Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben. Heimatverlust durch Sexuelle Gewalt

Die folgenden Texte sind anlässlich eines Treffens der Missbrauchsopfer des Redemptoristenordens am 24.03.2017 in Köln entstanden. Das Treffen stand unter der Thematik: „Missbrauch im katholischen Kontext – Verlust von religiöser und spiritueller Heimat?“ Die Tagung wurde vollständig vom Orden finanziert. Vielen Dank dafür. Anwesend waren auf Wunsch der Betroffenen auch der Missbrauchsbeauftragte des Ordens und die Moderatorin, die die Gespräche zwischen Orden und Betroffenen von Anfang an moderiert hat. Die Organisation der Tagung hatte der Verein übernommen.

 

 

Die Texte, so meinen wir, erzählen einerseits bewegend persönliches einzigartiges Erleben und beleuchten andererseits erstaunlich allgemeingültig die emotionale Leere von Missbrauchsopfern, die sich nach der Tat für lange Zeit, manchmal lebenslang im Missbrauchsopfer breit zu machen sucht - gekoppelt mit einer immer wiederkehrenden Sehnsucht nach Rückkehr in den Schoß fantasierter mütterlicher „Unversehrtheit“. Der Topos „Heimatverlust“ scheint uns wie kein anderer dazu geeignet, die seelische Katastrophe, die durch Missbrauch ausgelöst wird, zu enträtseln. Andere haben versucht, diese Katastrophe mit Begriffen wie „Missbrauch heißt lebenslänglich“ oder „Seelenmord“ auf den Begriff zu bringen. 

 

Text, zur Diskussion präsentiert von S. W.

 

„Der Wunsch oder die Sehnsucht nach Heimat, nach intakter Heimat dürfte in jedem Kind, jedem Menschen tief verwurzelt sein. Missbrauchsverbrechen wirken sich in unterschiedlicher Weise verheerend auf dieses Bedürfnis aus. Um an dem Glauben an eine heile, friedliche Welt festzuhalten, leugnen viele Opfer den Missbrauch und das gilt, egal, ob in Familien oder Institutionen auch für die Personen, die wegsehen und die Taten dulden.

 

Der Heimatverlust durch Missbrauch in kirchlichem Kontext kann in der Folge u.a. dazu führen,

·        dass man jeglichen Glauben (an die Menschen, an Gott, an sich selbst, einen Sinn des Lebens …) verliert,

·        dass man seine Identität verliert, die doch über viele Jahre der Sozialisation von kirchlichen Bräuchen und Ritualen dominiert oder zumindest begleitet war,

  • ·        dass man voller Sehnsucht nach einer neuen religiösen Heimat sucht, die nicht selten in sektennahen Gruppierungen endet,
  • ·        dass man sich von seiner Ursprungsfamilie distanziert, weil man sich in ihr als Fremdkörper oder Ausgestoßener empfindet,
  • ·        oder dass man im Idealfall eine neue Heimat in sich selbst findet, die von all dem losgelöst ist.

 

Trotz Missbrauch halten, aus welchen Gründen auch immer, Menschen an der Mitgliedschaft in ihrer kirchlichen Gemeinde fest. Die Angst, von dieser Gemeinde ausgestoßen, ausgegrenzt zu werden ist so groß, dass die Missbrauchstaten verschwiegen werden. Die Opfer leiden still weiter und sind bemüht, nichts nach außen dringen zu lassen, so wie wir es auch von Opfern  aus dem familiären Umfeld kennen.

 

Die Erinnerung an meine persönliche Kindheit und Jugend ist geprägt von katholischen Ritualen. Ich war sehr empfänglich für all das Brimborium: Prozessionen, Blumenaltäre, Weihrauch, die schöne Musik, Priestergewänder, Gold und Silber, Glockengeläut, die traurigen Karfreitagsmessen und vieles mehr.

Ein Jahr nach dem Missbrauch schrieb ich einem Freund, dass ich schon lange in keiner Messe mehr war und gar nicht wüsste warum. In einem weiteren Brief heißt es: „Ich habe vor irgendetwas furchtbare Angst … Seit ein paar Tagen versuche ich wieder zu beten, aber Gott ist mir auch seit längerem so weit weg gerückt. Trotzdem sehne ich mich nach ewigem Frieden und Geborgenheit, denn wenn es das ja nicht nach dem Tod gibt, wäre das Leben sinnlos.“

 

Gleichzeitig bekam ich große Probleme in meinem Musikstudium, fühlte mich dem allem nicht mehr gewachsen und überlegte ernsthaft, all dem, wofür ich so lange Jahre gekämpft hatte, den Rücken zu kehren.

 

Heute würde ich es so beschreiben, dass ich in der Zeit nach dem Missbrauch meinen Seelenfrieden verloren habe. Dass ich das sichere Gefühl hatte, in mir selbst keinen Frieden mehr zu finden und sich diese Sehnsucht wohl nur in einem Leben nach dem Tod erfüllen könnte. Hier auf Erden versuchte ich verzweifelt ein Stück Frieden in Beziehungen zu Männern zu finden, was natürlich niemals gelingen konnte.

 

Irgendwann muss während des Studiums die Zeit der Verdrängung, des mich nicht mehr Erinnerns an den Missbrauch begonnen haben, ohne dass ich diesen Prozess bewusst herbeigeführt hätte.

 

Spätestens nach der Geburt meiner Kinder spielte auch Kirche wieder eine Rolle, allerdings konvertierte ich in die evangelische und war in dieser Gemeinde sehr engagiert. Bei einem Konzert, das ich in meiner Heimatkirche mit Kollegen gab, erlitt ich eine Panikattacke. Sie war im Grunde genommen das Ende meiner Bühnentätigkeit, bzw. des mich sicher Fühlens auf der Bühne und der Anfang eines langen Prozesses, der in die Erinnerung des Missbrauchs mündete. Die Brücken zur evangelischen Kirche habe ich in dieser Zeit abgeschlagen. Auch hier hatte es zumindest so etwas wie übergriffiges Verhalten des Pastors gegeben.

Die Kirche als Institution fehlt mir heute nicht. Wahrscheinlich wäre ich auch ohne den eigenen Missbrauch 2010 ausgetreten. Aber es überkommt mich oft ein großer, wehmütiger Schmerz, wenn ich Kirchenmusik höre, mich an Lieder erinnere, die ich so gern noch einmal unbeschwert singen würde. In solchen Momenten muss ich oft mit den Tränen kämpfen, weil ich den verrückten Gedanken habe, dass es an all das keine gute Erinnerung geben darf, Emotionen fehl am Platz sind, weil ich sonst einen Verrat an mir selbst und der Anerkennung der Realität meiner Missbrauchsgeschichte begehen würde.

Seit der intensiven Beschäftigung mit meinem Missbrauch ab 2010 habe ich zunehmend das Gefühl, meine Identität als Musikerin zu verlieren. Ein Betätigungsfeld, das viele Jahre Heimat war und in den Jahren der Abspaltung des Missbrauchs mit der Wiedererlangung eines Stücks inneren Friedens verbunden war. So bin ich wieder auf der Suche nach neuer Verwurzelung, nach festem Boden unter den Füßen, der Heimat und somit Frieden bietet.

 

Der Missbrauch geschah am gleichen Tag, an dem ich meinen ersten Unterricht als Jungstudierende an der Aachener Musikhochschule hatte. Der Umzug nach dem Abitur nach Aachen in direkte Nähe des Redemptoristen- Klosters ein knappes Jahr später war überschattet von der permanenten Angst, dem Täter, der sozusagen schräg gegenüber wohnte, auf der Straße wieder zu begegnen.

 

 

Es ist fast so, als wäre damals ein Giftpfeil abgeschossen worden, der große Teile meiner Studienzeit vergiftete und mich jetzt wieder einholt.

 

 

Text, zur Diskussion präsentiert von K. H.

 

Vorbemerkung der Redaktion: Dieser Text ist zugleich der erste Text des Autors, in dem er sich mit dem erlittenen Missbrauch konkret und ungeschminkt auseinandersetzt. Er ist sozusagen sein kindlich/jugendlicher geheimer Bericht und sein offener Kommentar als K.H. heute. Das Besondere, das Verblüffende und Berührende am kursiv gedruckten Text:  diese Worte hat ein 14jähriger Junge (!) 1965 heimlich in sein Vokabelheft geschrieben (hier kursiv gedruckt)- damals im Internat.

 

„Meine aktuelle Therapiephase stärkte mich darin, Fotos und andere erinnernde Materialien aus meiner Internatszeit zu suchen. Die Fotos fand ich nicht – zu tief vergraben. Aber etwas anderes habe ich gefunden: Pink Floyd würden es nennen „Just The Little Black Book With My Poems in“ – ein Vokabelheft, DIN A 6, schwarzer zerfledderter Umschlag, auf jeder Heftseite dieser dünne rote Strich, der mir nie eine Lernhilfe war. Darin gekritzelt in meiner Schülerschrift (jetzt kursiv) unter anderem. Kommentar von heute.

 

„Warum hat der liebe Gott den Isaak gerettet und nicht mich? Ich bin doch jeden Tag in der Kapelle. Ich bin doch den Wolken viel näher als in der Wüste. Warum lässt der liebe Gott mich allein? Er könnte doch aus den Wolken sprechen, wie bei Abraham. So hat der Gott nämlich Isaak gerettet. Ich musste es auswendig lernen.

Das steht in der Bibel. Das steht genau so da drin. Ich musste nachsitzen, weil ich beim Aufsagen gestottert habe.

 

Vorige Woche hat der Grillo (Mitschüler, Webmaster) bei einer Wette ein Vogelküken verschluckt. Eine Mark hat er dafür gekriegt.

Wenn ich eine Mücke zerquetsche, dann lade ich Schuld auf mich, sagt Pater Lambertz (Biologielehrer). Die Mücke ist ein Teil der Schöpfung, sagt er.

Bin ich denn kein Teil der Schöpfung? Bin ich weniger wert als ein Küken und eine Mücke?

 

Die Frage nach dem Wert der eigenen Person und der eigenen Leistung durchzieht mein ganzes Leben. Häufig in Form mangelnden Selbstvertrauens, häufig in Form ungeheuren Leistungsdruckes, den ich mir selber setze. Was soll denn in den Schriften allerorten das Gefasel von der immerwährenden Gnade und von der Erlösung? Es brauchte doch nicht viel. Es brauchte nur jemanden, der zufällig ohne Klopfen zur Tür rein kam; oder einen Blitz, der zufällig den richtigen Mann traf.

 

 

Heute stehe ich weit hinten in der Schlange der anderen, die sich die Kommunion abholen. Heute ist ER wieder dran mit verteilen.

ER ist viel zu oft dran.

Mich ekelt  das heute wieder. Gleich wird ER die Hostie in seine Hand nehmen. Es ist dieselbe Hand, die gestern an mir rumgefummelt hat.

 

Gestern. Gestern Abend wollte ich ihm das klebrige gelbe Zeug ins Gesicht spucken oder in sein Gebetbuch, das immer offen auf dem Tisch liegt, wenn ER mir die Bilder zeigt.

 

 

Offen auf dem Tisch das Gebetbuch – und im Geheimen die pornografischen Bilder. Das ist die noch heute mich abstoßende Bigotterie des Systems. Und die Bildhaftigkeit der vielen Gewänder, Talare, Tücher, Schreine und Gefäße scheint mir nicht zufällig zu sein: Vieles wird unter der Decke gehalten, auch in der Wissensgesellschaft meint man noch, alle Informationen unter Kontrolle halten zu können.

 

 

Aber ich hatte Angst. Wenn er doch bloß nicht so groß und so stark und so laut wäre. Mutti will mir zu Weihnachten einen Schott (Lateinisches Gebetbuch in Goldschnitt, der Webmaster) schenken.

Eigentlich freu ich mich gar nicht darauf. Ich glaube, ich werde nie mehr ein Gebetbuch in die Hand nehmen, ohne an das Haarige Knetige zu denken, das er mir in die Hand drückt.

 

 

Es gibt wohl kein christliches Symbol, das mir in der damaligen Zeit nicht besudelt wurde. Von dem Wandkreuz, auf das ich starrte, wenn mein Becken unter seinen Stößen zitterte, bis zum Rosenkranz, dessen Rascheln beim Gang über den Schlafsaal ich zum Alarmsignal degradierte; von den gespendeten Kerzen in der kleinen Kapelle, die meine Ablassgeschäfte einleiteten, bis hin zum Messdienerkittel, der wohl deshalb so weit war, damit man leicht hineingreifen konnte.

 

 

Noch zwei andere vor mir. Gleich bin ich dran mit der Kommunion.

Ob sein Finger nach mir riecht? War das der Grund, warum Mutti mich immer gewarnt hat, mich ordentlich zu waschen? Hatte ich mich gestern ordentlich gewaschen?

 

 

Was geschah, habe ich ganzheitlich erlebt. Nicht nur als taktile Gewalt; nicht nur als gewaltige Stimme und übermächtig erscheinende Gestalt. Sondern auch als Geruch und als Geschmack. Besonders diese beiden waren über lange Zeit hin Bestandteil meiner Alpträume. Beim physischen Tathergang des Missbrauchs litten Gleichgewichtssinn und kinästhetischer Sinn mit.

 

 

Kurz vorher jedenfalls nicht. Schlafsaal ist ja tagsüber verboten. Ob  es ins Zeugnis (Führungszeugnis des Internats. Webmaster) kommt? Sowas wie „unsauber da unten“ oder so? Was würde Mutti dazu sagen?

Ich kann ihr das doch nicht alles erklären. Jetzt hab ich auch noch Geheimnisse vor meiner Mutti.

Wenn ER es meiner Mutti erzählt, wird sie traurig.

Erzählt ER es SEINER Mutter?

 

 

Marienverehrung. Die Verehrung der Mutter. Ein Motiv auf tausenden von Bildern, in Hunderten von Liedern der Katholischen Kirche. Und doch ist das, was wir tun, was er mich anleitete zu tun, nicht geeignet, es der eigenen Mutter zu erzählen. Das Verbot der Scheinheiligkeit sollte in die 10 Gebote aufgenommen werden.

 

 

Oder beichtet ER es? Bei wem? Könnte ich da auch hingehen?

Müssen wir überhaupt etwas beichten? ER sagt doch immer, wir täten nichts Unrechtes.

WIR nicht. WIR sind doch besonders ausgewählt. Zu allem, was ER tut, hat ER die besondere Erlaubnis. ‚Von ganz oben‘, wie er immer lacht. Es dauerte lange, bis ich weiß was ER meint.

 

 

Der Widerspruch zwischen dem, was er für rechtens erklärt und dem was ich als Recht empfinde, der Widerspruch zwischen seinem Reden und Handeln, zwischen Beten und Schlagen – es ist noch nicht so lange her, dass ich das Kotzen kriegte, wenn ich daran dachte.

 

 

In besonderen Messen an besonderen Tagen verwenden die Priester immer besonders große Hostien. Ich hab jetzt ein paar Mal festgestellt, dass an solchen Tagen der gelbe Schleim besonders viel ist. Ob das von den großen Hostien kommt?

Im Lexikon steht, dass die Indianer auch solche Kräftigungsrituale haben. Aber nur mit Blut, nicht mit Schleim.

Ich glaube, wenn ich größer bin, mach ich mich stärker so wie die Indianer es machen, nicht wie die Priester.

 

 

Vielleicht ist dies der Startpunkt für meine Jahrzehnte andauernde Suche nach Spiritualität. Ich habe sie alle verschlungen, diese Quellen, die anderen als Heimat geeignet waren, das Buch Mormon und die Thora, den Koran und die buddhistischen Lehren, die babylonischen Schöpfungsmythen und die nordischen. Das reichte nicht. Von den Esoteriken der Hippies über die zigbändigen Ausgaben von Marx und Engels hin zu den leicht- bis schwerverdaulichen Philosophien dieser Welt bin ich gezogen.

 

 

Ca. ½ Jahr später:

Ich glaube, Pater Höck (Präfekt, Webmaster) weiß was. Und die anderen?

Warum sagt keiner was?

Du sollst nicht lügen, davon sprechen sie. Aber – etwas verschweigen ist doch auch lügen, oder? Alle schweigen. Alle wissen was. Alle lügen.“

 

 

Ich fand viele Antworten. Die Orientierungslosigkeit blieb. Und bleibt. Denn die Chance, aus vielen Einzelantworten ein geschlossenes System zu puzzeln, ist zerschmettert durch die Gewalt eines Menschen, durch die unterlassene Hilfeleistung seitens der Tatzeugen, durch die Strukturen einer Institution, welche letztendlich durch inzüchtige Tatgemeinschaft überlebensfähig blieb. Gegen abgerundete, geschlossene Systeme hege ich tiefes Misstrauen. Sie versagen als abgestimmte, dem Einzelnen dienende Architektur, sie bergen eher Gefahren, statt Heimatwünsche zu erfüllen.

 

 

Keiner dieser heutigen Gedanken zu den damaligen Gefühlen führt mich zu irgendeinem Ideal von Heimat. Heimat hätte mich wertgeschätzt; Heimat hält Versprechen ein; Heimat ist offen und braucht sich nicht zu verstecken; Heimat schätzt und schützt ihre Symbole; Heimat befriedet alle meine Sinne und schöpft aus ihnen; Heimat ist erzählbar, muss nicht versteckt werden; Heimat tut was sie sagt; Heimat ist nicht Suche, sondern deren Erfüllung; Heimat birgt und gebiert Vertrauen.

 

Ich wäre heimatlos, hätte ich nicht die Rastlosigkeit des Suchenden, die weiten Forschungsfelder des Wissenschaftlers für mich in eine Qualität gewandelt; hätte ich nicht die jungen, lernenden Menschen an der Hochschule zu meiner Gemeinde erklärt. Eines meiner Vorbilder ist der Philosoph Sir Charles Popper. Er verlangt als Nachweis wissenschaftlicher Aussagen deren Falsifizierbarkeit. Meine Zeit im Internat hat so gut wie alle meiner bis dahin gültigen Werte, auch die spirituellen, auf den Kopf gestellt. Aber falsifizieren, als falsch beweisen, konnte man diese Werte nicht. Vielleicht ist deshalb nicht aller Spirit in mir erstickt. Vielleicht kann ich deshalb heute das ein oder andere Stückchen Heimatscholle aus dem Sand der Vergangenheit kratzen.

 

 

Abschließende Bemerkung: Aus diesen kurzen Notizen ergeben sich für meine Therapie ganze 19 Aspekte sozialer und emotionaler Entwicklung, die hier beeinflusst wenn nicht gar korrumpiert wurden: Rituale, Ekel, Grenzüberschreitung, Widerstand, Angst, Anspannung und Stress, Familienregeln, Internatsregeln, bedrückende Perspektiven, Moral, Respekt, Wahrheit, Alptraum, Initiationsriten, Mann sein, das 8. Gebot, Modellverhalten, Bigotterie, Ambiguitätstoleranz.

 

 

Text, zur Diskussion präsentiert von W.P.

 

„Mein folgender Text geht von dem aus, was ich persönlich als das erinnere, was mir durch die Institution  Internat in Bezug auf „Heimat“ angetan wurde und gibt also eine individuelle Erfahrung wieder, versucht aber gleichzeitig auch das „Allgemeingültige“ dessen einzufangen, was man Heimatverlust eines missbrauchten Kindes nennen könnte.

 

Der Heimatverlust des Internatskindes W. ist ein zweifacher. Zweifach insofern, weil es Heimatverlust gibt schon vor dem Missbrauch und einen weiteren danach.  

Der erste Heimatverlust, der - wie ich glaube - nichts mit sexueller Gewalt zu tun hat, ist einer, der mir von den Eltern durch die Abwesenheit durchgehender Fürsorglichkeit angetan wurde und der dann durch die Internatsverschickung quasi „besiegelt“ wurde und der gewiss der Boden für den zweiten Heimatverlust durch sexuellen Missbrauch bildet.

 

Der zweite Heimatverlust ist der, der mir im Internat - viel durchgreifender als der erste - durch Gewalt und Missbrauch angetan worden ist.  Zusätzlich verdoppelt wurde dieser mir angetane Verlust durch den Heimatverlust, den ich mir später selbst zufügen musste, weil ich, um zu überleben, nach meiner Internatszeit gezwungen war, alle Kontakte zur Vergangenheit zu kappen, um vergessen zu können. Ich hatte keine andere Chance als zu vergessen und zu schweigen:

 

Mit zehn Jahren von zu Hause weg in eine fremde, sehr neue und sehr kalte, auch bedrohliche Umgebung, mit Regeln, die mir keiner wirklich vermittelte und die sich mir nur quälend (letztlich durch Strafen und oft genug gewalttätige Strafen) entschlüsselten, mit Gebräuchen, die denen in der Familie nur selten ähnelten. Vielleicht war hier der stark ritualisierte katholische Glauben das einzig eigentlich Gleiche und damit auch Verbindende, wirkte der Glaube und das zugehörige Ritual als letzte uneinschränkbare und verlässliche Sicherheit und verhieß zumindest Ersatz für die verlorengegangene Heimat der Familie. Der liebe Gott als geschätzter Gesprächspartner und mindestens als Garant eines tiefen Gefühls von Heimat. Ansonsten nur Verlust: Verlust meines geliebten Hundes Zambo, meiner geliebten Schwester Irmtrud, meiner besten Freundin Camilla, der Eltern, der ehemaligen Spiel- und Schulkameraden, des Spielzeugs und und. Heimweh ohne Ende die Folge.

 

Was ist eigentlich Heimat?

Ich glaube, der eigentliche Grundgehalt des Begriffs ist  Sicherheit und Verlässlichkeit. In der Heimat ist uns das Wesentliche bekannt, wir bewegen uns in ihr souverän, wir wissen, wem wir trauen können und können vertrauen, dass immer jemand da ist, der uns beschützt. Wir wissen intuitiv, wo wir sind und wo wir hingehören, wohin wir notfalls fliehen können. Wir fühlen uns sicher, weil alles seine Ordnung hat. Heimat ist ein guter Ort. Möchte fast sagen, er ist so gut, dass er auch zu dem führen kann, was man Provinzialismus nennt, aus dem heraus es dann auch keine geistige oder auch körperliche Bewegung mehr gibt. Heimat ist offensichtlich ein Begriff, der uns alle anrührt. Und er rührt an, so scheint es, weil er untrennbar mit der Kinderzeit verbunden ist und uns in der Regel von einem sicheren Ort erzählt. Religiöse, spirituelle Heimat oder der Glaube überhöht dieses „heimische Gefühl“ und beinhaltet darüber hinaus nicht nur eine Erzählung von längst Vergangenem sondern zusätzlich ein Versprechen, einen Blick in eine gute Zukunft. Glaube verweist, wenn ich als Atheist das richtig verstehe, über den sicheren Ort hinaus auf etwas Zukünftiges mit der Gewissheit, dass alles (wieder) gut wird. Man nennt es in der Philosophie - wenn ich das richtig verstanden habe – Transzendenz. Dieser Glaube, dieses Vertrauen, dass alles gut wird, ist für das Kind überlebensnotwendig, weil es alle kleinen und großen Katastrophen so total mit dem ganzen Körper als Schmerz oder gar Vernichtung erlebt, je jünger desto totaler. Es braucht – so auch die Ergebnisse moderner Hirn- und Bindungsforschung – die Zuversicht, dass es wieder gut wird. 

 

Wieviel Heimat braucht der Mensch?

Wenn ich die Frage direkt beantworten will, dann tatsächlich so: umso mehr,  je weniger er davon hat. Mein einzig verbliebenes Übergangsobjekt, ein kleiner Teddybär, an den ich mich nachts im Bett klammerte, wurde mir im ersten Jahr des Internats vom Nikolaus weggenommen unter dem Gelächter der anwesenden Lehrer, Eltern, Präfekten und Mitschüler.

 

Zwei Jahre später wird im Falle des Internatskindes W. aus dem Heimatverlust und dem Bedürfnis, irgendwo bei irgendwem Ersatz zu finden für das Gefühl, kein Zuhause, keine Bindung zu haben, das Einfallstor dessen, der mir erst das Gefühl der Behausung verspricht und dann vollständig austreibt, indem er mich/uns seine Allmacht spüren lässt, wo und wann immer es ihm beliebt- garniert mit dem vergifteten Geschenk seiner einzigartigen Liebe durch Missbrauch, wie er ihm gefiel. Die dadurch erlittene Vertreibung aus dem, was ich den verbliebenen Rest von Heimat nenne, wird mit dem Verlassen des Internats  endgültig zum dann gezwungenermaßen selbstgewählten Abbruch aller Beziehungen ins Internat und zur Schule: zu den Gebäuden, zu den Bildern, zu den Personen, seien es Lehrer, Schüler oder Präfekten. Der Kontaktabbruch wurde total, als er schließlich ins Vergessen und Nicht- Erinnern mündete. Damit verbunden kompletter Sprachverlust bezogen auf das Erlebte und Angetane.

 

Der Heimatverlust durch den fortgesetzten täglichen Missbrauch war  – so war es jedenfalls bei mir - am Anfang und während des fortdauernden Missbrauchs nicht als solcher empfunden, vielleicht sogar im Gegenteil als Erfüllung des Heimat- und Nähewunsches fantasiert, wurde aber im ersten „Danach- Moment“ eine Erfahrung von totaler Ablehnung des Geschehenen und schließlich eine Erfahrung, die alles in dir in Frage stellt. Denn wenn du deine Würde behalten und überleben willst, dann musst du ein neues Leben beginnen und alles Alte abstreifen. Es gibt – so trivial das erst erscheinen mag – keine Rückkehr, es gibt keine Wiederkehr in denselben Raum. Willst du dir weiter in die Augen schauen, musst du den Ort des Missbrauchs verlassen. Und der eigentliche Ort, an dem der Missbrauch dich trifft, ist deine Seele oder wie immer du dein Inneres, dein Denken und Fühlen nennen willst. Ein neues Leben zu beginnen, einen neuen W. zu erfinden, war für mich ein Muss, keine freie Entscheidung sondern bittere unausweichliche Notwendigkeit, wollte ich mich meinen Schreckensbildern nicht weiter ausgeliefert sehen.

 

Weil ich, wollte ich damals überleben, gezwungen war, das zu verlassen, was mir Heimat und bisheriges Leben war, wurde schließlich in mir das in oft überwältigender Weise ausgelöst, was ich Heimweh nennen möchte, ein Gefühl, das nur am Rand mit Volkslied und Musikantenstadl zu tun hat, sondern ein übler zehrender Schmerz ist. Wenn ich im Folgenden meine Erfahrung auf den Begriff bringen will, würde ich vermuten, ich bin voll von Heimweh, weil ich voll von Selbstentfremdung bin. Und wenn ich verallgemeinern darf,  würde ich sagen wollen: wir Betroffene, wir Missbrauchsopfer sind voll von Heimweh, weil wir voll von Selbstentfremdung sind. Die Vergangenheit wurde uns verschüttet und wir wussten danach nicht mehr, wer wir waren- alle unsere Werte waren durch die unheiligen Hände des Priesters verdreht und unser Selbst war uns fremd geworden. Wie anders sollten wir mit einem Rest von Respekt auf unser Selbst schauen, wenn nicht als ein Fremdes. Wenn ich also meine späte Pubertät und mein frühes Mann- Sein betrachte, dann sind das die tragenden Gefühle: das der Selbstentfremdung und der Schmerz, mein Ich, mein Selbst verloren zu haben. Das, was ich bin, bin ich nicht wirklich. Was bin ich eigentlich? Fragen, auf die ich lange eine Antwort nicht fand. Und wenn ich keine Antwort fand, blieb mir der totale Rückzug, mich in mich selbst zu verkriechen. Meine Träume träumten vom Suizid. Natürlich sprach ich als junger Mensch und 68er auch vom „Ich“, aber doch seltsam heftig gebrochen und gewiss nicht im Gefühl des vollen Selbstbesitzes eines „ICH“. Meines „Ich“. Wahrlich, dieser Mann war therapiebedürftig und er wusste das spätestens mit der Entlassung aus dem Internat mit 18 Jahren.

 

Für mich als ehemaliges Internatskind (das Internat war immerhin mein Leben 9 Jahre lang mit drei Urlauben im Jahr in der Ursprungsfamilie) ging nicht nur das „Ich“ sondern spätestens mit dem Verlassen des Internats auch das „Wir“ verloren. Alles, was bis dahin mein Bewusstsein angefüllt hatte, bis hin zu den Bildern des Parks und der Kapelle und der Studien- und Spielräume, war nicht mehr meins. Ich wollte sie unter keinen Umständen erinnern. Bis auf wenige Fotos vernichtete ich alle Bilder. Und das, was ich vorher so selbstverständlich aussprach: „Bei uns ist oder war das so und so“ und was für meine nicht „internierten“ Gesprächspartner wie das Selbstverständlichste von der Welt klang („Bei uns daheim…“) - spätestens mit dem Verlassen des Internats, ist mir der Satz („Bei uns im Internat…“) nicht mehr über die Lippen, nicht einmal in den Kopf gekommen. In der Regel verschwieg ich in Gesprächen mit wem auch immer den Internatsaufenthalt. Tatsächlich war die Frage, wo und wie ich aufgewachsen und zur Schule gegangen sei, bis 2010 regelrechtes Spießrutenlaufen. Ich hatte gelernt, mit welcher Abfolge von Fragen zu rechnen war und wie ich sie am besten durch Ausweichmanöver parierte. Im Innern aber war es immer so, dass ich bei der Frage in Hab- Acht- Stellung geriet, die nahende Gefahr schon früh witternd und voller Verzweiflung mich selbst beobachtend, ob es mir gelingt, der Frage und der Gefahr der Antwort auch erfolgreich auszuweichen.

 

Heute begreife ich erst zögernd, was mein Vergessen und damit diese Distanz zu meiner Vergangenheit und die totale Ablehnung meines bisherigen Selbst bewirkt hat und was meine Zeit als junger Mensch geprägt hat: Ich war kein Ich mehr und ich lebte auch nicht mehr in einem Wir, das Vergangenheit  und Heimat hatte. Ich hatte keine erzählenswerte Geschichte, ich hatte keinen Glauben mehr, ich hatte keine gute Erinnerung mehr, ich hatte keine Heimat mehr. Die banale Frage: „Wo warst du auf der Schule?“ war die eigentlich gefürchtete Frage im Gespräch. Also vermied ich schon das Gespräch. Mir persönlich war schließlich  nicht einmal mehr die Anekdote möglich: „Weißt du noch, wie wir…“ Heimatlos. Es folgte daraus ein mehr oder weniger ruheloses Suchen nach Identität, ein Suchen, das ich heute als Suche nach Heimat, nach einem guten Zuhause, interpretiere.

 

Ich weiß nicht wirklich, ob Missbrauch insofern gegen die Menschenwürde verstößt, dass der, der Missbrauch erleidet, seine Menschenwürde verliert und das auch irgendwie spürt. Was ich aber weiß, ist, dass er das einbüßt, was man Weltvertrauen oder Urvertrauen nennt. Das spürt er jeden Tag. Weltvertrauen als die Gewissheit, dass ich als Ganzheit sicher bin, was immer heißt, dass der Andere die Grenzen meines Körpers, die die Grenzen meines Ichs sind, respektiert. Ich darf, wenn ich Vertrauen in die Welt und die Menschen haben will, nur das an mir erleben, nur das an mir zu spüren bekommen, was ich erleben und spüren will. Der Verlust des Weltvertrauens durch körperliche Überwältigung erscheint mir als eine Schreckenserfahrung, die schlimmer kaum sein kann und war doch noch zu steigern durch die noch einschneidende Erfahrung des absoluten Vernichtungsgefühls: dass keine Hilfe zu erwarten war (und das ist die eigentliche tiefe Schuld aller derjenigen, die weggeschaut haben und die Schuld, die die Organisation auf sich geladen hat). Es konnte nicht  mehr gut werden. Aller Glaube wird töricht, alle Religion lächerlich. Die Verlusterfahrung, die Heimatlosigkeit wird total. Die durch den Glauben repräsentierte Gewissheit, dass es gut werden würde, habe ich schließlich ganz und gar aufgeben müssen. Man kann auch sagen: sie wurde mir gestohlen.

Ja, das erste Trauma der Trennung von der alten Heimat der Familie, vielleicht wäre es zu bewältigen gewesen, wäre der Ort des Internats ein sicherer Ort gewesen mit allen Kleinigkeiten, die dann dazu gehören. Tatsächlich wurde er zum Ort des Schreckens, zum Ort totaler Unsicherheit. Durch die ungezügelte Willkür und Gewalttätigkeit eines Pater S. mehr noch als durch seine ungezügelte Sexualität erfuhr ich jeden Tag mehr, dass das Internat (und auch der Glaube) niemals Heimat sein konnte, musste ich erkennen, dass es niemals meins gewesen war noch jemals werden konnte. Was ich gemeint habe, was wie war, war das Gegenteil davon und noch etwas anderes. Das, wovon ich glauben sollte und auch glaubte, dass es Zuneigung und Liebe war, war Demütigung und Ausschlachtung meiner gewiss naiven Vertrauensseligkeit, war ein Gewaltverbrechen. Und damals meinte ich tatsächlich (und das bis ins junge Erwachsenenalter), das, was mein Wesen ausmache, sei mein Glaube (ich wollte Priester und schließlich sich kasteiender Mönch werden), sei meine Religion. Mein Glaube wurde mir, wenn er das nicht schon vorher war, zuerst einmal erst recht und sehr nachhaltig Heimat durch und durch und schließlich noch nach Beendigung des Missbrauchs einzig verbliebene Heimat, bis ich auch sie verloren gab, weil ich begriff, dass der Täter Religiosität nur zur Tarnung seiner Verbrechen benutzt hatte und weil ich erkennen und hinnehmen musste, dass Hilfe nirgendwo zu erhalten war, dass weder ein Hilferuf gehört worden wäre noch überhaupt möglich war.

 

Was folgte, war unendliches Heimweh, und das war kein Heimweh nach Mama und Papa oder dem romantischen Rhein oder Ähnlichem. Mein Heimweh war kein Selbstmitleid, sondern Selbstzerstörung. Ich demontierte konsequent und langanhaltend meine eigene Vergangenheit. Das geht nicht ohne Selbstverachtung. Ein unerträglicher Zustand, der noch verheerender wurde, weil in dem, was ich hassen musste, nämlich meine Vergangenheit, gleichzeitig auch das lag, was ich herbeisehnte: die Re- Installation von Heimat und wahrscheinlich Glaube. Was zu hassen meine Überlebenschance war, sollte plötzlich von mir ersehnt werden? Ein wirklich neurotischer Zustand und lebenslange Therapie die einzige Möglichkeit der Beruhigung.

Erst gut 40 Jahre später gelingt es mir heute manchmal, Teile der Vergangenheit als Erinnerung zuzulassen und als solche abzurufen und damit auch Sprache wiederzufinden. Nein. Es wird mir nie so gehen wie dem, der auf seine Vergangenheit ein Anrecht hat: ich werde mich wohl nie auf mein Altenteil zurückziehen und in Frieden so an die Vergangenheit denken, dass ich Grund zum Dank und zum freudigen Erzählen hätte.

 

 

Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben.“

 

 

Predigttext von Pater Pauly, uns überlassen nach Kenntnisnahme von Textauszügen anlässlich einer weiteren Tagung

 

Im Herbst 2017 fand ein weiteres Treffen des Ordens mit der Betroffenengruppe statt. Unser Bericht zum Treffen im März zum Thema Heimatlosigkeit berührte einige teilnehmende Ordensleute so sehr, dass der eine seine auf das Treffen folgende Sonntagspredigt auf das Thema Missbrauch bezog und uns spontan den Predigttext zusandte. Er sei hier ausschnittsweise wiedergegeben. Wer mehr erfahren möchte, der gesamte Text ist als PDF- Datei herunterzuladen.

 

Pater Pauly:

„Mich hat in den vergangenen Jahren ein anderes schuldbeladenes Thema sehr beschäftigt. Das Thema sexueller Mißbrauch in der Kirche. Dieses Thema wurde für mich auf einmal sehr konkret, als ich erfuhr, dass Mitbrüder unserer eigenen Ordensgemeinschaft Kinder missbraucht hatten. Die Mitbrüder sind bereits tot. Einige kannte ich noch.

Betroffene hatten sich Jahrzehnte nach der Tat gemeldet und wollten nun mit Vertretern des Ordens in Kontakt kommen. Auf einmal war ich Mitglied einer Täterorganisation. Ein Orden mit Tätern in seinen Reihen. Da wurde die Frage sehr konkret für mich: Welche Verantwortung habe ich in Bezug auf die Schuld meiner Mitbrüder? Ich habe innerlich gerungen und mir gesagt: Du erfreust dich der vielen guten Dinge, die der Orden als einen Schatz in seiner Tradition trägt. Dann mußt du dich auch zu den Schattenseiten dieser Gemeinschaft bekennen.

 

         Seit Jahren, zuletzt vor einer Woche, treffen sich von Missbrauch Betroffene mit einigen Vertretern unseres Ordens. Es sind für mich und alle Beteiligten anstrengende und kraftraubende Treffen. Und doch ist es ein Segen, dass wir diesen Weg, den Weg des Umgangs mit Schuld und seinen Folgen, gemeinsam gehen. Dieser Missbrauch, als eine massive Grenzverletzung, hat das Leben von Menschen massiv verletzt. Das Urvertrauen wurde zerstört und macht jeden Beziehungsaufbau zu einer Belastungsprobe. Einer las am Samstag aus seinem Tagebuch, damals als 14jähriger, es war erschütternd.

 

         Sich der Schuld stellen, der eigenen und der der anderen, kann ein Schritt zur Versöhnung werden. Das Vergangene läßt sich nicht mehr rückgängig machen. Aber wir können die Opfer wahr- und ernstnehmen, ihr Leid mit aushalten. Ich war sehr unsicher am Anfang. Finde ich die richtigen Worte? Halte ich die Übertragungen aus, die einfach geschehen, wenn die, die verletzt wurden, einem begegnen, der auch Redemptorist ist, wie der missbrauchende Pater damals. Mit jedem noch so gut gemeinten Versuch, Schande und Rufschädigung der eigenen Gemeinschaft abzuwenden, wiederholt sich für die Betroffenen das Gefühl von damals, ohnmächtig, ausgeliefert und ausgegrenzt zu werden. In der Regel, glaubte ihnen keiner, was vorgefallen war, andere Mitbrüder nicht, und oft auch die Eltern nicht.

 

So, wie viele nicht mehr über den Krieg reden wollten, weil es nicht ertragbar war, was sie erlebt hatten, so kam es auch zu einer Schweigespirale rund um den Missbrauch. Ich kann mich inzwischen ein wenig in Betroffene hineinversetzen, wie es ihnen beispielsweise damit geht, wenn nach dem Bericht über die Übergriffe bei den Regensburger Domspatzen, Gläubige sagen: Das wird doch nur veröffentlicht, um den Ruf der Kirche zu schädigen. Kann denn der Ruf der Kirche wichtiger sein als die Wahrheit und das Wohlergehen von Opfern kirchlicher Machenschaften?

 

 

Denen, die nun nach Jahrzehnten aus der Erstarrung entkommen können, ist es wichtig, dass der Orden, dass wir als Kirche und in der Gesellschaft aus dem Vergangenen lernen. So schauen wir, Vertreter des Ordens und der Betroffenen, die wir auf unterschiedliche Weise mit dieser Schuld umzugehen haben, gemeinsam darauf, was an Prävention heute getan werden kann und sollte. Wir wollen das uns mögliche tun, damit sich solches nicht wiederholt.“

 

Text Pater Paulus

 

Ein weiterer Gesprächsteilnehmer auf der Ordensseite wies während der Diskussion einiger Textauszüge daraufhin, dass die Mitbrüder, die für sexuellen Missbrauch verantwortlich waren, auch ihm den Orden als Heimat mindestens in Frage gestellt hätten und dieser Verlust schwer wiege. Er stellte uns in diesem Zusammenhang auf Anfrage einen kurzen Text zur Verfügung, der hier auszugsweise wiedergegeben sei und als zusammenhängender Text als PDF- Datei zum Download bereitsteht.

Text Pater Paulus, uns nach Anfrage ebenfalls überlassen nach Kenntnisnahme von Textauszügen anlässlich einer weiteren Tagung :

„Heimatlosigkeit, Flucht, Vertreibung … das gehört zum Alltag der täglichen Nachrichten. Ein globales Phänomen: Menschen werden gezwungen, ihren Lebensraum, ihre Heimat zu verlassen; gezwungen durch Krieg, Hungersnot, Naturkatastrophen; gezwungen durch die Gefahr politischer, rassistischer oder religiöser Verfolgung.

Arnold Gehlen hat den Menschen, der geboren wird, ein „Mängelwesen“ genannt. Er muss seinen Ort, seine Heimat in der Welt erst einmal entdecken. Das gelingt vor allem durch die sprachliche Verarbeitung seiner Erfahrungen. In gewisser Weise schafft der Mensch sich seine Welt selbst, und zwar dadurch, dass der den Dingen eine Bedeutung gibt.

 

Wenn ein Tier aus seinem gewohnten Stück Erde vertrieben wird, dann wird es einfach anderswo um ein neues Revier kämpfen. Den Menschen trifft es ungleich härter, wenn er das Stück Welt verliert, das ihm Zuhause und Heimat geworden ist. Und wohl noch härter ist es, wenn er dieses Stück Welt erst gar nicht findet.“