigenes Selbst, jeden Tag mehr werden die eigenen Körpergrenzen sichtbarer und umhüllen eine eigenständige wahrnehmbare Person. Die Haut des Kindes schließt seinen Körper und sein Selbst nach außen ab. Die Mutter, die Eltern schützen den Körper des Kindes, pflegen den Körper und wachen über seine Unversehrtheit und Unverletzlichkeit. Die Haut wird zur Grenze des Körpers wie zur Grenze des Selbst. Der Haut gilt die besondere Fürsorge der Eltern (Reinlichkeit, Pflege), mit dem Streicheln der Haut wird die Fürsorge der Eltern für das Kind spürbar.

 

Die Grenze des Körpers ist auch die Grenze seines Ichs. Die Hautoberfläche schließt das Kind genauso wie den erwachsenen Menschen ab gegen die Welt. Auf ihr dürfen der Erwachsene wie das Kind nur zu spüren bekommen, was sie spüren wollen. Eine fürsorgliche Mutter, ein fürsorglicher Vater werden diese Grenze ihres Kindes in besonderer Weise schützen und pflegen, weil sie natürlich um deren Verletzlichkeit wissen. Ihr Respekt und ihr Schützen vor Verletzung geben dem Kind das Grundvertrauen in die Welt und ihre richtige Ordnung. Darüber  bildet sich Vertrauen in die Erwachsenen als den Stärkeren, es bildet sich die unumstößliche Gewissheit, dass der Ältere deinen physischen und damit auch psychischen Bestand respektiert und sogar schützt. Es bildet sich die Zuversicht, dass jeder Erwachsene über Mutter und Vater hinaus dich respektieren. Du kannst dein Selbst als Kind nicht selber schützen, du bist verletzlich, dein Selbst muss durch Andere geschützt werden, solange du noch Kind bist. Die Unversehrtheit des Körpers und der Geistes ist erstes Menschenrecht.

 

Der erste Schlag oder Übergriff aber, je früher er erfolgt, wirkt zerstörerisch. Der erste Schlag und der erste Missbrauch bringen dem Kind die Überzeugung, dass es hilflos ist: "Man darf mich schlagen, man darf mich benutzen. Man wird mit mir machen, was man will. Nicht ich entscheide, sondern der Stärkere entscheidet". Der erste Schlag, der erste Missbrauch zwingt dem Kind die Körperlichkeit des anderen auf. Der Andere, der Stärkere ist über mir und vernichtet mich- vielleicht. Ich bin ihm oder ihr ausgeliefert. Ist der erste Zugriff auf dich und deine Unversehrtheit erfolgt, ist dein Weltvertrauen wankend und gefährdet. Es ist zusammengebrochen, was so selbstverständlich erschien: dass der Andere deinen physischen Bestand bejaht, dass der Andere die Grenzen deines Körpers achtet. Mit dem ersten Schlag verlierst du den Glauben daran, dass deine Integrität geschützt ist. Der Andere wird zur potentiellen Gefahr.

 

Das geht gewiss umgekehrt aus, wenn und solange du auch nur die geringste Aussicht auf Gegenwehr hast. In der Möglichkeit erfolgreicher Gegenwehr kannst du die Grenzverletzung durch den anderen wieder „rückgängig“ machen, kannst du dein eigenes Vertrauen in deinen Weiterbestand wieder herstellen. Die Notwehr reorganisiert deine Integrität. Wo aber Notwehr und Gegenwehr nicht mehr möglich sind, wo ich die Gewalt oder den Missbrauch willenlos über mich ergehen lassen muss (vielleicht um das schiere Überleben zu sichern), da wo keine Hilfe ist, da bin ich als „Ich“ zerstört. Gewalt- und Missbrauchsopfer haben diesen Tod erlitten, egal wie sie danach auch immer ihr Leben noch einrichten konnten.

 

In diesem so beschriebenen Machtgefälle liegt einerseits die Wirksamkeit der körperlichen Strafe begründet genauso wie andererseits die Vordringlichkeit, mit der die körperliche und seelische Unversehrtheit uneingeschränkt garantiert wird dadurch, dass sie an erster Stelle in den Menschenrechten und im Grundgesetz verankert ist. Körperliche Strafe ist wirksam wegen ihrer physischen und psychischen Zerstörungskraft und des darin zum Ausdruck kommenden Machtgefälles, unabhängig davon, wie sehr sie langfristig auch Widerstand hervorruft und wie gering ihre erzieherische Nachhaltigkeit einzuschätzen ist. Sie bricht den Willen, weil sie das Ich in Frage stellt oder gar vernichtet. Gewalt ist Zeichen der Macht. Gewalt zwingt dir den Willen des Stärkeren auf. Wer Gewalt anwendet, ist im Unrecht.

 

Richtig ist: wem Gewalt angetan wird, der wird beschädigt für immer. Richtig ist andererseits: so sehr erfahrene Gewalt Menschen gleich macht, macht es in den Folgen für das weitere Leben, in dem was die Gewalt im Inneren anrichtet, nach allen bekannten Forschungsergebnissen einen Unterschied aus, ob der Zugriff auf den Körper im ersten Lebensmonat erfolgt oder erst viel später, ob der Zugriff massiv oder weniger massiv erfolgt, ob der Zugriff berechenbar erfolgt oder willkürlich, ob Hilfe da ist oder ob sie zumindest herbeigerufen werden könnte, ob es ganz und gar aussichtslos ist, auf Hilfe zu hoffen oder ob Hilfe doch mindestens herbei fantasiert werden kann, ob ich mein Leid im Anschluss mit irgendjemand durch Erzählen teilen kann oder mindestens könnte und anderes mehr.

 

Die Forschungsergebnisse sind einhellig: Je aussichtsloser die Lage des Kindes ist, in der es sich als Gewaltopfer befindet, umso gravierender werden die Folgen für das Leben sein. Je „schicksalloser“ (Imre Kertész) die Lage, soll heißen, je weniger es wahrscheinlich ist, dass das, was geschieht, nicht geschehen könnte, desto verheerender die  angerichtete Zerstörung. Je größer aber die Zerstörung und je größer die Ausweglosigkeit, desto mehr ist Vergessen angesagt, um überhaupt überleben zu können. Ein fataler Teufelskreis, der zugleich den scheinbaren Widerspruch verständlich macht, dass da, wo die Zerstörung am tiefsten geht, die Amnesie am gründlichsten ist. Wenn ein Ausweg nicht möglich ist oder nicht möglich erscheint, wenn man als Kind also den Übergriff auf den Körper wehrlos an sich erleidet durch einen Übermächtigen, Stärkeren, Erwachsenen, wird die körperliche Überwältigung dann zu einem existentiellen Vernichtungsgefühl, wenn irgend eine Hilfe nicht mehr zu erwarten ist. Hilfe ist da niemals  zu erwarten, wo ideologische Einbettung (sei sie kirchlich klerikal oder freigeistlich liberal (z.B. Mühl- Kommune oder wie auch immer) oder politisch genormt (sei sie nationalsozialistisch geprägt oder kommunistisch) einen menschlichen Helferimpuls durch Andere völlig verschüttet oder verhindert. Wo keine Hilfe zu erwarten ist, geht es ausschließlich ums Überleben. Wo es ums Überleben geht, schaltet das menschliche Gehirn alle überflüssigen Funktionen  (z.B. Erinnerung) aus. Wo es ums Überleben gegangen ist, will der Mensch vergessen und die Tat durch Erinnern nicht neu beleben. Je weniger er darauf vertrauen kann, dass er einen verlässlichen Begleiter, Helfer, Therapeuten finden wird, umso mehr wird er sich nicht erinnern wollen.

 

Exkurs

Imre Kertèsz spricht im Zusammenhang des Holocaust von Schicksallosigkeit  und beschreibt mit diesem Begriff den Umstand, wenn der Einzelne der Gewalt des Stärkeren  unausweichlich ausgeliefert ist und wenn er die Gewalt nur überleben kann, indem er sich beugt und schweigt und vergisst. Dieses erzwungene Einverständis mit der Gewalt hat das zur Folge, was man  „geraubte Zeugenschaft“ nennen könnte. Kertész betont, dass ausschließlich das relativ frühe Kriegsende (im Vergleich zur beabsichtigten Endlösung) verhindert hat, dass die Juden für immer vergessen wurden. Ohne die wenigen Überlebenden gäbe es auch keinen Holocaust. Den Begriff der „Schicksallosigkeit“ könnte man, wenn er denn nicht so fest mit dem Holocaust verbunden wäre, auch auf kindliche Gewaltopfer anwenden, weil dem Kind das „Sich wehren“ nicht möglich ist, weil es den Übergriff auf den Körper wehrlos an sich erleidet, weil es zum Überleben den Übergriff vergessen muss und weil die Gewalttat, wenn sie endgültig beschwiegen wird, gar nicht stattgefunden hat. (Am Rande sei hier verwiesen auf die Problematik der „Sag Nein“ Präventionsprogramme, weil sie unterstellen, das Kind könne sich wehren. Insofern können diese Programme das Schuldgefühl, sich nicht gewehrt zu haben, eher noch verstärken. Genauso perfide ist es, den Juden vorzuwerfen, sich nicht gewehrt zu haben)

Exkursende

Zerstörung und Suizid

Tatsächlich empfinden wir als Opfer sexueller oder sonstiger Gewalt das, was uns widerfahren ist, als unbegreiflich und unannehmbar. Wir wagen es einfach nicht, uns selbst mit der brutalen Tatsache zu konfrontieren, dass wir das mit uns haben machen lassen, dass wir uns so einfach haben das Selbst austreiben lassen, dass wir uns zu einem passenden Teilchen einer über uns stehenden Macht haben machen lassen und dass wir zu irgendeinem Widerstand offensichtlich nicht fähig gewesen sind. Wir wollen uns hier mit allem Recht nicht  wiedererkennen, als Wesen jedenfalls mit eigener Geschichte, als Wesen, von dem wir sagen wollen: Das bin ich. Wir können zu unserem Selbst – zumindest in  dieser Zeit (und es ist in der Regel die wichtigste im Leben) nicht ja sagen. Wir erleben das, was uns widerfährt, als etwas Äußeres, als Diskontinuität, als Bruch, den wir eigentlich gar nicht wahrhaben wollen und müssen es schließlich dennoch als eine Erfahrung in unserem Innern, als einen Teil unseres Selbst verbuchen. Das macht die innere Verheerung aus. Das macht es aus, dass wir sagen, dass wir lebenslänglich haben: weil wir uns so gezeichnet nicht annehmen können. Wir können unser Selbst nicht gutheißen, auch das Selbst nicht, das wir vielleicht danach versuchten zu entwerfen und zu leben. Daher rührt der Bruch und die tiefe Selbstverunsicherung des Missbrauchs- und Gewaltopfers, der oftmalige Wunsch, sich umzubringen: weil dein Selbst durch den Missbrauch unannehmbar geworden ist. Das gilt für alle Missbrauchsopfer, für die kindlichen Missbrauchsopfer aber ganz besonders. Das erwachsene Opfer hat bereits ein emotionales Gerüst, hat ein Selbst- Bewusstsein. Missbrauch im Kindesalter zielt auf den Kern der menschlichen Existenz zu einem Zeitpunkt, da diese sich erst entwickelt. Durch Missbrauch wird das Kind in einen Zustand geworfen, der ihm zeitlebens die Möglichkeit nimmt, sein Selbst ganz anzunehmen.

 

Daher rührt auch die bleibend tiefe Unsicherheit dessen, der sich dann doch nicht umgebracht hat, dem aber die Tat eingebrannt ist. Eine Unsicherheit des Selbst, die im Falle institutionalisierten und familiären Missbrauchs dadurch verdoppelt  wird ist, dass das Opfer dieses Unbegreifliche oder Unannehmbare damals zur Zeit der Tat begreifen und in sein Leben einordnen und es schließlich annehmen musste. Das institutionelle und familiäre Opfer hat – in der Regel als Kind- ja gesagt, denn anders hätte es seinen sozialen Halt und alle Orientierung im sozialen Kosmos verloren. Ohne Jasagen, ohne dass das Opfer die Tat richtig gefunden hat, hätte das Opfer „es“ nicht geschehen lassen können. Diese Formulierung, dass das Opfer bei familiärem oder institutionellem Missbrauch "beteiligt" war oder "Ja gesagt hat"  stößt in der Regel beim Betrachter, aber auch bei den Mitüberlebenden auf heftigen Widerstand, weil darin die Ausweglosigkeit aufgehoben ist. Ausweglosigkeit aber ist unerträglich. Dieses Beteiligtsein reduziert in keiner Weise das Verbrechen selbst. Dass der einzige Moment, wo es dir als Kind möglich war, dich selbst zu spüren, wo du vielleicht merken konntest, dass auch du wichtig bist, wo du vielleicht geliebt wirst, der war, als dein Missbraucher dich missbrauchte- wird später zu einer fast unaushaltbaren Hypothek.

 

Und tatsächlich kann man aus der Befragung von Erwachsenen, die „es“ nicht haben mit sich machen lassen und sich gewehrt haben bei weiterer Nachfrage immer erfahren, dass ihre soziale Situation „gesichert“ war und dass es einen Ausweg gab. So berichtet z.B. ein Internatsschüler, der sich dem Missbrauch verweigerte, als andere zur gleichen Zeit „es“ mit sich machen ließen, wie sein  Onkel, der Provinzial des Ordens war, ihm beim Eintritt ins Internat den Satz mitgegeben hat: „Und wenn irgendetwas ist, sag mir Bescheid. Ich werde dir helfen!“ oder ein anderer berichtet, dass er sich immer sicher war, dass die Eltern ihm geglaubt hätten. Daran hätte überhaupt kein Zweifel bestanden. Und wieder ein anderer, welch verschworene Gemeinschaft  die Fußballer untereinander bildeten und wie stark sie sich gefühlt hätten.

 

Wenn wir hier so ausdrücklich die Schwere, die Tiefe der Beschädigung derer beschreiben, deren Lage ohne Alternative war, dann ist dies einer schmerzvoll gewonnenen Einsicht in die Tragweite der eigenen Beschädigung geschuldet und in der Regel das Ergebnis einer langen persönlichen Auseinandersetzung mit uns selbst. Genauso hat es damit zu tun, dass wir,  die wir Opfer gewesen sind, selbst verstehen wollen und verstehen müssen, wie wir zum Opfer wurden. Und je weitreichender unsere eigene Verstrickung mit dem Täter und dem System war, umso notwendiger ist es, sowohl den Täter und das dahinter stehende System in seiner ganzen verbrecherischen Konsequenz zu erfassen als auch die eigene Opferbereitschaft schonungslos offen zu legen. Nur so haben wir eine Chance, uns vielleicht aus dieser Verstrickung zu befreien.

 

Die vielen Jahre des Schweigens und der therapeutischen Bearbeitung haben es uns wahrscheinlich auf der anderen Seite ermöglicht, heute schonungslos mit uns selbst zu sein und zu akzeptieren, dass sexuelle Gewalt uns nicht nur getroffen hat, sondern dass sie uns zerstört hat, weil sie uns als Kinder das Wesentliche genommen hat: unser Vertrauen in die Welt, in uns selbst und in die Mitmenschen. Missbrauch als Seelenmord zu bezeichnen, was einige durchaus wohlmeinend und empathisch in die Opfer tun, erscheint uns eher eine Verharmlosung zu sein. Missbrauch als Folter oder als Mord bzw. Mordversuch zu verstehen, erscheint uns plausibler, weil Missbrauch des Kindes sein Recht auf Menschsein negiert mit den beschriebenen Folgen der Selbsttötung oder der psychischen "Selbst"- auslöschung.

 

Exkurs

Vergewaltigung im Zusammenhang kriegerischer Auseinandersetzungen zu verstehen, scheint im Übrigen gar nicht anders möglich zu sein als in dem Verständnis, dass es dem Sieger darum geht, den Feind auch noch in seinem privaten Anteil (Frauen) und in seinen Nachkommen (Kinder) zu zerstören. Sexuelle Bedürfnisbefriedigung scheint nach wissenschaftlichen Untersuchungen in der Folge der Balkankriege der 90er Jahre nicht der eigentliche Beweggrund der Brutalisierung zu sein. Im Blick der vergewaltigenden Soldateska scheint eher die Erfüllung des Auftrags zu stehen, Frauen und Kinder des Gegners für immer zu beschädigen, ihnen für immer die Möglichkeit zu nehmen, unbeschädigt zu sein, ihr Selbst annehmen gar zeigen zu können, sie ihres Selbst zu berauben. Dabei scheinen die Soldaten intuitiv zu verstehen, dass Frauen und Kinder (und Männer) nicht getötet werden müssen, um sie zu töten. Sie müssen "nur" vergewaltigt werden, damit sie nicht mehr leben werden. Vergewaltigung von Frauen und Kindern zielt auf die Zerstörung des Kerns der menschlichen Existenz ab, auf die Zerstörung des intimsten Bereiches, den die Menschen haben.

 

Allein in diesem Zusammenhang wird verständlich, dass junge Männer, die zu Hause eine geliebte junge Frau wissen und vielleicht sogar eigene Kinder haben, etwas tun, was sie im "normalen" Leben eben nicht tun: Menschen töten, Frauen und Kinder vergewaltigen. Und sie wissen offensichtlich, was sie da tun. Soldaten reden zu Hause in der Regel nicht darüber, wie das Handwerk des Tötens wirklich ausgesehen hat. Vergewaltigungen gehören in dieses Handwerk und gehören schon aus diesem Grund nicht zu dem, was der Soldat vom Krieg erzählt- wenn er überhaupt erzählt.

Exkursende

 

 

Wenn man zu begreifen beginnt, welche Zerstörungskraft sexuelle Gewalt im Kind entfaltet, dann werden auch die überraschend häufigen Freitode Betroffener begreifbar (und es wäre ordentlich zu untersuchen, wievielmal häufiger sie bei Menschen sind, die sexuelle Gewalt in der Kindheit erfahren haben als bei Menschen, die das nicht erleben mussten- davon findet man leider nichts im Forschungsdesign der DBK). Sexuelle Gewalt in der Kindheit findet seine Todes- Opfer in der Regel nicht in der Zeit des Missbrauchs oder kurz danach, sondern in der Lebensmitte durch den selbst gewählten Freitod oder durch Tod als Folge von Alkohol- und Drogenabusus. Es erscheint uns nicht übertrieben, davon zu sprechen, dass viele derer, die durch sexuelle Gewalt zur Zerstörung bestimmt waren, in ihrem späteren Leben die damals durch den Täter induzierte Zerstörung eigenhändig vollenden, als sei damals die vollkommene Zerstörung durch Tod nur aufgeschoben worden. Der Suizid offenbart auf erschreckende Art das, was im Missbrauch vom ersten Moment der Überwältigung an angelegt ist: der Selbstmord ist die Selbst- Vollendung der in uns angelegten Zerstörung  durch uns selbst, aber genauso auch ein Rest von Autonomie. Nicht die Ohnmacht soll uns sterben machen sondern die Souveränität darin, sein Leben selbst abzuschließen.

 

Das Zerstörungswerk des Täters durch den eigenen Suizid zu vollenden, das scheint, liest man die Berichte von Missbrauchsopfern aufmerksam durch, eine ständige Versuchung der Opfer. Es gibt kaum einen Bericht eines Betroffenen, indem der Betroffene nicht mindestens einmal einen Suizidwunsch formuliert oder gar von einem Versuch erzählt. Eine Versuchung, die glücklicherweise oft im gleichen Moment auch die Widerstandkräfte und den Überlebenswillen weckt. Der Betroffene überlebt und ist bereit, sich dem Leben zu stellen, egal wie beschädigt es auch sein mag.

Ohnmacht und Hoffnung

Letztlich besteht die Ausweglosigkeit des Gewalt- und Missbrauchsopfers darin, dass er/sie die Tat geschehen lässt, weil er/ sie ihr nicht ausweichen kann: sie ist eingepasst in ein klares Unten und ein klares Oben. Wie der eine alle Macht hat, so ist der andere ohnmächtig ausgeliefert. Und welche Macht ist größer als die heilige Macht? Pater Godehard Brüntrup (SJ) fragt daher mit Recht: „Kann ein Kind wehrloser sein als in der Erfahrung, dass Gott selbst seine Peiniger in ihrem Tun legitimiert?“

 

Für alle, die schließlich Opfer einer Gewalttat geworden sind, sei sie sexuell geprägt oder nicht, gilt ab dem Zeitpunkt der Tat, dass es zu ihr keine Alternative gab- andernfalls hätte das Opfer sich nicht zum Opfer machen lassen. Für das Internat berichten alle, die Opfer geworden sind, dass es für sie zum Internat damals kein Gegenmodell gab und dass es im Internat auch keine wirkliche Wahlmöglichkeit gab. Hätte es sie gegeben, hätten die Opfer die Alternative auch genutzt. Sie blieben im Internat, obwohl sie sich nicht geborgen gefühlt haben, obwohl sie sich nicht sicher fühlten, obwohl sie sich nicht angenommen fühlten so wie sie waren, obwohl sie erlebten, was sie an Gewalt und Missbrauch erlebten. Sie vertrauten sich niemandem an, in der Regel nicht einmal einem Freund, geschweige denn einem sonstigen Erwachsenen. Sie schwiegen.

 

So sehr wir uns auch ausgeliefert sahen und so sehr wir heimlich oder offen litten, so waren wir doch auch nicht völlig ohne Eigenes. Ein Rest von befremdlich anmutender und auch fataler Autonomie blieb uns, so eng es auch im Laufe der Jahre wurde: die Hoffnung, das habe auch einmal ein Ende. Die Hoffnung, es könnte irgendwann besser werden oder man könne es irgendwann mindestens besser aushalten als jetzt. Diese Zuversicht ist das einzige Stück Freiheit, das einzige Stück Selbst, das übrigblieb. Dieser Rest von Freiheit und Selbst sichert dir das Weiterleben. Allerdings sichert genau dieser Rest gleichzeitig der Institution oder dem einzelnen Täter die Machtbasis. Wäre nur Angst aber keine Hoffnung da, würde man ja weglaufen oder sich selbst sofort umbringen. Dieser Rest Hoffnung war es, der uns im Internat gehalten hat, der verhindert hat, das wir ausbrachen oder andere Wege suchten, nicht mehr aushalten zu müssen. So religiös wir gebunden waren, war es auch die Hoffnung, der Täter sei in Wahrheit doch gut, es höre irgendwann auf oder Gott persönlich schicke Hilfe. Für manch einen von uns war es vielleicht auch nur ein Rest christlicher Hoffnung, dass es belohnt würde, wenn man nur aushielte.

 

Verrückt: wenn heute jemand auf  Fotos aus dieser Zeit schaut, wird er Kinder sehen, die nicht in Tränen und Leid erstickt sind, wird er Kinder sehen, von denen er denken muss, dass die Kinder, die man dort sieht, doch einverstanden sein mussten mit dem, was geschah- und zweifelsfrei waren sie einverstanden und mit ihrem erzwungenen Einverständnis beteiligt an der Gewalt gegen sich selbst und gegebenenfalls sogar am Missbrauch an sich selber. Trotz ihres Einverständnisses litten diese Kinder. Ein banales Foto aus einer Nikolausfeier im Internat mag dies ganz unabhängig vom engeren Thema der sexuellen Gewalt vielleicht gut illustrieren:

Ist dieses Kind "im Spiel- Knast" glücklich? Ist die Szene Spiel oder Ausdruck von bitterem Ernst? Lacht das Kind tatsächlich? Ist dieses Lachen Ausweis von Glück oder Verlegenheit? Ist dieses Kind einverstanden? Was fühlt es? Ist es innerlich wütend oder froh, im Mittelpunkt zu stehen für eine ganze Nikolausstunde? Was erhofft es sich? Ist ein solches „Spiel“ zulässig, gar lustig? Für wen ist es lustig? Sagt das Bild über das Leben im Internat irgendwas aus? Welche Haltung von Erwachsenen spricht aus diesem Bild? Welche Haltung der Institution als Ganzer?

Das Internatsleben fordert von dir ab, ein Leben zu leben, das nicht deins ist, so zu handeln, wie du aus eigenem Antrieb oder eigener Einsicht niemals handeln würdest, Entscheidungen zu treffen, die nicht deine sind sondern von einer äußeren Autorität gefordert werden. Weil dieses Leben im Internat mit dir selber so wenig zu tun hat, erinnerst du dich später nur sehr undeutlich an diese Zeit. Du willst dich gar nicht erinnern, weil du dich ja nicht selbst wieder erkennst. Die Zeit kannst du offensichtlich nicht vollständig vergessen, dafür war sie zu lang, zu intensiv und zu bedrängend, so dass sie sich mit der Zeit zur Anekdote verfremdet oder besser: du verfremdest sie zur Anekdote. Jedenfalls wird sie nicht zu einem organischen Teil deiner Person, zu einem Erlebnis, aus dem heraus du deine Persönlichkeit weiter entwickelst. Kommt sexuelle Gewalt hinzu, bleibt dir selbst die Anekdote im Halse stecken und du verreckst allmählich an der Erinnerungslosigkeit. Sie nimmt dir die Erfahrung, sie nimmt dir das Gefühl, du habest gelebt. Das Verdrängen, das Vergessen führt dich zur Möglichkeit des Überlebens- und das ist gut so. Das Vergessen und die Versagung der Erinnerung führen aber genauso zur Erfahrung des Nichts oder besser eben zur Nichterfahrung. Erinnerungslosigkeit ist Nichtleben- ist Depression und Tod, während man doch noch am Leben ist.

 

Wenn wir sagen, wir haben überlebt, aber wir haben nicht leben dürfen, versuchen wir damit auszudrücken, dass nach erfahrener Gewalt als Kind, das Leben des Betroffenen reduziert sei, dies schon deshalb, weil er keine Wahl mehr hat: er ist missbraucht worden und aus dem heraus gezeichnet. Unsere Gedanken, unser Wollen, alles ist von diesem „totalen“ Ereignis geprägt. Unser Leben ist schon deshalb verkümmert, weil wir dieses Ereignis nie mehr rückgängig machen können.

 

Wenn ein Missbrauchsopfer über den Missbrauch oder den Täter nachdenkt oder über ihn spricht, kommt es schnell zu der erstaunlichen Formulierung: „Mein Missbraucher“, so als gehöre der Täter zum Opfer für immer und ewig oder als sei der Missbrauch ein im katholischen Verständnis "unauslöschliches Merkmal" wie die Taufe. Tatsächlich ist es so, du kommst da nicht raus. Fast ist es wie im Schlager der 70er von Marianne Rosenberg: „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür, und ich weiß, er bleibt hier…“? Das Opfer hat - wie Pola Kinski, Missbrauchsopfer des Vaters Klaus, es schlüssig formulierte - "lebenslänglich". Löschen nicht möglich. Einen Papierkorb dafür gibt es nicht.

 

Wie diese Deformation des Überlebens genau aussieht, da sind wir erst im Beginn des Verstehens und Beschreibens: Leben auf Sparflamme. Flach atmen und nichts an sich heranlassen. Stand by- Modus als Überlebenssystem. Wer geschlagen und gequält wurde, bleibt geschlagen und gequält, wer missbraucht wurde, bleibt misbraucht.

Das, was uns angetan wurde, war kein Backenstreich, für den wir unangemessene Millionen fordern, es war mindestens Mordversuch, der Versuch unsere Seele zu zerstören, das zu zerstören, was uns zum Menschen macht. Oft genug ist es nicht beim Versuch geblieben.

Hier folgt in Kürze die Weiterführung dieses Kapitels. Es beschäftigt sich mit dem besonderen Phänomen dessen, was wir "Klerikale Ungerührtheit" nennen. Es versucht aufzuarbeiten, wie es Priestern gelungen ist, angesichts dessen, was sie den Kindern antaten "ungerührt" zu bleiben oder in anderen Worten, sich dazu die Absolution zu geben. Sie beschäftigt sich auch mit der Frage, was dieses zu tun hat mit der "Ungerührtheit", die wir Betroffene heute noch häufig bei Klerikern wahrnehmen, egal ob sie an der Aufarbeitung beteiligt oder gänzlich unbeteiligt sind.

 

 

"Todsünde" mit einer noch schwereren "Todsünde" auslöschen. Geheimnisvolle „Transsubstantiation“ als Heilverfahren

Sexueller Missbrauch in einem katholischen Internat, dessen Priesterpräfekten nicht müde werden, jede voreheliche sexuelle Betätigung, jede sexuelle Fantasie gar und ganz besonders die sexuelle Selbstbefriedigung als Todsünde zu brandmarken: derselbe Priesterpräfekt, der gerade noch in heiligem Zorn einen Jungen aus dem Internat geworfen hat, weil er so gesündigt hat, vergeht sich unmittelbar danach an einem anderen Jungen und redet diesem  (und sich selber) ein, dass, wenn er das bei ihm mache, dann sei es keine Todsünde. Ein Widerspruch wie er größer und verwirrender kaum sein kann. Ein Widerspruch, wie er tausendfach besteht und gelebt wird.

 

Slavoj Zizek versucht diese Möglichkeit, Ereignisse ungeschehen zu machen, zu erklären

 

"Über die Möglichkeit, Ereignisse ungeschehen zu machen

 

(…)

 

Einer Anekdote zufolge fuhr Alfred Hitchcock, der selbst Katholik war, einmal durch ein kleines Schweizer Dorf. Plötzlich zeigte er durch das Wagenfenster mit dem Finger auf jemanden und sagte: „Das ist die schrecklichste Szene, die ich je gesehen habe!“ Ein Freund, der neben ihm saß, blickte überrascht in die Richtung, in die Hitchcock gedeutet hatte. Er sah dort nichts Besonderes, lediglich einen Priester, der mit einem jungen Knaben sprach und diesem dabei die Hand auf den Arm legte. Hitchcock hielt an, kurbelte das Fenster herunter und rief: „Lauf um dein Leben, Junge!“ Auch wenn diese Geschichte sicherlich auch ein Ausdruck von Hitchcocks exzentrischer Selbstdarstellung ist, führt sie uns doch mitten ins „Herz der Finsternis“ der katholischen Kirche.

 

Das obszöne Geheimnis

 

Man denke nur an die zahlreichen Fälle von Pädophilie, welche die katholische Kirche erschüttern. Wenn deren Repräsentanten insistieren, bei diesen Fällen handele es sich, so bedauerlich sie auch seien, um eine innere Angelegenheit der Kirche, und sich heftig dagegen wehren, die Polizei bei ihren Ermittlungen zu unterstützen, dann haben sie damit in einem gewissen Sinne recht. Die Pädophilie der katholischen Priester betrifft nicht lediglich jene Personen, die sich aus zufälligen, mit ihrer privaten Geschichte zusammenhängenden Gründen, ohne Beziehung zur Kirche als Institution, als Priester berufen fühlten, sondern sie ist ein Phänomen, das die katholische Kirche als solche angeht und ihrer Funktionsweise als soziosymbolischer Institution eingeschrieben ist. Sie betrifft nicht das „private“ Unbewußte von Individuen, sondern das „Unbewußte“ der Institution selbst. Sie ist nicht etwas, das geschieht, weil die Institution sich der pathologischen Wirklichkeit des libidinösen Lebens anpassen muß, um zu überleben, sondern etwas, das die Institution selbst benötigt, um sich zu reproduzieren. Man kann sich sehr gut einen heterosexuellen, nicht pädophilen Priester vorstellen, der sich nach vielen Jahren im Dienst der Kirche auf pädophile Aktivitäten einläßt, weil ihn die Logik der Institution dazu verführt. Ein solches institutionelles Unbewußtes stellt die obszöne, geleugnete Kehrseite der öffentlichen Institution dar, die gerade als geleugnete diese Institution aufrechterhält. (In der Armee besteht die Kehrseite aus den obszönen sexuali-sierten Ritualen des „versehentlichen“ Tötens unfähiger Offiziere, durch das die Gruppen-solidarität aufrechterhalten wird.)

 

Mit anderen Worten: Die Kirche versucht nicht einfach aus konformistischen Gründen die peinlichen Pädophilieskandale zu vertuschen, sondern mit ihrer Selbstverteidigung verteidigt sie ihr innerstes obszönes Geheimnis. Das bedeutet, daß die Identifizierung mit dieser geheimen Seite ein wesentlicher Bestandteil der Identität eines christlichen Priesters ist. Wenn ein Priester diese Skandale ernsthaft, nicht bloß rhetorisch, verurteilt, schließt er sich damit selbst aus der kirchlichen Gemeinschaft aus, ist er nicht mehr „einer von uns“ (genauso wie ein Bürger einer Stadt in den amerikanischen Südstaaten sich in den zwanziger Jahren aus seiner Gemeinde ausschloß, wenn er den Ku-Klux-Klan an die Polizei verriet, sprich: die fundamentale Solidarität innerhalb der Gemeinde aufkündigte). Folglich sollte die Antwort auf das Sträuben der Kirche nicht einfach lauten, daß wir es hier mit kriminellen Fällen zu tun haben und die Kirche sich im nachhinein der Beihilfe schuldig macht, wenn sie sich nicht vollständig an den Ermittlungen beteiligt. Vielmehr muß die Kirche als solche, als Institution, im Hinblick darauf untersucht werden, wie sie systematisch die Bedingungen für derartige Verbrechen schafft. Was diese Verbrechen so verstörend macht, ist nämlich, daß sie sich nicht einfach in einem religiösen Umfeld ereigneten, sondern daß dieses Umfeld selbst Voraussetzung und Bestandteil dieser Verbrechen war und unmittelbar als Instrument der Verführung mobilisiert wurde.

 

„Die Verführungstechnik bedient sich der Religion. Fast immer wurde irgendeine Art von Gebet als Vorspiel benutzt. Die Orte, an denen die Belästigung stattfand, sind von Religiosität durchtränkt: die Sakristei, der Beichtstuhl, das Pfarrhaus, katholische Schulen und Clubs mit sakralen Bildern an den Wänden. (…) Es handelt sich um eine Verknüpfung der übertrieben strengen Sexuallehre der Kirche (etwa die Todsünde des Masturbierens, die selbst dann, wenn es sich um einen einmaligen Vorfall handelt, direkt in die Hölle führen kann, sofern sie nicht gebeichtet wird) mit einem Führer, der einen durch unerklärlich heilige Ausnahmen von unerklärlich dunklen Lehren befreien kann. [Der Täter] benutzt die Religion, um sein Vorhaben zu sanktionieren, wenn er Sex als Teil seines Priesteramts ausgibt.“ 

 

Doppelmoral

 

Die Religion wird nicht nur heraufbeschworen, um den Schauder des Verbotenen zu erzeugen, sprich: die Lust dadurch zu steigern, daß man aus Sex einen Akt der Überschreitung macht, sondern, schlimmer noch, Sex selbst wird unter religiösen Gesichtspunkten präsentiert, als die religiöse Heilung von der Sünde der Masturbation. Die pädophilen Priester waren keine Liberalen, die Knaben verführten, indem sie behaupteten, schwule Sexualität sei etwas Gesundes und Erlaubtes. Durch einen meisterhaften Gebrauch der Umkehrung, die Lacan als point de caption bezeichnet, beharrten sie zunächst darauf, daß die von einem Jungen gebeichtete Sünde (Masturbation) tatsächlich eine Haupt- oder Todsünde sei, und offerierten ihm dann homosexuelle Akte, wie etwa das Sich-gegenseitig-Masturbieren – also etwas, das nur als noch schwerer wiegende Sünde erscheinen kann –, als „Heilverfahren“. Der entscheidende Punkt ist diese geheimnisvolle „Transsubstantiation“, durch die das Verbote aussprechende Gesetz, das uns wegen einer läßlichen Sünde Schuldgefühle einflößt, in Gestalt einer viel größeren Sünde umgesetzt wird, als ob das Gesetz in einer Art Hegelschen „Einheit der Gegensätze“ mit seiner schwerwiegendsten Übertretung zusammenfiele. (…)"

Slavoj Žižek, in lettre international, LI 100 vom März 2013, S. 63