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Willkommen beim Forum des Vereins „Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen e.V.“

 

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Kommentare: 15
  • #15

    Katrin Nauber (Montag, 09 Dezember 2019 17:35)

    Eine Richtigstellung vorweg: Ich meinte nicht die "Beruhigung der Opfer", sondern die "Beruhigung der Diskussion".
    Das mit dem Brief, von dem Sie, Herr Ponsens, sprechen, lässt natürlich alles in anderem Licht erscheinen. Ich fürchte, das Ganze wird so enden: In einigen Jahren oder Jahrzehnten wird das Zölibat fallen, die Frauenfrage bearbeitet sein, die Opfer mit irgendeiner Summe abgefunden worden sein, und dann wird man sich rühmen, was man alles Tolles vollbracht hat. Von persönlicher Verantwortung oder gar Konsequenzen personeller Art wir wohl keine Rede mehr sein.

  • #14

    Winfried Ponsens (Sonntag, 08 Dezember 2019 18:02)

    Liebe Frau Nauber.
    Wahrscheinlich vermischen sich in der Diskussion um Entschädigung (wieviel, woher und an wen und wen nicht?) vielfältige Motivationen und unterschiedliche Interessen. Umso wichtiger, darüber auch öffentlich zu streiten. Das ist allemal besser als die im geheimen Hinterstübchen seinerzeit ausgekungelte "Leidanerkennungsprämie".

    Dabei sind zwei Dinge interessant zu beobachten:
    - wie brüchig und marode die so viel beschworene Solidargemeinschaft von Klerus und Laien, von Bischöfen und Ordensoberen in Wirklichkeit ist,
    - wie sehr "Solidargemeinschaft" doch dazu dienen kann, sich hinter einem "Wir" zu verstecken, wo das Bekenntnis zu persönlicher Verantwortung gefordert ist. Wie sehr hat in der Kirche das "Wir" nur dann Bedeutung, wenn es von persönlichem Nutzen ist.

    Ihr Satz :"Ich glaube aber auch, dass diese Diskussion um Steuern und Solidargemeinschaft fast versehentlich die wichtigere Frage überdecken. Ich glaube nicht, dass dies aus niederen Beweggründen geschah." in Gottes Ohr, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Unsere, meine Perspektive, aus der ich auf das Ganze schaue, ist sehr von einem uns als Verein zugespielten Brief der Deutschen Oberen Konferenz (DOK) an die Bischofskonferenz beeinflusst. Thema des unsäglichen Elaborats: zuviel Geld für Betroffene und die klare Botschaft: da machen wir nicht mit. Und in der Argumentation ist dann jedes Mittel recht, indem man behauptet, dass der der DBK vorliegende Entwurf zur Entschädigungsfrage "einseitig die Perspektive der beteiligten Betroffenen wiedergibt". Waren die 27 Experten alle mit dem Holzhammer geschlagen, dass sie sich der "Mehrheit" (!) der Betroffenen (es waren gerade mal 8 von 27!) ergaben. Der Wortlaut dieses Briefes und des Interviews von Pater Klaus Mertes lässt mich daran zweifeln, ob die Kirche und ihre Verantwortungsträger wirklich begriffen haben, was die Verbrechen einzelner Mitglieder (gedeckt durch das System) in Kindern angerichtet haben.

    Und Sie haben recht: viele Betroffene, auch die, die heute der Kirche eher fernstehen, würden gerne sagen können: "Das aber (mit dem Schmerzensgeld) haben sie gut gemacht". Wir waren als Kinder ja blind der festen Überzeugung, dass die Kirche "gut" sei. Lasst doch wenigstens - möchte ich fast sagen - einmal durchscheinen, dass der Hintergrund dafür, als Kind Vertrauen in die Kirche, in den Priester gehabt zu haben, nicht auch noch ganz und gar Täuschung war.

    Die von Ihnen angesprochene "Beruhigung" der Opfer ist immer so eine zwiespältige Angelegenheit, aber ein unübersehbares Signal der Kirche, durch eine hohe Schmerzensgeldzahlung anzuerkennen, dass sie (und nicht die 68er oder sonstwer) die Verantwortung für die verübten Verbrechen hatte und diese auch heute übernimmt (und nicht nur davon wohlfeil redet) - das würde nicht alles gut machen, aber doch in den Opfern und in der Öffentlichkeit ein Gefühl von Respekt gegenüber der Kirche anbahnen, die Mindestvoraussetzung dafür, innerlich Ruhe zu finden.

  • #13

    Katrin Nauber (Sonntag, 08 Dezember 2019 13:36)

    Zunächst einmal finde ich es sehr interessant, Ihre Sichtweise nachzuvollziehen. Wir haben tatsächlich ganz unterschiedliche Perspektiven.

    Ich persönlich habe bei dem Ruf der Verantwortlichen nach der Solidargemeinschaft immer das unangenehme Gefühl, dass sich die Verantwortlichen hinter einem Kollektiv verstecken wollen. Das ist für mich das Störendste überhaupt - an der ganzen Misere - von Anfang an. Es hieß immer "wir", "die Kirche". Das ist ganz leicht zu sagen. Die wirklich Verantwortlichen tun sich nicht weh, sie beugen sich nicht.
    Und nun, wenn es um Schmerzensgeld geht, sehen wir dasselbe Spiel wieder. Sie wollen nicht in erster Linie Geld einsparen, sie wollen Verantwortung aufteilen, damit es nicht weh tut. So empfinde ich das. Und das verhindert am Ende echte Aufarbeitung, so meine Befürchtung.

    Wir von der Initiative #NichtmitUns sehnen uns nach Zeichen, nach starken sicht- und fühlbaren Zeichen der Demut und des "Sich-Beugens" derer, die schuldig sind. So stark wie das Zeichen von Willi Brand damals in Warschau ein starkes Zeichen war.

    Sie, Herr Ponsens, schreiben ja auch "Was wäre das für ein Signal, wenn..." Das Signale wichtig sind, scheint bei der DBK noch nicht verstanden worden zu sein. Sie ergehen sich noch immer in Worten.

    Von daher denke ich auch, es spielt eine zweitrangige Rolle, woher das Geld letztendlich stammt. Zuerst muss mal schnellstens über Art und Höhe entschieden werden.

    Ich glaube aber auch, dass diese Diskussion um Steuern und Solidargemeinschaft fast versehentlich die wichtigere Frage überdecken. Ich glaube nicht, dass dies aus niederen Beweggründen geschah. Das ganze Thema ist einfach hoch emotional. Umso wichtiger wären die starken Zeichen, auf dass mal etwas Beruhigung möglich würde. Damit man nicht immer geneigt ist, seinem Gegenüber Schlechtes zu unterstellen, damit man endlich mal konstatieren kann: Das haben sie gut gemacht.


  • #12

    Winfried Ponsens (Freitag, 06 Dezember 2019 16:56)

    Ich stimme Ihnen ganz und gar zu: es geht bei der Entschädigung von Missbrauchsopfern um Solidargemeinschaft, es geht um Solidarität, um Solidarität mit den Opfern

  • #11

    Winfried Ponsens (Donnerstag, 05 Dezember 2019 19:05)

    Vielen Dank für Ihren Beitrag, der mich zu folgendem " Gedankenspiel" führt:

    Die Deutsche Bischofskonferenz – so in der ersten Pressekonferenz der DBK am 23.09.2019 - will Betroffene von sexualisierter Gewalt besser und großzügig entschädigen. Welches Signal! So dachten Betroffene, so hofften Betroffene.
    Zum ersten Mal anerkennt eine Institution, dass Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren, oft lebenslange und meist tiefgreifende Folgen zu tragen haben. Zum ersten Mal übernimmt eine Institution Verantwortung für Täter aus ihren Reihen.
    Zum ersten Mal erscheint es möglich, dass Betroffene Pauschalbeträge erhalten und nicht mehr in teils unwürdiger Weise nachweisen müssen, welche Schädigung sie erlitten haben oder welche Hilfen sie gerade dringend benötigen. Zum ersten Mal erscheint es denkbar, dass Betroffene nicht endlosen Verhören und Verhandlungen ausgesetzt sind.
    Welches Signal, wenn die katholische Kirche hier voranginge. Alle anderen Institutionen könnten an diesem Beispiel lernen- ganz besonders der Staat selbst.

    Dass die Entschädigungsfälle plausibel sein müssen, versteht sich von selbst. Dass sie darauf geprüft sein müssen durch eine unabhängige Clearingstelle, auch. Endlich kein Geschacher mehr, endlich keine erneute Retraumatisierung, endlich keine Ungleichbehandlung mehr, endlich keine Unterscheidung mehr zwischen schwerem Missbrauch und leichtem (was ist das jeweils?), endlich keine…

    Stattdessen leicht durchschaubare Ablenkungsmanöver, stattdessen Instrumentalisierung der Kirchensteuer, stattdessen …. Stattdessen gar Hinweise darauf, nicht wenige „Opfer“ wollten kein Geld von der Kirche, wollten lieber ein Gespräch mit dem Bischof oder ein gemeinsames Gebet. Einige Kirchen“führer“ scheinen gerne auf den Zug aufzuspringen, weil sie um welches Geld auch immer fürchten.

    Was wäre das für ein Signal, wenn die katholische Kirche sich darum nicht scherte, sondern signalisierte, dass sie verstanden hat, was Missbrauch anrichtet, wenn sie sozusagen „von oben herab“ (wie sie es sonst so gerne getan hat) dekredierte, dass sie Schmerzensgeld auf jeden Fall zahlt, weil sie genau das für richtig und angemessen hält.

    Nur ein Gedankenspiel?

  • #10

    Günter Lippke (Donnerstag, 05 Dezember 2019 17:39)

    Ich habe Ihren Beitrag gerne gelesen, Frau Nauber.
    Ich nehme allerdings zwischen den geschriebenen und gesprochenen Zeilen vieler Personen doch wahr, dass die Diskussion um den Geldtopf für die Entschädigungszahlung den Betrag drücken soll. Desweiteren verzögert die Diskussion das von Bischof Ackermann Ende September in Fulda gemachte zeitliche Zugeständnis. Die Steuerdiskussion verdrängt seit der Bischofskonferenz die Entscheidungsfindung der beiden Hauptaufgaben. Die Konferenzteilnehmer haben sie sich selbst gestellt, nämlich welche der zwei Optionen angewendet und in welcher Höhe entschädigt wird. Die Prioritätensetzung könnte anders vorgenommen sein. Ich erkenne zwar nach jeder Wortmeldung eines Kirchenvertreters an, wie diese miteinander um eine Lösung ringen, sich ihr dabei aber keinesfalls nennenswert annähern. Währenddessen zieht der Missbrauch insgesamt weitere Kreise. Bischof Overbeck und Bischof Genn haben sich in einem alten Fall aufgrund neuer Erkenntnisse zwar wieder einmal glaubwürdig entschuldigt, aber die angekündigten Schlüsse daraus gleichen denen aus den vergangenen zehn Jahren fast wortgleich.
    Also: Die Diskussion um die Verwendung von Steuern hat merklich abgelenkt. Die Liste der Wortführer darin ist lang und vielfältig: von kirchlichen Vertretern bis zu Frau Lale Akgün von den säkularen Sozis.
    Ich fand den Vergleich von Bischof Ackermann mit der Auto-Maut nicht unpassend und keine Entschuldigung wert. Mir fielen wie Herrn Ponsens auch andere Beispiele wie Versicherungen ein, in denen ein Solidarprinzip zugrunde liegt. Im Übrigen gibt es in einem Gemeindeleben zwischen Altar, Sakristei, Gemeindehaus, Jugendraum und Ferienlager genügend Helfer*innen, Lektoren, Vorsitzende von Chor, KAB oder Gemeinderat etc, die nicht eingegriffen haben und damit meiner Ansicht nach mitverantwortlich sind. Das Solidarprinzip ist durchaus angebracht. Die Täter zur Kasse zu bitten, ist nur scheinbar plausibel. Es ist bei Taten, die nahezu oder deutlich über 50 Jahre zurückliegen, in den meisten Fällen nicht möglich.
    Dieser riesige zeitliche Abstand zu zahlreichen Missbrauchsfällen macht deutlich, dass die katholische Kirche ihren in den Bischofskonferenzen 2018 und 2019 mühsam begonnenen Weg weitergehen und ihrer besonderen ethischen Verantwortung nachkommen muss. Davon darf auch die aktuell vorgeschlagene Erarbeitung einheitlicher Standards zur Entschädigung mit Heimträgern, Behörden, Sportvereinen und Kirchen unter staatlicher Federführung nicht ablenken. Eine gemeinsame Regelung stellt grundsätzlich ein begrüßenswertes Ziel dar. Daraus würde jedoch ein Langzeitprozess werden, den nicht jede*r abwarten möchte.
    Denn nicht nur die geplante Entschädigungszahlung an sich, sondern auch eine zügige Umsetzung weist einen nicht zu unterschätzenden entschädigenden Charakter auf.

  • #9

    Mirek (Mittwoch, 27 November 2019 16:38)

    Ihr Vorschlag, Herr Ponsens, für die sog. Entschädigung die Mittel, die jährlich in Höhe von ca. 500 Millionen als Schadensausgleich für Enteignungen im Gefolge der franz. Revolution vom deutschen Staat an die Kirchen ausgezahlt werden, zu verwenden, hat einen großen Charme. Insbesondere weil dadurch die leidliche Diskussion, ob die Orden und in welcher Form die Orden sich an Entschädigungszahlungen beteiligen, vermieden werden kann. Meines Wissens profitiert nicht nur die diözesale (?) Kirche von diesen Zahlungen sondern auch die Orden. Wer weiß das genau? An wen fließen die Gelder aus diesen Zahlungen?

  • #8

    Winfried Ponsens (Mittwoch, 27 November 2019 16:30)

    Wie gut das tut, sich konstruktiv auseinanderzusetzen. Vielen Dank für Ihre Antwort.
    Das war mir so gar nicht klar, dass man eine mögliche Entschädigung aus Kirchensteuermitteln auch ablehnen kann, wenn man durchaus dafür ist, dass großzügig entschädigt wird. Warum ich das so nicht sehen konnte, liegt daran, dass der Erste, der auf die Kirchensteuer Bezug nahm, Pater Klaus Mertes war, der in seinem Interview hohe Entschädigungszahlungen grundsätzlich in Frage stellte. Pater Klaus Mertes diskutiert in seinem Artikel nämlich nicht nur die Kirchensteuerfrage sondern führt ein meiner Meinung nach "unterirdisches" und allzu durchsichtiges Argument gegen höhere Entschädigungszahlungen ins Feld, nämlich: es gehe doch nicht an, dass die Kirche es sich zu einfach mache, indem sie Missbrauchsopfer mit Geld entschädige. Aus den Gesprächen mit Missbrauchsopfern wisse er, dass diese zuallererst das Gespräch suchten. Das Gespräch mit dem Bischof sei wichtiger als Geld.
    Lassen wir es dahingestellt sein, was letztlich wichtiger ist. Wahrscheinlich brauchen Missbrauchsopfer beides: Gesprächsmöglichkeit und Entschädigung. (siehe den bitteren Kommentar zu Klaus Mertes vom 29.09.2019 unter Aktuelles auf dieser Website)

    Zu der Frage, was angemessen sein kann, was evtl. auch großzügig bedeutet und welche Umgangsformen unter "normalen" Menschen eigentlich üblich sind, haben Sie das Wichtige gesagt. Und wer Missbrauchsopfer kennt, weiß auch, dass kein Geld das Verbrechen "angemessen" entschädigen kann. Der Begriff "Schmerzensgeld" würde - glaube ich - daher besser passen, weil er den Versuch der Wiedergutmachung ausdrückt.


  • #7

    Katrin Nauber (Mittwoch, 27 November 2019 15:21)

    Sie haben recht, Herr Ponsens, es bleibt ein Linke-Tasche-rechte-Tasche-Ding. Ich hatte bisher aber nicht das Gefühl, dass die Diskussion um die Kirchensteuern beabsichtigt, die Entschädigungszahlungen niedrig zu halten. Dass die Zahlungen hoch sein müssen, sollte eigentlich außer Frage stehen. Die Empörung über die bisherigen 5.000 € entstand ja aus dem Gefühl, dass diese Summe beschämend ist. Angemessen können die Zahlungen aufgrund der Schwere der Verbrechen und der Folgen leider nicht sein. Also gibt es nur die Wahl zwischen "beeindruckend hoch" - also merklich schmerzhaft für die Zahlenden und "beschämend niedrig", so wie es bis jetzt ist.
    Ich bin wahrscheinlich naiv, aber ich verstehe Folgendes nicht: Wenn man jemandem einen Schaden zugefügt hat oder erkennt, dass man für einen Schaden verantwortlich ist, dann hat man doch normalerweise selbst das Bedürfnis, das mehr als angemessen wieder gutzumachen. Im Kleinen würde man z.B. zum Geldschein noch einen Blumenstrauß oder die Pralinenschachtel dazugeben. Warum haben die Kirchenoberen dieses Bedürfnis nicht? Als das Forschungsinstitut Niedersachsen damals beauftragt wurde, unabhängig zu forschen und aufzuklären, hatte ich den Eindruck, die Bischöfe haben verstanden. Als das Unterfangen so unrühmlich abgebrochen wurde, haben sie die Chance vertan, Vertrauen zurückzugewinnen. Die Forscher um Prof. Pfeiffer trotz des Zerwürfnisses weiter forschen zu lassen, hätte ein Zeichen von Demut sein können. Seitdem ist nichts Vernünftiges mehr geschehen.
    In dem Offenen Brief, den wir damals mit 1440 Unterschriften an Bischof Overbeck überreicht haben, war unsere wichtigste Forderung die nach einem Zeichen der Reue und Demut. Aber es kommt nichts. Jetzt, in der aktuellen Diskussion hätten die Verantwortlichen wieder eine Gelegenheit, Zeichen zu setzen und ich fürchte, es kommt weiterhin nichts.
    Könnte man nicht darauf dringen, diejenigen Opfer, die Mitglied der Kirche bleiben möchten, per se von der Kirchensteuer zu befreien? Dann hätte man wenigstens dieses Dilemma schonmal vom Tisch. - Es bleibt schwierig.

  • #6

    Winfried Ponsens (Montag, 25 November 2019 18:30)

    Fange ich mit Ihrer berechtigten Frage an: „Können Opfer, die ja vielleicht auch Kirchensteuerzahler sind, es wirklich ertragen, gewissermaßen selbst an den Zahlungen beteiligt zu werden?“ Ihre berechtigte Frage ist für mich gar keine Frage nur „darüberhinaus“, wie Sie schreiben, sondern eigentlich sogar die zentrale Frage. Geht nicht! Geht nicht! Jedenfalls, solange ich diese Zahlungen moralisch bewerten soll.
    Und doch lohnt es sich, hier ganz rational zu urteilen: es ist in unserer Gesellschaft üblich, Kosten gemeinsam aus Steuermitteln zu tragen, auch wenn wir wünschten, dass jemand anderes dafür aufkommen sollte: wir sind beteiligt an den Kosten, die Verbrecher verursachen durch ihren Gefängnisaufenthalt, an den Kosten für Rehabilitationen von Opfern, die von den Tätern in der Regel nicht getragen werden können, wir sind beteiligt an den Kosten, die im Opferentschädigungsgesetzt (OEG) entstehen, wir tragen als Gemeinschaft viele Kosten, die eigentlich niemand anderes zu tragen hat als der Täter oder die Täterin.

    Im Fall der staatlichen Justiz sind wir beteiligt, ob wir das so wollen oder nicht. Im Fall der Kirchensteuer muss man auf einer Besonderheit bestehen: dass man diese Steuer sozusagen freiwillig und erst nach einer Entscheidung, diese Steuer entrichten zu wollen, zahlt. Mit der Zahlung unterstützt man das System Kirche als Ganzes und nicht etwa nur die Kosten für eine kirchliche Kita oder Ähnliches. Indem man Kirchensteuer zahlt, zahlt man – so bitter diese Einsicht ist- auch für den Unterhalt dessen, der Täter geworden ist, man zahlt unter Umständen gar für die Räume, in denen der Missbrauch geschieht, man bezahlt auch für die, die vertuscht haben und für die, die geschwiegen haben.

    Wenn man die Entschädigungen für Opfer nicht aus der Kirchensteuer bezahlen will, was verständlich ist, muss man konsequenterweise eigentlich die Kirche verlassen- weil dann zahlt man keine Kirchensteuer.
    Soviel zur Kirchensteuerdiskussion ganz allgemein.

    Was mich allerdings am meisten gestört hat, ist der schnelle Rekurs auf die Kirchensteuer durch Pater Klaus Mertes und noch mehr, wie schnell Bischof Ackermann auf diesen Zug dann aufgesprungen ist. Zu allererst hätte diskutiert werden müssen, welche Entschädigung angemessen und sinnvoll ist. Dazu haben die Experten Vorschläge unterbreitet.
    Woher das Geld dann kommen soll? Sicherlich zuerst einmal von den Tätern (aber dazu muss meines Wissens das Kirchenrecht geändert werden. Und wenn, dann ist der „Beitrag“ gering), dann gerne aus dem sog. Vermögen der Kirche. Aber in Wirklichkeit ist das doch letztlich nur ein Verschiebebahnhof. Was in der einen Tasche fehlt, muss dann aus der anderen bezahlt werden. Die Kirche kennt ja in diesem Sinn kein Privatvermögen, sondern jeder Ertrag aus Immobilienbesitz schont sozusagen die Kirchensteuer. Kirche bzw. das einzelne Bistum führt eben einen Gesamthaushalt. Schöner aussehen tut das mit dem Vermögen („Die viel zu reiche Kirche!“), aber wirklich hilfreich scheint es mir nicht, um dem Dilemma zu entkommen, dass auch die Laien und sogar die Opfer mitbezahlen.
    Mir scheint die Kirchensteuerdiskussion vielmehr die niederen Instinkte in uns Menschen anzusprechen: es geht an „unseren“ Geldbeutel. Es geht nicht mehr um die moralische Empörung und den Ruf nach großzügiger Entschädigung, sondern um ein Feilschen darum, die Entschädigung möglichst niedrig ausfallen zu lassen. Die Kirchensteuerdiskussion wird instrumentalisiert, um elegant und mit dem Segen der Laien und der ganzen Gesellschaft die Kosten möglichst niedrig zu halten.
    Es wundert nicht, dass im Zuge dessen auch die Gleichbehandlung der Opfer angesprochen wird: die Entschädigungszahlung an die Missbrauchsopfer 2019 wird mit Entschädigungszahlungen an die Opfer der Konzentrationslager oder aber mit den möglichen Zahlungen an die Opfer sexuellen Missbrauchs in den Sportvereinen verglichen. Wohl wissend, dass im ersten Fall die Entschädigungszahlungen in den 50er und 60er Jahren beschämend gering waren, aber jetzt auch nicht mehr zu verändern sind und im zweiten Fall, dass gegebenenfalls ein kleiner Sportverein schon dann insolvent geht, wenn er auch nur 100,00€ Entschädigung zahlen müsste.

    Hätte ja einen Vorschlag zu machen: die Entschädigung aus den jährlichen horrenden „Entschädigungszahlungen des Staates an die Kirche für enteignetes Vermögen“ (Reichsdeputationshauptschluss von 1805), ein Dauerärgernis zwischen Gesellschaft und Kirche, zu nehmen. Aber auch hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Ich höre schon die Schreie: Jetzt soll auch noch der gemeine Steuerzahler….

    Wie man sich dreht und wendet: die Kirche, Diözesen und Orden müssen einen Fonds auflegen, aus dem die Missbrauchsopfer endlich angemessen und eher großzügig entschädigt werden. Dabei kann man Signale setzen, wenn man will und halt möglichst wenig aus Kirchensteuermitteln nehmen.

  • #5

    Katrin Nauber (Sonntag, 24 November 2019 15:54)

    Als Mitglied der Initiative #NichtmitUns, die sich Ende 2018 infolge der MHG-Studienveröffentlichung in Essen gegründet hat, verfolge ich die aktuellen Wortmeldungen sehr interessiert. Wir wollen fest an der Seite der Opfer stehen, haben uns seinerzeit an der Aktionswoche Maria 2.0 beteiligt und bemühen uns, das Thema durch kontinuierliche Arbeit in der Öffentlichkeit und den Druck auf die Verantwortlichen aufrecht zu erhalten. Ich bin nun irritiert, dass die Tatsache, dass die Kirchensteuerzahler sich über die Diskussion bezüglich Solidargemeinschaft - Steuermittel etc. aufregen, so aufgefasst wird, als wollte man sich der Opferentschädigung entziehen. Dabei gilt "unsere" ungeteilte Solidarität den Opfern. Oder habe ich das missdeutet? Wir sind empört darüber, dass die Verantwortlichen nicht endlich nach ihrer Schuld suchen, dass sie keine Zeichen der Verantwortungsübernahme setzen, dass sie sich hinter kollektivem WIR verstecken. Da passt es ins Bild, dass bei möglichen Entschädigungszahlungen nahezu in erster Linie über die Kirchensteuern nachgedacht wird. Hier geht es mir wirklich ums Prinzip. Natürlich konnten diese Verbrechen nur geschehen, weil andere weggeschaut haben. Aber auch das gesellschaftliche Klima, in dem solche Tabus herrschten, dass es einfacher war, die Opfer zu ignorieren, statt den Skandal zu riskieren, auch an einem solchen Klima ist die Kirchenspitze ja nicht schuldlos. Und der Umgang der Bischöfe heute damit stellt uns auch nicht gerade zufrieden.
    Ich meine deshalb, als erstes sollten Täter persönlich ihren Beitrag leisten. Da das natürlich nicht reichen wird, wären die Bischöfe und andere Verantwortliche als nächstes an der Reihe, persönlich Geld in den Topf zu geben. Dann sollten als drittes Vermögensanteile, Güter, Schätze etc. zu Geld gemacht werden und in den Topf fließen. Das darf man meiner Meinung nach ruhig spüren bzw. sehen! Als vierte Maßnahme können die Bischöfe in Rom um Zuschuss bitten. Und dann, aber erst dann, können sie von der Solidargemeinschaft der Gläubigen reden. Ich glaube nicht, dass sich dann jemand verweigern würde.
    Darüber hinaus: Können Opfer, die ja vielleicht auch Kirchensteuerzahler sind, es wirklich ertragen, gewissermaßen selbst an den Zahlungen beteiligt zu werden?
    Ich freue mich darüber, dass Sie mit diesem Forum einer konstruktiven Diskussion Raum geben.

  • #4

    Angelika Oetken (Mittwoch, 20 November 2019 12:20)

    @Che,

    ich kann Ihre Empörung nachvollziehen und möchte zur Person des Pater Mertes Folgendes anmerken: von Teilen der Medienöffentlichkeit wird der Jesuit Klaus Mertes, der Ende 2009, als drei Ehemalige des Berliner Canisiuskollegs, das er damals leitete, auf ihn zukamen, gern als der Mann wahrgenommen, der die Missbrauchsdebatte eingeläutet habe. Das stimmt so nicht. Tatsächlich waren es eben diese drei Betroffenen, die einen entschlossenen und ziemlich riskanten Schritt in die Öffentlichkeit wagten und dabei außerordentlich viel Unterstützung erhielten und andere Opfer und Mitbetroffene ermutigten, es ihnen nach zu tun. Ein Teil der wahren Geschichte des "Canisiusday" ist hier dokumentiert: http://www.eckiger-tisch.de/wp-content/uploads/2011/06/Dokumentation_ECKIGER-TISCH_September-2010.pdf.

  • #3

    Angelika Oetken (Mittwoch, 20 November 2019)

    In wenigen Wochen jährt sich der "Canisiusday" zum 10. Mal. Die Missbrauchsdebatte fand ihren Ursprung in Deutschland mit der Berichterstattung über die systematische sexuelle Ausbeutung von Schülern einer von Jesuiten geführten Berliner Schule, dem Canisiuskolleg. Anhand der Aktionen und Reaktionen des Jesuitenordens konnte man typische Einstellungen und Strategien des Klerus studieren. Meine Empfehlung zum Thema: http://netzschreiberling.blogspot.com/2010/03/uber-die-jesuitische-dialektik.html

  • #2

    Che (Dienstag, 19 November 2019 17:35)

    Den Opfern als Einladung zum Dialog, Herrn Mertes zur Kenntnis: Guten Tag Herr Mertes. In Ihrem am 29. September dieses Jahres in der FR abgedruckten und vielfach zitierten Interview über die bei den Bischöfen diskutierten Entschädigungsvorschläge für Opfer priesterlichen Missbrauchs meinten Sie, uns Missbrauchsopfer darauf aufmerksam machen zu müssen, der Begriff "Täterinstitution" sei fälschlich auf die Kirche angewandt. Sie starten mit diesem Oberlehrer-Habitus eine umfängliche Hatz gegen lebenslang von Ihrer/ ihrer Kirche Beschädigte. Ich frage mich, ob in einem so ernsten Kontext eine solch hämische Besserwisserei angebracht ist. Sicherlich, zu dem sarkastischen Duktus Ihres Interviews, zu ihren dort geführten sadistischen Schlägen gegen die Betroffenen klerikalen Missbrauchs passt die Tonart von oben herab durchaus.

    Ich hoffe, ich klinge unaufgeregter, wenn ich anhand weniger Beispiele die kirchlicherseits verwendete Begrifflichkeit ein wenig unter die Lupe nehme.
    - Zu den Maßnahmen der katholischen Kirche gegen den sexuellen Missbrauch zählen die Bischöfe ein "verbindliches überdiözesanes Monitoring für die Bereiche der Aufarbeitung, Inter-vention und Prävention". Was mit Monitoring gemeint ist, mag anderweitig geklärt werden. Was allerdings "verbindlich" und "überdiözesan" bedeutet, das musste das Kirchenvolk immer wieder erleiden. Zuletzt bei der Durchführung der MHG-Studie bewiesen die Diözesen, dass sie auch bei der Umsetzung von Beschlüssen der Bischofskonferenz tun was sie wollen: Da wurden Täter-Akten vor Weitergabe an die Wissenschaftler zensiert, da gaben Bistümer gar nichts aus ihren Archiven frei, da wurde geschwärzt und, so befürchten manche, auch gefälscht. "Verbindlichkeit" ist ein Euphemismus, der die Kirchenfürsten zu nichts verpflichtet. Und jeder von ihnen weiß es, während er über den mit "verbindlich" betitelten Beschluss abstimmt.

    - Der Begriff "Solidargemeinschaft" war in der Kirche schon immer löchrig. Er wurde halt zum taktieren genutzt; je nach dem, auf welcher Seite der Kontroverse man stand, solidarisierte man sich. Entweder offen oder verdeckt, heute mit Diesem, morgen mit Jenem. Und derzeit wird der gerade von Ordensmitgliedern, also ihren Kumpels, Herr Mertes, bisher gern verwendete Begriff der "Solidargemeinschaft" bewusst demontiert - will man doch bloß nicht zur Gemeinschaft derer gehören, die zahlen müssen.

    - Und schließlich noch der unsägliche Begriff "Anerkennung des Leids". Was gibt es da alles aneinander vorbei zu reden. Ich fasse mich kurz. Es geht nicht um "Mit-Leiden". Das könnt Ihr doch gar nicht. Nach jahrzehntelanger Verleugnung des Selbst sind doch Angehörige des Klerus nicht mehr in der Lage, ihr eigenes Leiden am System zu erkennen - geschweige denn, dass sie das Leid der Opfer erkennen und anerkennen können. Darüber hinaus ist "Leid" ein sehr beschönigender, banalisierender Ersatzbegriff, ein Diminutiv, eine Verharmlosung für das Wort aus der wirklichen Welt: Verbrechen. Und wenn mit der "Anerkennung der Verbrechen und deren Folgen" der Begriff unhandlich wird, dann mag es so sein, lieber ein unhandlicher Begriff als eine Bagatellisierung. Die Verbrechen gilt es zu benennen. Und deren Folgen gilt es anzuerkennen und auszugleichen.

    Wollen Sie uns jetzt noch erklären, Herr Mertes, Ihr rotes "A" für Ausdrucksfehler neben dem Begriff "Täterinstitution" sei relevant? Haben Sie neben die Begriffs-Schwurbeleien der Ackermanns, Marxens und Benedikts auch Ihre Marke gesetzt? Tatsache ist: Wenn man erst einmal aufmerksam geworden ist auf die Vieldeutigkeit kirchlicher Sprachverwendung, so erkennt man bald: Diese Neusprech hat die gleichen Wurzeln wie das Gerede, das uns naive Opfer damals beruhigen sollte: "Das ist doch alles in Ordnung, ich bin doch ein geweihter Mann…Der Herr will es so…Das ist doch nichts anderes als eine besondere Form des Gebetes…". Und es hat die gleiche Funktion: "Ich habe Mitleid. Nimm und halt die Klappe."

    Mit besten Grüßen Ihr aktuelles Opfer

  • #1

    Admin (Dienstag, 19 November 2019 12:35)

    Schießen Sie los. Wir freuen uns über jeden Beitrag.