Hinsehen und Wegschauen - Chronik einer Aufarbeitung

Chronik der Aufarbeitung

 

1965:       Pater Kalik (verstorben 1974) wird wegen schweren sexuellen Missbrauchs im Wiederholungsfall zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Missbrauch fand 1960 statt in einer Pfarrei in Eltville.

 

Februar 1968:     Der Internatsschüler H.-J. K. fordert im Kreis von Internatsschülern die Entlassung des Präfekten (Erzieher) Pater Willibald S. aus dem Internat der Redemptoristen Collegium Josephinum in Bonn wegen Übergriffigkeit. Wenige Zeit später muss der Schüler H.-J. K. das Internat und die Schule verlassen.

 

August 1968:        Drei ehemalige Internatsschüler (A. H., J. K., H. F.), deren Präfekt Pater Willibald S. war und die sich jetzt anschicken, Mitglieder im Orden der Redemptoristen zu werden, wenden sich am Tag des Ordensgelübdes von A. H. an den Provinzial der Redemptoristen und berichten von sexuellen Übergriffen des Pater S. und verlangen seine Abberufung.

 

Oktober 1968:          Pater Willibald S. wird 2 Monate später nach den Herbstferien unvermittelt nach Aachen versetzt. Tatsächlich hat nach den neuesten Ermittlungen des Missbrauchsbeauftragten Merzbach die beschriebene Intervention den Provinzial nicht, wie bisher angenommen, dazu bewegt, Pater S. von seinen Aufgaben zu befreien, sondern erst die Drohung eines Schülervaters gegenüber Pater Welzel, an die Presseöffentlichkeit zu gehen, wenn der Präfekt S. nicht umgehend entpflichtet würde. Pater S. wird an ein Gymnasium in Aachen versetzt. Eine Reaktion wie sie typischerweise in den meisten Fällen erfolgte: Versetzung des Täters an einen anderen Ort. Der Täter selbst kann weiter sein Unwesen treiben.

P. S. wird Lehrer für Religion, Latein und Mathematik am Rhein- Maas- Gymnasium in Aachen. Weder die Lehrer des Collegium Josephinum, noch die Präfekten, geschweige denn die Schüler und Eltern erfahren den Grund der Versetzung. Genauso wenig erfährt die aufnehmende Schule und Gemeinde von der Vergangenheit. Die übrigen Präfekten vermuten als Grund für die Versetzung die Intrige eines Mitpräfekten.

 

Ende 1970- Anfang 1971:    Revisionsverfahren gegen den Sexualstraftäter und vierfachen Kindermörder Jürgen Bartsch. Seit 1968 hat vor allem die Journalistin Ulrike Meinhoff auf die Wiederaufnahme des Verfahrens gedrungen, weil ihrer Ansicht nach im 1. Prozess „das Gericht alles Menschenmögliche getan hat, um zu verhindern, dass die Verhältnisse, die an Jürgen Bartschs Entwicklung Pate gestanden haben, zum Prozessgegenstand werden“ (U. Meinhoff. Jürgen Bartsch und die Gesellschaft), gemeint vor allem die Internats- Unterbringung „in eine katholisch- preußische Anstalt, mit 50 Kindern pro Schlafsaal, mit Prügelpädagogik, mit Spaziergängen in Marschkolonnen“ und mit massivem sexuellen Missbrauch und exzessiven Misshandlungen durch einen katholischen Priester (Pater Pütlitz). Internatsschüler des CoJoBo verfolgen die Veröffentlichungen aufgeregt und sehen Parallelen zu Pater Willibald S.

 

28.2.1971:     Der ehemalige Internatsschüler A. L. schreibt einen bitteren Anklagebrief an Pater Willibald S. Dieser wähnt sich in Lebensgefahr und fürchtet, juristisch belangt zu werden. Er nimmt präventiv Kontakt zu ehemaligen Mitschülern von A.L. auf.

21.3. 1971:       R. S. (Klerikerstudent in Geistingen) versucht nach einem Briefwechsel mit Pater Willibald S., sich an den Provinzial Pater Schuh zu wenden. Pater Schuh winkt ab mit den Worten, es sei alles in seiner Ordnung. Der o.a. Briefwechsel mit dem Täter war auch Bestandteil des späteren Laisierungsgesuches von 1989 von R. S.  an den Papst und den Generaloberen.

 

6. April 1971:     Der am 27. November 1967 zu lebenslanger Haft verurteilte Sexualstraftäter und Kindermörder Jürgen Bartsch wird im Revisionsverfahren zu 10 Jahren Jugendstrafe und anschließender psychiatrischer Unterbringung verurteilt. Obwohl mehrere Internatsschüler als Zeugen die Schilderungen Jürgen Bartschs betreffend Pater Pütlitz bestätigen, stellt die Staatsanwaltschaft das gegen den Priester eingeleitete Ermittlungsverfahren schließlich ein.

 

April 1971:        Winfried Ponsens und sein Freund A. wenden sich im Anschluss an die Berichterstattung um Jürgen Bartsch schriftlich und auch mit einem persönlichen Besuch an Pater Konrad Welzel (Leiter der Schule und des Internats), um ihm den Missbrauch durch Pater S. anzuzeigen. Zweck dieses ersten Besuchs ist zu verhindern, dass Pater Willibald S. weiterhin mit Kindern zu tun hat. Beide werden beruhigt. Pater Welzel gibt keinen Hinweis darauf, dass er längst über den Missbrauch informiert ist, nichts weiter unternommen hat und auch in Zukunft nicht beabsichtigt, etwas zu unternehmen. Er gibt auch keinen Hinweis, dass er seit 1969 gar nicht mehr der Leiter des Internates ist. Er bedankt sich bei den beiden und wünscht ihnen alles Gute.

 

Juli 1971:        Bei einem zweiten Besuch wird Pater Welzel darüber informiert, dass Pater Willibald S. erzählt habe, dass er ein intimes Verhältnis zu einem Mitbruder (Präfekt im Internat) unterhalten habe und dass dieser als Präfekt ebenfalls sexuelle Kontakte zu Internatszöglingen pflege. Pater Welzel sagt zu, sich darum zu kümmern. 2010 stellt sich glaubhaft heraus, dass dies eine gezielte Verleumdung des Mitpräfekten durch Pater S. war. Winfried Ponsens und sein Freund A. werden von Pater Welzel zum neuen Internatsleiter Pater Cholewscynski geschickt, um ihn als dem eigentlich Zuständigen zu informieren. Pater Cholewscynski erinnert sich 2012 noch an diesen Besuch und erstaunlicherweise im Wortlaut an den unglaublichen Satz: "Wenn wir Pater S. nachts begegnen, schlagen wir ihn tot!"- hat aber mit den Aussagen der Beiden ansonsten nichts anfangen können. Wie er 2012 mitteilt, hat er einfach nicht verstanden, was die Beiden wollten, obwohl ihm die Übergriffigkeit des Pater S. mittlerweile aus anderer Quelle bekannt war. Die Androhung des Totschlagens war ganz offensichtlich sehr eindrücklich- führte aber zu keinen weiteren Untersuchungen oder auch Gegenmaßnahmen.

 

August 1971:   In Buchform erscheint das Drehbuch zum Fernsehfilm von Ulrike Meinhoff „Bambule. Fürsorge – Sorge für wen?“ – eine kritische Auseinandersetzung mit den autoritären Methoden der Heimerziehung.

 

17.06. 1972:       Von Winfried Ponsens und seinem Vater wird eine Anzeige gegen Pater Willibald S. ernsthaft erwogen und dann doch nicht umgesetzt.

Winfried Ponsens erreicht die schriftliche Zusage von Pater Willibald S. gleichlautend an ihn und an Pater Konrad Welzel, dass er in Zukunft jeden Kontaktversuch zu ihm und zum Mitschüler A.L. unterlässt. Pater S. schreibt dazu in einem Brief an seinen früheren Vorgesetzten Pater Welzel: „Ich hoffe, dass damit auch die beiden jetzt ihre Ruhe finden. Ich bete täglich für sie“

 

1974:          Es erscheinen zahlreiche kriminologische, soziologische und pädagogische Schriften zur Karriere von Straftätern. Die autoritäre Heimerziehung wird als eine der Ursachen für kriminelle oder psychiatrische Karrieren gebrandmarkt. Heime werden als Orte von Gewalt und Missbrauch beschrieben. Zahlreiche Heime und Internate werden aufgelöst.

 

29.05.1984: Hermann Vennenbernd wird auf einer Familienfeier in seinem Geburtsort darauf angesprochen, dass es einen ehemaligen Schüler des Redemptoristen-Internats Glanerbrück bei Gronau gibt, der durch seinen Präfekten (Pater Willibald D.) sexuell missbraucht wurde und schwer darunter gelitten hat (u.a. Suizid-Versuche). Hermann Vennenbernd bestätigt, dass ihm aus seiner Zeit in Glanerbrück (1956 – 1959) mehrere Fälle sexuellen Missbrauchs durch diesen Pater Willibald D. bekannt sind. Übrigens handelt es sich bei dem Betroffenen um den späteren Prof. Dr. Dieter Viefhues, der seine Geschichte im „Stern“ vom 18.03.2010 veröffentlichte.

 

20.06.1988:      Pater Willibald S. stirbt an einem Herzinfarkt am „Tag des Unbefleckten Herzens (!) Marias“.

 

Januar 1989:          R. S. und ein weiterer anonymer Mitbruder berichten in ihrem Dispensgesuch zur Entlassung aus dem Priesteramt vom Missbrauch des Pater Willibald S. und den Folgen für sie. Das Dispensgesuch geht über den Provinzial (Wehr) der Redemptoristen in Köln an die Generalleitung in Rom zur Weiterleitung an die Sakramentenkongregation im Vatikan. Der Dispens wird 1994 erteilt. Eine irgendwie geartete Nachforschung oder Stellungnahme zum sexuellen Missbrauch des Pater Willibald S. erfolgt nicht.

 

November 1996:      Einziges Klassentreffen des Abiturjahrgangs 1969. Zum ersten und einzigen Mal kommen die sexuellen Übergriffe des Pater Willibald S. kurz zur Sprache.

 

Sommer 2002:    Sylvia W. teilt dem zuständigen Provinzial Pater ten Winkel schriftlich mit, dass sie als 17 jährige von Pater Theo W. im Aachener Kloster missbraucht wurde. Sie will den Täter konfrontieren.

 

 20.08. 2002:      Die Ordensleitung teilt ihr mit, dass Pater W. inzwischen verstorben sei. Dem Inhalt ihres Briefes gegenüber verhält sich Pater ten Winkel skeptisch und bietet neben der Übersendung des Totenbriefes an, gemeinsam das Grab des Täters zu besuchen. Als Herr Merzbach ein Jahr später als Missbrauchsbeauftragter des Ordens eingesetzt wird, erfährt er nichts über diesen Schriftverkehr.

 

27.09.2002:         Die Deutsche Bischofskonferenz veröffentlicht angesichts bekanntgewordener Missbrauchsfälle von Priestern in den USA und in Irland erste Leitlinien „Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“. Obwohl die Leitlinien nicht für die Orden gelten, übernimmt der Orden der Redemptoristen die Leitlinien sofort und setzt Herrn Merzbach, Direktor des Amtsgerichtes in Leverkusen, als Beauftragten des Ordens zur Aufklärung von Missbrauch und Gewalt durch Ordensmitglieder ein.

 

12.8.2008:          Dieter Viefhues wendet sich an den Orden und bittet um ein Gespräch mit dem Täter Pater Willibald D. Der Orden teilt ihm mit, Pater Willibald D sei 1998 verstorben, er solle sich an den Missbrauchsbeauftragten wenden. Der Orden bietet ihm ein „geistliches Gespräch“ an.

 

29.6.2009:    Beschwerde an den Provinzial Pater ten Winkel durch Dieter Viefhues, dass keine aktive Aufklärungsarbeit durch den Orden betrieben wird.

 

01.02.2010:      Vom Leiter des Canisius-Kolleg in Berlin Pater Klaus Mertes werden Vorwürfe über sexuellem Missbrauch veröffentlicht. Danach setzt eine Flut von Meldungen zu sexuellem Missbrauch durch Priester und andere Erwachsene ein. Erklärbar scheint diese Tatsache weniger durch die Veröffentlichung selbst als durch das, was Pater Klaus Mertes gesagt hat: „Wir glauben Ihnen! Melden Sie sich!“ Veröffentlichungen einzelner Missbrauchsfälle, gar Veröffentlichungen massenhafter Missbrauchsvorfälle (USA und Irland) gab es auch schon vorher, einen solchen Satz aber noch nie. Die priesterliche Deutungshoheit, die steht plötzlich in Frage. Musste der jugendliche oder erwachsene Ankläger bisher davon ausgehen, dass ihm nicht geglaubt wird, ist es nun umgekehrt. Die Dämme brechen.
Ehemalige des Collegium Josephinum warten gespannt, dass auch das CoJoBo bald in den Medien auftauchen wird.

 

März 2010:     Beim Missbrauchsbeauftragten des Ordens, dem Richter Merzbach melden sich verschiedene Opfer. Die Opfer werden, wenn sie es wünschen, vom Missbrauchsbeauftragten aufgesucht, um die Tatumstände zu ermitteln. Der Ordensprovinzial Pater ten Winkel steht ebenfalls auf Wunsch für Gespräche zur Verfügung oder sucht Opfer auch an Ihrem Wohnort auf. Der Missbrauchsbeauftragte des Ordens setzt offensichtlich bewusst das entscheidende Signal, das auch Pater Klaus Mertes gesetzt hat: „Ich glaube Ihnen!“ Die Opfer dürfen sich erinnern.

 

06.03.2010:      Dieter Viefhues berichtet in einem Brief an den Missbrauchsbeauftragten von sexuellem Missbrauch und willkürlicher Gewaltanwendung durch Pater Willibald D. in Glanerbrück. Pater D. setzte 1963 die plötzliche Entlassung von Dieter von Internat und Schule wegen schlechter Schulleistungen durch.

 

08.03.2010:     Hermann Vennenbernd wendet sich in einem Brief an die Missbrauchsbeauf-tragte der Jesuiten (Ursula Raue) und schildert Fälle des sexuellen Missbrauchs im Internat der Redemptoristen in Glanerbrück bei Gronau (St.-Josef-Kolleg). Frau Raue leitet den Brief weiter an den Missbrauchsbeauftragten der Redemptoristen (Richter Hermann-Josef Merzbach).

 

17.03.2010:      Bundeskanzlerin Merkel schaltet sich selbst in die Debatte ein. Im Bundestag spricht sie von einer "Bewährungsprobe für die ganze Gesellschaft" und von Wiedergutmachung für die Opfer.

 

18.03.2010:   Dieter Viefhues macht im „Stern“ den Missbrauch durch Pater Willibald D. öffentlich.

 

23.03.2010:    Winfried Ponsens wendet sich wegen Missbrauch durch Pater Willibald S. an die Schule und den Orden

 

23.03.2010:    H. K. wendet sich an den Missbrauchsbeauftragten mit dem Bericht, dass er als Messdiener in der von Pater Otto H. geführten Geistinger Kirchengemeinde über viele Jahre von diesem schwer missbraucht und körperlich misshandelt wurde. Dieses Schicksal teilt er mit drei Brüdern. Er berichtet von schwerem massenhaftem Missbrauch in einem Kinderheim in Eckenhagen und bei Ferienfreizeiten durch Pater Otto H.

 

04.04.2010:     Papst schweigt zu Missbrauch, Kardinal Sodano geißelt "Geschwätz des Augenblicks"
Kardinal Sodano erklärte, das Volk Gottes lasse sich nicht beeindrucken vom "Geschwätz des Augenblicks, von den Prüfungen, die manchmal die Gemeinschaft der Gläubigen treffen".
Papst schweigt zu Missbrauch. 

 

09.04.2010:      G. R. berichtet dem Missbrauchsbeauftragten von einer Geständniserpressung durch einen jungen Pater M. Pater M. erpresst von einer Gruppe von 5 Kindern das Geständnis sexueller Spiele untereinander. Das tut er mit – so der Missbrauchsbeauftragte- folterähnlichen Methoden wie Blendung mit einer Lampe, Schlafentzug und brutalen Schlägen ins Gesicht. Nach dem Geständnis werden die Schüler aus dem Internat entlassen und mit einem sie bloß stellenden und verhöhnenden Brief des Schulleiters zurück zu den Eltern ins Saarland geschickt. Trotz Intervention und Richtigstellung durch den Leiter des Zubringerinternats in Bous (Saarland) entschuldigt sich der Bonner Schulleiter weder bei den Schülern noch den Eltern. Die Schüler werden erst 2010 rehabilitiert.

Albert Dietmar Hoffmann, ein zweiter Schüler der 5er Gruppe, wendet sich ebenfalls an den Missbrauchsbeauftragten.

 

23.04.2010:      Die Bundesregierung stellt einen Runden Tisch zum Thema Kindesmissbrauch zusammen 

 

27.04.2010:     Erste Reaktion des Ordens auf die Missbrauchs-Schilderungen durch Hermann Vennenbernd. Regelmäßiger Email-Kontakt mit dem Ordensoberen Hermann ten Winkel und dem Missbrauchs-Beauftragten Hermann-Josef Merzbach

 

06.05.2010:     G. N. berichtet von Gewalt und sexuellem Missbrauch an ihm selbst. Täter ist Pater Willibald D. in Glanerbrück. Die Berichte des G. N. bestätigen die Berichte von Hermann Vennenbernd und von Dieter Viefhues.

 

11.05.2010:    Hermann Vennenbernd berichtet in einer Dokumentation für den Missbrauchsbeauftragten Hermann-Josef Merzbach vom Missbrauch und von der physischen und psychischen Gewalt durch P. Willibald D. im Glanerbrücker Internat der Redemptoristen, Zubringerinternat für das Collegium Josephinum in Bonn. Herr Vennenbernd nennt namentlich weitere Opfer.

 

14.05. 2010:   Sylvia W. wendet sich an den Trierer Bischof Ackermann, berichtet vom Missbrauch durch Pater Theo W. Ihr Schreiben wird von dort der Ordensleitung der Redemptoristen zugeleitet. Der Missbrauchsbeauftragte des Ordens sucht Frau Sylvia W. zu Hause auf und stellt auch einen persönlichen Kontakt zum Provinzial Pater ten Winkel her. Dieser entschuldigt sich für seine Versäumnisse in 2002 und verspricht gründliche Aufarbeitung.

 

19.05.2010:     R. S. berichtet dem Missbrauchsbeauftragten gegenüber vom Missbrauch und von den anderen Demütigungen des Pater Willibald S.

 

11.06.2010:       Papst Benedikt XVI. hat Missbrauchsopfer erstmals direkt um Vergebung gebeten 

 

09.07.2010:    Ettaler Opfer treffen in Berlin Fr. Dr. Bergmann, die unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs.

„Berlin (KNA) Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, hat sich für eine entschiedenere Aufklärung der Missbrauchsfälle im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal ausgesprochen. Am Freitag kam Bergmann in Berlin mit dem Vorstand des Vereins «Ettaler Missbrauchsopfer» zu einem längeren Gespräch zusammen. Dabei empfahl sie den Betroffenen eine Einbeziehung von externen Fachleuten in die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Diese könnten in anderer Weise auf Betroffene zugehen. Auch andere Einrichtungen hätten diesen Weg eingeschlagen und damit eine konstruktive Entwicklung erreicht. Es sei, so eine Sprecherin der Beauftragten auf Anfrage, im Interesse aller, die Vorgänge offen und schonungslos aufzuarbeiten.“

 

07.2010:     Eine Frau, die anonym bleiben möchte, berichtet dem Missbrauchsbeauftragten von einem einige Monate andauerndem Missbrauch durch zwei Ordenspriester an ihr in ihrem 13. Lebensjahr. Einer der Täter ist mittlerweile verstorben.

 

Mitte 2010:     Ein ehemaliger Internatsschüler berichtet dem Missbrauchsbeauftragten vom Missbrauch an ihm durch Pater Adalbert J. Aus der späteren Gemeindetätigkeit gibt es anonym ebenfalls Meldungen zum sexuellen Missbrauch und zur unangemessenen Gewaltanwendung durch Pater Adalbert J.

 

30.07.2010:     Erster Zwischenbericht des Missbrauchsbeauftragten Merzbach, Direktor des Amtsgerichts Leverkusen. In diesem Bericht werden die bisher gemeldeten sexuellen und gewalttätigen Übergriffe beschrieben, auf Beweise und Zeugenschaften, soweit vorhanden, verwiesen, weitere Untersuchungen skizziert. Die beschriebenen Übergriffe werden als strafrechtlich verfolgbare Verbrechen bewertet und massive Versäumnisse der Verantwortlichen im Orden und an den Schulen des Ordens benannt. Für alle Verbrechen gilt, dass der Tod der Täter bzw. die Verjährungsfristen eine strafrechtliche Verfolgung nicht mehr zulassen.

Das Besondere dieses Berichtes: Der Bericht bezeichnet die beschriebenen Taten als Verbrechen. Er geht damit als erster Bericht in seiner Bewertung über die bloßen Aufklärungsberichte (Odenwaldschule und Canisius, Ettal etc.) hinaus. Die Taten werden trotz des Ablaufs der Verjährungsfristen als Verbrechen identifiziert.

 

30.08.2010:     Der Verein „Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer“ wird in das Vereinsregister eingetragen. Das Kloster Ettal unterstützt den Verein als Zeichen des Respekts finanziell mit einer sofortigen Spende. Der Hinweis auf den Verein wird auf der Internetseite des Klosters ins Hilfskonzept integriert. 

 

31.08.2010:     Die überarbeiteten Leitlinien der deutschen Bischofskonferenz zum Umgang mit sexuellem Missbrauch werden veröffentlicht.

Die Leitlinien stellen eine klare Handlungsanleitung im Umgang mit sexuellem Missbrauch dar. Die dt. Bischofskonferenz spricht jedoch nicht für die gesamte katholische Kirche in Deutschland. Die Orden sind nicht an die Leitlinien gebunden. Der Orden der Redemptoristen übernimmt die Leitlinien sofort.

 

15.09.2010:      Die Jesuiten stellen erste Vorstellungen zur Entschädigung vor. 5.000 € werden pauschal genannt. Der Eckige Tisch, die Opfervertretung der Jesuitenschüler, fordert entweder pauschal 82.373.000 € bzw. 20.000€ bis 120.000€ je Opfer

 

24.09.2010:     Initiativen kirchlicher Missbrauchsopfer reagieren kritisch auf die Ergebnisse der Bischofskonferenz. Die Bischofskonferenz in Fulda beschließt ein Entschädigungsmodell: Es gehe darum, die Opfer darin zu unterstützen, «ihr Opferschicksal zu überwinden und neue Stärke zu gewinnen». Die Ausgestaltung des Modells wird nicht erklärt.
5.000 bis 10.000 € + Therapiekosten ist die Vermutung
Der Maßnahmenkatalog zur Vorbeugung von Missbrauch wird vorgestellt

 

13.11.2010:     Erster Runder Tisch von Orden und Opfern in Köln. Betroffene berichten von ihren Erlebnissen. Der Orden sagt intensive Suche nach Opfern von Pater D., Pater S., Pater Se., Pater W., Pater M., Pater H. zu. Der einladende Provinzial Pater ten Winkel entschuldigt sich für das geschehene Unrecht und verspricht schonungslose Aufklärung. Pater ten Winkel gesteht auch persönliche Fehler und Versäumnisse bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle ein und bittet um Verzeihung.

 

04.12. 2010:        Ehemalige der Abschlussjahrgänge 68 und 69 und 70 treffen sich auf Einladung des Ordens im Kloster in Bonn. Das Treffen hat zum Ziel, dass sich die Teilnehmer austauschen. Etliche Teilnehmer stellen fest, dass sie die gleichen Missbrauchserfahrungen mit Pater Willibald S. gemacht haben, von denen Roland Schönfelder und Winfried Ponsens berichtet haben. Es gibt auch einzelne Teilnehmer, die sich dem Missbrauch erfolgreich verweigert haben. Alle Teilnehmer sind sich darin einig, dass das Internat als Ganzes von der Grundkonzeption her kein Haus für Kinder gewesen ist, sondern ein Haus zur Aufzucht folgsamen Ordensnachwuchses. Die Taten des Peter S. waren nur auf diesem Hintergrund möglich. Pater S. konnte Kinder sexuell missbrauchen und eine Willkürherrschaft ohnegleichen auf- und ausbauen, weil der Leiter des Internats Pater Konrad Welzel ihn ausdrücklich persönlich gestützt habe und alle Erwachsenen weggeschaut hätten. Alle berichten von beklemmenden Erfahrungen und davon, dass sich bei den meisten ähnliche problematische Verhaltensweisen als Überlebensstrategien gebildet haben. Alle Missbrauchsopfer empfinden noch heute große Scham.

Einen neuen Aspekt bringt Hans Käsbach ein, der daran erinnert, dass er und drei weitere Mitschüler 1967 sich im Internat so schwer an einer Lungentuberkulose infiziert haben, dass ein Sanatoriumsaufenthalt von bis zu einem Jahr erforderlich wurde. Der Orden hat nichts zu ihrer Unterstützung unternommen. Daraufhin hat er die Schule verlassen.

 

17.12.2010:       Die Odenwaldschule legt ihren Abschlussbericht vor. Von Hentig will Missbrauchsskandal „aussitzen“

Der vorläufig letzte Bericht zu Opfern sexuellen Missbrauchs an der einstigen Vorzeigeschule bringt weitere furchtbare Details ans Licht. Aufklärerinnen nennen Täter wirklich Täter.


Die sexuellen Übergriffe an der Odenwaldschule hatten System, ein Abschlussbericht zählt bislang 132 Opfer. Jahrelang wurde der Skandal vertuscht. Nun belegen Briefe, dass sich Reformpädagoge Harmut von Hentig gegen eine Aufklärung gewandt hatte. Sein verstorbener Lebensgefährte Gerold Becker gilt als Haupttäter.
So hat Hentig am 14. Mai 2010 in einem Brief an den Sohn eines Weggefährten geschrieben: „Meine (nicht leicht einzuhaltende) Strategie: aussitzen“. In vier Jahren könne man dann „in Ruhe auf all dies zurückblicken und 'lernen' - oder wir haben einen neuen Fundamentalismus, der auch die letzten Regungen der Aufklärung beseitigt“, schreibt Hentig weiter.

 

18.12.2010:      Zweiter Runder Tisch zwischen Orden und Opfern in Köln. Die Ordensleitung berichtet über intensive Suche nach Missbrauchshinweisen in den Archiven des Ordens und der Schule. Hinweise auf Missbrauchsvergehen finden sich nicht, die Akten sind rudimentär geführt, möglicherweise auch bereinigt, teilweise verschwunden. Der Orden versucht die Adressen aller Schüler, die von den bisher bekannten Tätern betreut wurden, heraus zu finden und sie anzuschreiben mit der Bitte, sich gegebenenfalls zu melden. Ebenso sollen alle Mitbrüder per Fragebogen und persönlich befragt werden. Die Betroffenen sind zur Mitarbeit bei der Erstellung des Fragebogens eingeladen.

 

13.01.2011:       Österreich entschädigt Opfer von Gewalt oder Missbrauch mit durchschnittlich 15.000 €. Man “verfüge nach 100 Entscheidungen über eine Art „Maßstab“ für die Beurteilung vieler weitere Fälle. Auch daher könnten die künftigen Verfahren beschleunigt werden. Ausbezahlt wurde eine Entschädigung (durchschnittlich 15.000 Euro) bisher an etwa 80 Personen.“

 

 

27.01.2011:       Canisius-Kolleg: Opfer lehnen Angebot ab 5.000 € je Missbrauchsopfer
Justizministerin Fr. Leutheuser-Schnarrenberger fordert die Bischöfe auf, dem Angebot der Jesuiten zu folgen und 5.000 € anzubieten. 

 

15.02.2011:      Untersuchungsbericht zu Sexuellem Missbrauch und Gewalt am Aloisiuskolleg in Bonn durch Prof. Zinsmeister. Frau Prof. Zinsmeister bezeichnet die Taten als Verbrechen und versucht erstmals eine präzise strafrechtliche Einordnung in die seinerzeit geltenden Gesetze zur „Unzucht mit Kindern“ und in die Schulgesetze. 

 

16.02.2011:       Ettal: Untersuchungsbericht: 5000 Euro für ein zerbrochenes Leben

 

21.02.2011:       Odenwaldschule: Missbrauchsopfer klagen an
Die Odenwaldschule vertagt die Entschädigung nach sexueller Gewalt auf unbestimmte Zeit. Seit einem Jahr warten die Betroffenen auf die Zahlungen. Sie sind empört und fühlen sich düpiert.

 

25.02.2011:       Bischof Stephan Ackermann ist ein Jahr Missbrauchsbeauftragter der Bischöfe
Restlose Aufklärung, weil die Opfer ein Recht darauf haben. Opferschutz ist wichtiger als der Schutz der Institution Kirche. [...] Die Jesuiten und die Benediktiner von Kloster Ettal [sind] mit eigenen Modellen nach vorn geprescht. Eine Beteiligung der Kirche an einem gemeinsamen Entschädigungsfonds, den Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gefordert hatte, lehnt Bischof Ackermann ab. 

 

02.03.2011:      Bischof Ackermann gibt die Zahlungen für Missbrauchsopfer von „bis zu 5.000 €“ bekannt. 

Betroffene fühlen sich abgespeist und sprechen von einer „Unverschämtheit“.
Christian Arendt, FDP, forderte "eine Regelung wie in Österreich", wo Zahlungen bis zu 25.000 Euro und auch darüber vorgesehen seien.
Bei der möglichen Höhe von Entschädigungen liegt Irland im Mittelfeld. Dort hat ein von Staat und katholischer Kirche bestückter Entschädigungsfonds bisher im Schnitt rund 65 000 Euro pro Missbrauchsfall ausgeschüttet.
Keine Lösung wird den Opfern wirklich gerecht. 

 

02.03.2011:      Aloisius Kolleg, AKo Bonn, Skandal-Aufarbeitung: Missbrauchsopfern sehen sich Klagen mutmaßlicher Täter ausgesetzt. 

 

25.03.2011:         Jesuiten zahlen 166 Millionen Dollar Entschädigung:
„Jesuiten im Nordwesten der USA haben Entschädigungszahlungen von 166 Millionen Euro zugestimmt. Das Geld soll an etwa 500 Personen gehen, die in Einrichtungen der katholischen Ordensgemeinschaft missbraucht wurden. …
Die Nordwest-Provinz der Jesuiten hatte sich zuvor bereits mit 200 Opfern geeinigt, danach Bankrott angemeldet und behauptet, die Entschädigungszahlungen hätten die Rücklagen aufgebraucht. Die Opfer hatten dagegen argumentiert, die Region der Glaubensgemeinschaft sei immer noch wohlhabend, weil sie mehrere Universitäten, Schulen und Grundstücke besitze“ 

"Kritik an geplanten Entschädigungszahlungen: Die Initiative "Wir sind Kirche" und mehrere Opferverbände ehemaliger Heimkinder hielten Mahnwachen ab und kritisierten den Umgang mit den Missbrauchsskandalen. Wichtiger als Gott um Vergebung zu bitten sei es, die Oper um Verzeihung zu bitten, erklärten sie. Die geplanten Entschädigungen von maximal 5.000 Euro je Opfer halten die Verbände für zu gering. Zudem gebe keinen Rechtsanspruch darauf, kritisierten sie." 

 

02.04.2011:   Dritter Runder Tisch der Opfer mit dem Orden. Die Betroffenen fordern energischere Schritte des Ordens bei der Suche nach weiteren Missbrauchsopfern. Sie mahnen ein Präventionskonzept des Ordens an. Die Ordensleitung sagt verstärkte Bemühungen bei der Suche nach weiteren Opfern zu.

Die Opfer fordern eine Entschädigung, die über die von der Bischofskonferenz diskutierten 5000,-€ hinausgehen. Die Ordensleitung kündigt an, sich wahrscheinlich an die Rahmenvorgaben der Bischofskonferenz zu halten, aber noch einmal über alternative Entschädigungsgrenzen nachzudenken.

 

April 2011:     B. H. berichtet von mehrfachem sexuellen Missbrauch an ihm durch einen Pater am Collegium Josephinum zwischen 1970 und 1974. Die Schilderungen erscheinen glaubhaft, können vom Opfer aber nicht konkretisiert werden

 

06.04.2011:        Zehntausende Katholiken kehren Kirchen den Rücken
"... Nach Recherchen von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit", hat die Missbrauchsaffäre zu einem Anstieg der Kirchenaustritte um fast 40 Prozent geführt. ... Bemerkenswert ist die Situation in den bayerischen Bistümern Augsburg, Eichstätt, Bamberg, Würzburg und Passau, wo die Austrittszahlen um bis zu 70 Prozent hochschnellten. ..." 

„Es ist Ausdruck des Unmuts: Nach den Missbrauchsfällen im vergangenen Jahr sind 180.000 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. ... Genauer ließ sich der Schaden, der der Kirche durch vertuschen, leugnen und schweigen entstand, zunächst nicht beziffern. Nun aber liegen erstmals Zahlen vor, die belegen, wie viel Vertrauen die Missbrauchsfälle und das viel zu späte, teilweise dilettantische Krisenmanagement die katholische Kirche gekostet hat. ..." 

 

 

18.05.2011:     J. K. berichtet an den Missbrauchsbeauftragten von den sexuellen Übergriffen des Pater Willibald S. und seinem Gewaltregime. Er gehört zu denen, die als erste bereits 1968 den Mund aufgetan haben. Es ist schwer für ihn, damit umzugehen, dass der zuständige Ordensobere Pater Schuh weder sofort gehandelt hat (es vergingen 2 Monate) noch dafür gesorgt hat, dass Pater S. keinen Kontakt mehr zu Jugendlichen haben durfte, geschweige denn, dass er die Opfer in den Blick genommen hat.

 

24.05.2011:      Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten Dr. Bergmann

„Auf der heutigen Pressekonferenz hat die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, ihren Abschlussbericht vorgestellt. In dem Abschlussbericht bilanziert Dr. Bergmann die Ergebnisse ihrer einjährigen Aufarbeitung und benennt ihre Empfehlungen für die Bundesregierung und den Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ für immaterielle und materielle Hilfen für Betroffene.“ 

Der wesentliche Teil der Empfehlungen wird im Vorgehen der Redemptoristen umgesetzt

z.B.: „Folgende Aspekte sollten bezüglich Genugtuung und Wiedergutmachung Berücksichtigung finden:

·         Zahlung einer Anerkennungssumme, für die als Richtschnur grundsätzlich der Schmerzensgeldbetrag, der bei fristgerechter Geltendmachung des Anspruches gerichtlich erzielbar gewesen wäre, dienen soll unter Berücksichtigung von Folgen, Art und Ausmaß der Übergriffe bei der Bemessung der konkreten Summe (ja)

·         Prüfung der Anträge Betroffener durch ein Gremium, dessen Vorsitz eine von der Institution unabhängige und externe Person inne hat (ja)

·         Anlehnung der Verfahrensanforderungen an das „Gemeinsame Hilfesystem Rehabilitation“ (??) sowie Verpflichtung zur Leistung einer einmaligen angemessenen Anerkennungssumme, wenn dies dem Wunsch der Betroffenen entspricht. (ja)

·         Erarbeitung einer „Wiedergutmachungskomponente“ für wirtschaftliche Nachteile (z.B. aufgewandte Therapiekosten) (ja)

·         Einrichtung einer internen Beschwerdemöglichkeit bei gleichzeitigem Ausschluss des Rechtsweges (offen)

·         Verpflichtung der Einrichtungen zur (wissenschaftlichen) Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in ihrem Bereich (ja, durch den beauftragten Richter, keine wissenschaftliche Untersuchung))

·         Sicherstellung, dass die beteiligten Institutionen auf Wunsch einzelner oder mehrerer Betroffenen diese „in ihrer Sprache“ in angemessener und geeigneter Form um Verzeihung bitten.“

 

18.06.2011:     Pater Römelt als Provinzial der Redemptoristen bittet in einem persönlichen Brief an jedes der Opfer noch einmal um Entschuldigung und bietet als symbolische Anerkennung des zugefügten Leids eine Summe von 5000,-€ an. Es seien nur 5000,-€, weil das zugefügte Leid durch Geld nicht wieder gut gemacht werden könne. Die Opfer nehmen diese Geste an und betonen, dass sie eine wirkliche Wiedergutmachung erwarten. Obwohl die Opfer empfinden, dass sich in der niedrigen Geldsumme eine Geringschätzung ihres Leidenswegs ausdrückt, erleben alle Opfer überraschend große Genugtuung über das sichtbare Zeichen, dass das Unrecht gegen sie nun auch auf diese Weise offiziell anerkannt ist.

 

09.07.2011:     Katholische Diözesen öffnen Personalakten: Nun geben die Bischöfe eine in Europa beispiellose Untersuchung in Auftrag: Eine externe Einrichtung fahndet nach Verdachtsfällen und bekommt nach SPIEGEL-Informationen Zugriff auf sämtliche Personalakten
„Bei der Erhebung der Daten wird dem Institut aus daten- und personenschutzrechtlichen Gründen keinerlei direkter Einblick in Personalakten gewährt.“
Die Beauftragung einer entsprechenden Untersuchung durch die Orden, die einen Großteil der Opfer aus Internaten und Heimen verantworten, ist nicht bekannt.

 

14.08.2011:       Missbrauchsopfer kritisieren Entschädigungspraxis der katholischen Kirche: „Die Entschädigungspraxis der katholischen Kirche stößt bei Opfern sexueller Gewalt zunehmend auf Kritik. Entgegen den Erwartungen der Betroffenen, 5000 Euro als Anerkennung ihres Leids zu erhalten, häufen sich Fälle, in denen ohne nachvollziehbare Begründungen gar nichts oder wesentlich geringere Summen ausgezahlt werden. Besonders über katholische Orden wird geklagt.“ 

Die Auszahlung durch die Redemptoristen hält sich an die Grenzen von 5000,-€, wird unbürokratisch (ohne zusätzliche Einzeldokumentation) auf dem Hintergrund der Zwischenberichte umgesetzt. Das Besondere: der Orden schließt Zahlungen für physische und psychische Gewaltfolgen mit ein- anders als die Bischofskonferenz.

 

20.08.2011:     Papst Benedikt fordert radikale Antwort: Papst Benedikt XVI. hat Geistliche zu einer radikalen Antwort auf eine "Art Gottesfinsternis" in der heutigen Welt aufgerufen. "Angesichts des Relativismus und der Mittelmäßigkeit erhebt sich die Notwendigkeit dieser Radikalität" 

 

30.08.2011:     Der Missbrauchsbeauftragte des Ordens Richter Merzbach fertigt den Entwurf des 2. Zwischenbericht zum sexuellen Missbrauch  durch Redemptoristen

 

06.09.2011:     Entschädigungszahlungen durch das Kloster Ettal

„Das von der Benediktiner-Abtei Ettal eingesetzte Kuratorium hat Entschädigungsleistungen für 70 Antragsteller festgelegt. Kloster Ettal stellt für Hilfsleistungen insgesamt 700.000,00 Euro bereit. Wissenschaftliche Aufarbeitung der Vorfälle durch das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München hat begonnen.“ 

 

25.-27.11.2011:   Schüler des Collegium Josephinum Bonn berichten von einer Verabreichung von Zäpfchen durch zwei Patres des Schulsanitätsdienstes und von möglichen sexuell übergriffigen Berührungen

 

21.12.2011:   Eltern stellen Strafanzeige wegen sexueller Übergriffigkeit (Verabreichung von Zäpfchen und körperliche Untersuchung im Schambereich), woraufhin die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der beschuldigte Pater wird einstweilen vom Dienst beurlaubt

 

17. Januar 2012:     D. B. berichtet in der Gruppe der Betroffenen davon, dass Pater Johannes L. ihn für 4 Wochen in den Ferien als einziges Kind in einem Zimmer des Collegium Josephinum „zur Probe“ kaserniert habe. In diesen 4 Wochen ist er von mehreren Tätern vergewaltigt worden, die sich untereinander kannten und zum Missbrauch verabredeten. Vor der Rückfahrt zu den Eltern nach Ablauf der 4 Wochen wird er auch von Pater L. vergewaltigt und dann als für das Collegium Josephinum ungeeignet nach Hause geschickt.

 

17. Januar 2012:     N.N. berichtet in der Gruppe der Betroffenen von schweren penetrierenden Vergewaltigungen durch Pater Franz Sch., Präfekt im Jahre 1945 bis 1953 im Bonner Internat. 1953 mussten N.N. und sein Bruder unvermittelt das Internat auf Betreiben des Pater Sch. verlassen. N.N. berichtet, dass der sexuelle Missbrauch für ihn nicht annähernd so demütigend und verletzend war wie die Gewalt- und Willkürherrschaft dieses Paters. Pater Franz Sch. war zuvor auch der Präfekt des Internatszöglings Willibald S., der selbst zum Täter wurde. Pater Franz Sch. war später Lehrer am Zubringerinternat in Glanerbrück zusammen mit Pater Willibald D. N.N. hatte als Lehrer am Josephinum Pater Otto H., von dem H. K. gequält wurde. 

An diesem Treffen nimmt zum ersten Mal die Angehörige (die Ehefrau) eines Opfers teil. Deutlich wird: die Zahl der Opfer ist erheblich größer als die Zahl der unmittelbar Betroffenen.

 

17. Januar 2012:    N.N. berichtet von sexuellen Übergriffen des Pater Gerhard L. (apostolischer Präfekt, vergleichbar Bischof einer Diözese, gleicher Ornat) im Jahre 1968 an ihm. Pater L. war kurz vorher gezwungen worden, die Indonesienmission zu verlassen wegen sexueller Übergriffe im dortigen Redemptoristeninternat.

 

17.01.2012:      Herr Merzbach stellt den Entwurf des 2. Zwischenberichts zum Missbrauch von Kindern durch Redemptoristen der Gruppe der Betroffenen vor. Die Zahl der Misbrauchsopfer hat sich ausgeweitet, die berichteten Fälle übertreffen in Art und Weise selbst das Vorstellungsvermögen derer,die sich in den ersten Runden zusammengefunden haben. In seiner seelischen Not informiert eines der Opfer die Presse vorzeitig über den Entwurf. Dies führt zu erheblicher Verstimmung, so dass die Institution des Runden Tisches vom Orden in Frage gestellt wird. Der Orden wird später erneut zum Runden Tisch einladen und sagt weitere Einladungen zu. Der Entwurf wird als 2. Zwischenbericht vom Orden ins Internet gestellt.

 

19.01.2012:    Der Orden stellt den Entwurf des 2. Zwischenberichts als 2. Zwischenbericht ohne weitere Korrekturen ins Netz.

 

Am Beispiel des Missbrauchsopfers Sylvia W. findet der Beauftragte der Ordens, Herr Merzbach hier sehr deutliche Worte zum institutionellen Versagen des Ordens als Ganzem:

"Eine deutliche Mitverantwortung trifft die Institution. Angesichts der im Provinzarchiv zu Pater W. enthaltenen fachärztlichen Gutachten hätte dieser weder zum Noviziat, noch später zur Weihe zugelassen werden dürfen, wenn es in einem der Gutachten sinngemäß heißt, W. sei in höchstem Maße affektlabil, die Gefahr des Alkoholismus und sexueller Entgleisungen sei nicht auszuschließen. Eine moralische Verantwortung für sein Verhalten werde er nur in vermindertem Umfang haben. Eine weitere Verwendung in der Seelsorge sei unvertretbar. Er sollte nicht in unkontrollierten Kontakt mit Frauen oder Mädchen treten dürfen. Dem ist nichts hinzu zu fügen. Dass dieser Empfehlung sei es auch nur in Form von entsprechenden seine Arbeit einschränkenden Auflagen nicht gefolgt wurde kann nur als unvertretbare Fehleinschätzung angesehen werden. Auch später hätte mehrfach Anlass bestanden gegen Pater W Maßnahmen zu ergreifen. Ein Bericht über von Pater W. im Februar 1977 abgehaltene Exerzitien offenbart eine Serie von obskuren, die notwendige Distanz zu den Schülerinnen missachtenden Verhaltensmustern. Gleichwohl ist nichts geschehen. Doch auch insoweit sind keine Verantwortlichen feststellbar, die jetzt zur Rechenschaft gezogen werden könnten."

 

 

05.02.2012:        Konferenz zu Missbrauch in der katholischen Kirche in Rom
Die katholische Kirche zieht demütig wichtige Schlüsse aus den Missbrauchs-Skandalen 

 

07.12.2012:         Die Bischofskonferenz gibt das Ergebnis der Studie „Sexuelle Übergriffe durch katholische Geistliche in Deutschland – Eine Analyse forensischer Gutachten 2000-2010“ bekannt. [Studie][Pressemitteilung Bischofskonferenz]
„Insbesondere eine sexuelle Präferenzstörung im Sinne einer Pädophilie oder Hebephilie wurde nur bei einer Minderheit der Geistlichen diagnostiziert. Diesbezüglich zeigen sich keine bedeutsamen Unterschiede zu Erhebungen in der deutschen Allgemeinbevölkerung. Die vorgeworfenen sexuellen Übergriffe wurden aus Beweggründen begangen, die sich überwiegend dem normalpsychologischen Bereich zuordnen lassen und nur in wenigen Fällen Folge einer spezifischen Psychopathologie waren“, so Professor Leygraf. Zur Rückfälligkeit erklärte er: „Betrachtet man internationale Befunde zur Rückfälligkeit sexuell übergriffiger katholischer Geistlicher, die an ambulanten Behandlungsmaßnahmen teilnahmen, so trat ein relativ kleiner Anteil von etwa fünf Prozent erneut mit sexuellen Übergriffen in Erscheinung. Inwiefern unbehandelte sexuell übergriffige Geistliche eine geringere oder höhere Rückfallrate aufweisen, ist bis heute unbekannt. Verbleiben sexuell übergriffige katholische Geistliche innerhalb ihrer Kirche, dann verfügen sie über ein soziales Kontroll- und Unterstützungsnetzwerk, welches unter rückfallpräventiven Gesichtspunkten als protektiver Faktor angesehen werden kann.“ [DBK]

 

Dezember 2012:     3 Personen melden sich, die zwischen 1948 und 1950 in einem zum Kloster Hennef- Geistingen ausgelagerten Kinderheim aus Köln- Mülheim (Elisabeth-Breuer- Haus) von einem Pater M. missbraucht worden sind.

 

21.12.2012:    Das bei der Staatsanwaltschaft Bonn anhängige Verfahren wegen möglichen sexuellen Missbrauchs (Zäpfchenverabreichung, zweifelhafte körperliche Untersuchung) durch einen Pater bzw. Lehrer des Sanitätsdienstes am Collegium Josephinum wird von der Generalstaatsanwaltschaft Köln endgültig eingestellt.

 

09.01.2013:         „Kirche stoppt Aufklärung des Missbrauchsskandals: Katholische Bischöfe beenden das Forschungsprojekt, das sexuelle Übergriffe von Priestern untersuchen sollte.
„Gescheitert: Die Aufklärung des Missbrauchs.“
Der Wille war da, aber er hat nicht gereicht. Die guten Absichten währten nur kurz. Wer wann in welchem Ausmaß Schutzbefohlene sexuell missbraucht hat, wird jetzt wohl nicht mehr Lückenlos aufgeklärt werden. Die katholische Kirche hat Forderungen an die Forscher gestellt, die diese nicht erfüllen wollten. Es ist viel Vertrauen verspielt worden.“ [Süddeutsche Zeitung] S1+S2.

„Es wäre eine Offenbarung geworden“ Matthias Katsch, Beirat des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten, über Täter, Persilscheine und den Wunsch nach einer unabhängigen Kommission. [taz]

 

13.01.2013:          N.N. stirbt 1 Woche vor dem 5. Treffen von Missbrauchsopfern mit dem Orden.

 

15.01.2013:     Bischof Ackermann stellt den Abschlussbericht zur Telefonhotline der Bischofskonferenz vor. Im zweiten Teil wird der Zusammenhang von sexuellem Missbrauch und Katholischer Kirche untersucht.

Das Besondere: Zur Überprüfung der Thesen im 2. Teil wurden Missbrauchsopfer an der Studie als „Experten“ beteiligt.

 

19.01.2013:     5. Runder Tisch zwischen Orden und Betroffenen. Der Orden arbeitet zusammen mit den Missbrauchsbeauftragten die Vergangenheit weiter auf. Es gibt neue Meldungen auch von neuen bisher nicht bekannten Tatorten, denen offensichtlich intensiv nachgegangen wird. Der Tatort Internat der Redemptoristen in Sumba (Pater Gerhard L.) ist amtlich bestätigt.

Herr Römelt und Frau Dr. Schumacher schildern eingehend die Vorgänge um den Sanitätsdienst am Collegium Josephinum aus ihrer Sicht bzw. der Sicht der Schule. Der Schulträger beschäftigt sich dabei auch mit den eigenen Fehlern in den kommunikativen Prozessen mit allen Beteiligten. In den kommunikativen Prozessen scheint es im Sinne eines möglichen Opferschutzes Verbesserungsbedarf zu geben.

 Der Kreis der Missbrauchsopfer begrüßt ganz besonders die folgenden Schritte des Ordens:

·         der Orden hat seine Bereitschaft erklärt, den Gesprächskreis Orden und Missbrauchsopfer weiter aufrecht zu erhalten, weil er für beide Seiten hilfreich sei

·         der Orden lädt kurzfristig  zu einem gemeinsamen Gespräch von Schulträger, Missbrauchsbeauftragten, Schulleitung des Collegium Josephinum und Beauftragten der Missbrauchsopfer der 50 und 60er Jahre ein. Gesprächsinhalte sollen sein die aktuellen Ereignisse und mögliche Schlussfolgerungen und auch das Präventionskonzept der Schule

·         der Orden als Schulträger beteiligt den Kreis der Missbrauchsopfer  bei der Erarbeitung des Präventionskonzeptes der Schule. Der Entwurf des Konzeptes wird ausgehändigt mit der Bitte um direkte kritische Rückmeldung.

·         Der Orden erkennt mit dieser Beteiligung die ehemaligen Missbrauchsopfer als Experten für diesen Bereich an und geht einen Schritt in der Prävention, der unseres Wissens bisher einmalig ist.

·        Der Schulträger und die Schule sehen die Missbrauchsfälle der 50er und 60er Jahre auch als Teil der Geschichte der Schule und nicht nur als Teil der Geschichte des angegliederten Internats. Im aktuellen Schuljahrbuch 2012/13 gibt es dazu einen eigenen Artikel und eine Ergänzung zur Historischen Betrachtung der 50er und 60er Jahre im Jahrbuch zum 125jährigen Bestehen der Schule.

 

 Das Besondere: Die versammelten Betroffenen nehmen den Tod von N.N. als einschneidendes Ereignis wahr: es scheint, als ob sich in seinem Leben und Leiden die Erlebnisse aller anderen wie in einem konzentrierten Lichtstrahl bündelten. Seine traumabedingte Reinszenierung des Geschehens bei der Wiedergabe seiner Erinnerungen ließ alle das an ihm und den anderen begangene Unrecht verändert wahrnehmen: der damals erlittene Schmerz wurde unmittelbar in seiner Tiefe erfahren und wiedererlebt.

 

 19.01.2013:     Vereinsgründung der Missbrauchsopfer des Collegium Josephinum und der Redemptoristen

 

 11.02.2013:     Papst Benedikt XVI erklärt seinen Rücktritt für den 28.02.2013. Die Vereinsmitglieder erhoffen sich von seinem Nachfolger eine deutlich prononciertere Aufarbeitung der Missbrauchsverbrechen und eine nachdrückliche Veränderung in der Haltung zur Entschädigungsfrage.

 

 12.02.2013:     Pater Johannes Römelt als Provinzial der Redemptoristen (Schulträger des CoJoBo) lädt die Missbrauchsbeauftragte Dr. Schumacher, die Schulleitung des Gymnasiums Herr Billig und einen Lehrervertreter Herrn Haffke und den Kreis der Betroffenen (vertreten durch Sylvia W., J. K., Winfried Ponsens) zu einem Gemeinsamen Gespräch:

Tagesordnung:

Umgang mit der Affäre (Anzeige von Eltern, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und Einstellung des Verfahrens, Nichtweiterbeschäftigung des Vertrauenslehrers Mathias Wirth) um den Sanitätsdienst des Collegium Josephinums - kritischer Rückblick und Folgerungen für die Zukunft

Kritische Diskussion des vorliegenden Präventionskonzeptes des Collegium- Josephinum – Vorschläge für die Prävention von sexueller Gewalt durch die Gruppe der Betroffenen.

 

20.02.2013   Das Gespräch mit dem CoJoBo (Herr Billig als Schulleiter, Herr Römelt als Schulträger, Herr Haffke als Vertreter der Lehrer und als Historienschreiber) hat stattgefunden.

Das Gespräch zusammengefasst: es hat uns ungemein beeindruckt, weil offen, weil kritisch, weil ohne Scheuklappen, weil konstruktiv, weil an uns interessiert. Wir waren in diesem Gespräch deutlich nicht die armen Opfer sondern eher die ausgesuchten Berater. Erstaunlich.

1.     Zuerst überraschte uns der Lehrervertreter mit der Frage, was sie denn noch tun könnten für uns über das Bisherige (Korrekturen der Geschichtsschreibung im letzten Jahrbuch) hinaus.

2.     Das  Problem der Zäpfchenverabreichung und des Sanitätsdienstes wurde aufgeschlossen diskutiert und in einem Punkt auch tatsächlich korrigiert: die drei Jungen haben sich nicht wie von uns bisher vermutet oder allenthalben kolportiert und verstanden in der Unsicherheit über die Wahrung der Körpergrenzen an ihren Vertrauenslehrer gewandt, sondern der Vertrauenslehrer hat  nach einem Hinweis in einem Gespräch mit Schülern, dass am Josephinum Zäpfchen verabreicht werden, diese drei Jungen als die recherchiert, die in den vergangenen Jahren Zäpfchen bekommen haben. Später haben deren Eltern dann Strafanzeige gestellt, weil sie ermitteln lassen wollten, ob hier sexuelle Übergriffe stattgefunden haben.  So marginal der Unterschied auch ist, in der Beurteilung des ganzen Geschehens macht dieser Unterschied gewaltig viel aus. Im ersten Fall sieht man die Kinder als Kinder, die eine Übergriffigkeit vermuten, sich anvertrauen und dann ins Leere laufen, weil die Schule ihren guten Ruf retten will- und das muss unseren äußersten Protest herausfordern. Im zweiten Fall  sind die Kinder allenfalls durch die nachfolgenden nicht immer glücklichen Aktionen von Eltern, Schule und Staatsanwaltschaft etc. beschädigt und die Schule selbst auch, weil sie unprofessionell und in Teilen hilflos agiert hat.  Trotzdem muss die Forderung hier sein, dass die Zäpfchenverabreichung eingestellt, der Sanitätsdienst überdacht, ein hilfreiches Präventionskonzept erstellt wird.

3. Im Weiteren ging es um das Präventionskonzept- immer auch in unmittelbarer Verbindung zu unserer Geschichte. Unsere Kritik an der Fülle und Undurchsichtigkeit wurde geteilt sowohl was das große Ganze wie das Einzelne anbetraf. Die Schule will überlegen, in welcher Form wir in die schulische Diskussion über das Präventionskonzept entweder mit dem ganzen Kollegium oder mit der zuständigen Lehrergruppe zu diesem Thema aktiv eingebunden werden können.

11.03.2013    Die gemeinsam vom  Kloster Ettal und dem Verein Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer in Auftrag gegebene Studie zu den Vorfällen im Internat der Benediktiner in Ettal ist ab heute ins Netz gestellt und abrufbar  unter

 http://dddd.ettaler-missbrauchsopfer.de/130307_ipp_Studie_Ettal.pdf

15.03.2013    Der Orden der Hiltruper Missionare verweigert die Aufarbeitung massiven Missbrauchs in Internat und Schule des Ordens, Johanneum in Homburg. Ein aufschlussreiches Feature dazu im Deutschlandradio. Hier das lesenswerte Skript als Link:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/2041723/

08.04.2013    Eintragung des Vereins MoJoRed beim Amtsgericht Bonn:

Seit heute ist unser Verein "Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen" ein eingetragener Verein.

10.04.2013    Pater K. kehrt nicht zurück ans Collegium Josephinum:

Der Provinzial der Redemptoristen, Pater Johannes Römelt hat in einem Brief vom 10.04.2013 den Eltern, Schülern und Lehrern des Collegium Josephinum mitgeteilt, dass Pater K. nicht mehr ans Collegium Josephinum zurückkehrt. Pater K. war von Schülereltern angezeigt worden wegen möglicher sexueller Übergriffe im Zusammenhang mit dem Sanitätsdienst der Schule. Die Staatsanwaltschaft hat Ende 2012 das Verfahren gegen ihn endgültig eingestellt.

17.06.2013   Missbrauchsbeauftragter startet Hilfeportal Sexueller Missbrauch:

www.hilfeportal-missbrauch.de

 

Neues Online-Angebot bietet von sexueller Gewalt Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften Informationen zu Beratung, Hilfen und Fragen der Prävention. Eine Datenbank unterstützt bundesweit die Suche nach spezialisierten Beratungs- und Hilfsangeboten vor Ort. Das Hilfeportal ist spezifisch auf die Thematik des sexuellen Kindesmissbrauchs ausgerichtet und übernimmt eine Lotsenfunktion für das gesamte Bundesgebiet.

 

01.07.2013   Zum 1. Juli 2013 tritt das Gesetz zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellen Missbrauchs (StORMG) in Kraft. Das Gesetz hebt die Verjährungsfrist im Zivilrecht auf 30 Jahre.

 

Aber: im Strafrecht ist die Verjährungsfrist nur um 3 Jahre angehoben worden. Sie beginnt nun mit 21 Jahren statt mit 18 Jahren. Die Länge der strafrechtliche Verjährungsfrist ist ansonsten nicht verändert worden.

 

Resumee: Die Opfer sexuellen Missbrauchs werden nicht ernst genommen, sie werden regelrecht hintergangen. Denn tatsächlich hilft die zivilrechtliche Anhebung nur dann, wenn der Täter gesteht. Welcher Richter wird nach z. B. 25 Jahren zivilrechtlich eine hohe Entschädigungszahlung verhängen, wenn er mangels strafrechtlicher Verurteilung weder von einem Täter noch von einem Verbrechen sprechen kann, sondern von der Unschuld des Täters ausgehen muss? Die tragenden politischen Parteien setzen damit die erlittene Missachtung der Opfer durch den Missbrauch fort und geben ein fatales Signal, dass der Missbrauch von Kindern so schlimm doch nicht sei. Die SPD und Die Grünen haben sich bei der Abstimmung im Bundestag enthalten, legen ansonsten aber auch keine wirklich überzeugenden Alternativen vor. Die Beweggründe für das Zögern der Parteien bleiben im Dunklen. Das Untätigbleiben trotz besseren Wissens nährt die Vermutung, es ginge ihnen in Wirklichkeit um den Schutz der Täter.

1.     08.08.2013    Anerkennung der Gemeinnützigkeit:

 

Ziele des Vereins sind, das  erlittene Unrecht gemeinsam mit dem Orden aufzuarbeiten und die bezeugten Verbrechen in den Internaten des Ordens und in den Gemeinden, in denen sie geschehen sind, wie auch den Prozess der Aufarbeitung zu dokumentieren. Der Verein versucht darüber hinaus, ideologische, psychologische und sonstige Wurzeln dieser Verbrechen durch Hinweise auf Literatur und andere Quellen zu belegen.

Der Verein stellt sich als Ansprechpartner für die Missbrauchsopfer zur Verfügung, die sich bisher nicht gemeldet haben oder die Beratung suchen.

Der Verein dient als solidarische Plattform der Missbrauchsopfer untereinander wie auch als Sprachrohr der Opfer gegenüber dem Orden der Redemptoristen in allen Fragen, die mit dem Missbrauch zusammenhängen, besonders aber in Bezug auf Form und Inhalt der Wiedergutmachungsversuche des Ordens.

Der Verein hofft auf diese Weise zur Aufdeckung erlittenen Unrechts beizutragen  und die Gesundung von Opfern dadurch zu befördern, dass die Betroffenen besser in die Lage versetzt werden, die meist verdrängte Kinder- und Jugendzeit sich wieder zu eigen zu machen.

Der Verein bietet an, sich auf Wunsch an der Konzeptionierung von Prävention speziell an der Schule  der Redemptoristen „Collegium Josephinum Bonn“  wie auch in der Kinder- und Jugendarbeit allgemein zu beteiligen. Bei Fortbildungen unterstützt der Verein auf  Nachfrage die Moderatoren durch Bereitstellung von Zeitzeugen und eigene abgesprochene Beiträge als Experten.

Der Verein setzt sich für den vollständigen Wegfall der Verjährungsfristen bei Verbrechen gegen das Menschsein (sexuelle Gewalt gegen Kinder) ein.

Wer diese Ziele ideell und materiell unterstützen möchte, ist als Mitglied herzlich willkommen. Der Jahresbeitrag beträgt 10,-€. Die Gemeinnützigkeit des Vereins ist vom Finanzamt Euskirchen bestätigt.

 

 

19.10.2013 Der vorsitzende Richter am Amtsgericht Leverkusen, gleichzeitig Missbrauchsbeauftragter des Ordens der Redemptoristen, Herr Hermann Josef Merzbach scheidet zum 19.10.2013 aus gesundheitlichen Gründen aus seinem Amt des Missbrauchsbeauftragten aus. Herr Merzbach hat als Richter vorrangig die Glaubwürdigkeit der Zeugen geprüft und 2 Zwischenberichte herausgegeben, die den Betroffenen eine zentrale Genugtuung waren.

 

19.10.2013 Mit Datum von heute ist Frau Dr. Michaela Schumacher alleinige Missbrauchsbeauftragte des Ordens und des Collegium Josephinum

19.10.2013    In Köln findet das gemeinsame Gespräch der Betroffenen mit der Ordensleitung der Redemptoristen statt, zu dem der Orden freundlicherweise eingeladen hat. Das Gespräch findet in gespannter Atmosphäre statt und endet mit einer gemeinsamen Vereinbarung zu einem weiteren Gespräch im Frühjahr 2014.

19.10.2013 Der Betroffene Dieter Beckmann hat den Orden auf Schadensersatz verklagt. Der Orden hat den Betroffenen daraufhin nicht zum gemeinsamen Gespräch eingeladen. Das führt zu erheblichen Auseinandersetzungen mit der Ordensleitung. Beide Seiten einigen sich darauf, weiter das gemeinsame Gespräch zu versuchen, jedoch die Formen des Gespräches zu verändern. Zum nächsten Gesprächstermin am 05.04.2014 laden die Betroffenen und der Orden gemeinsam ein. Bis dahin sollen von beiden Seiten die entsprechenden Erwartungen an die zukünftige gemeinsame Arbeit formuliert werden.

22.11.2013    Termin zur Schadensersatzklage von Dieter Beckmann gegen den Orden der Redemptoristen. Die Schadensersatzklage wird wegen der geringen Aussicht auf Erfolg (Verjährungsfristen) und der zu erwartenden hohen Kosten für den Kläger zurückgenommen. Beide Seiten übernehmen je die eigenen angefallenen Kosten. Siehe auch unsere Gesamtbetrachtung zum Prozess unter Wiedergutmachung (geplant)

31.01.2013  Die bisherige Missbrauchsbeauftragte des Ordens Frau Dr. Schumacher tritt von ihrem Amt zurück.

 

Überraschend tritt die bisherige Missbrauchsbeauftragte des Ordens Frau Dr. Schumacher von ihrem Amt zurück. Eine Mitteilung des Ordens dazu erfolgt nicht, soweit wir erfahren auch keine Neubeauftragung. Spekulationen um den Rücktritt gehen dahin, dass er im Zusammenhang steht mit dem Ablauf des gerichtlichen Verfahrens um Dieter Beckmann. Wir als Initiative der Betroffenen bedauern den Weggang von Frau Dr. Schumacher außerordentlich- gerade auch in dieser sensiblen und schwierigen Phase der Gespräche mit dem Orden. Zum wiederholten Male wird deutlich, wie - vorsichtig ausgedrückt- ungewöhnlich und schroff sich der Orden in der Kommunikation nach draußen verhält. Die Beteuerungen des Ordens, dass wir als Betroffene wichtige und anerkannte Gesprächspartner darstellen, werden daher von vielen als unglaubwürdig wahrgenommen.

 

Die Mitteilung des Rücktrittes erfolgt offiziell erst am 16.02.2014 durch eine Mail von Frau Dr. Schumacher an die Vereinsvorsitzende Frau Witte.

10.03.2014 Orden benennt neue Missbrauchsbeauftragte

Wie wir zufällig aus der Homepage des Ordens der Redemptoristen erfahren, ist eine neue Missbrauchsbeauftragte bestellt. Es ist Schwester

Sr. Martina Kohler SSpS (*1961)

 

 

 

Sr. Martina Kohler SSpS

 

 

 

Aus ihrer Selbstvorstellung: "Geboren 1961 in Trier, habe ich nach meinem Abitur zunächst 4 Semester Medizin studiert. Dann führte mich mein Weg 1982 nach Steyl (NL) in die internationale Ordensgemeinschaft der „Steyler Missionsschwestern'. Nach einem Aufenthalt auf den Philippinen und dem Studium der Theologie und Pastoralpsychologie in Frankfurt trat ich in den pastoralen Dienst des Bistums Aachen ein. Meine Ausbildung zur Exerzitienbegleiterin an einem Institut der Jesuiten in St. Beunos (Wales) hat mir besondere Freude gemacht. Gerne biete ich Menschen in der geistlichen Begleitung oder in Exerzitien an, ein Stück Glaubens- und Lebensweg mit ihnen gemeinsam zu gehen. Persönlich ist mir neben der ignatianischen Spiritualität die Spiritualität der Wüstenväter besonders ans Herz gewachsen."

 

Kontakt:
Arnold-Janssen-Klooster, Capucijnenweg 9,
NL- 6286 BA Wahlwiller-Wittem (ca. 10 km von Aachen)
Tel. 0031 - 43 - 451 1841
E-mail: sr.martina.kohler@web.de

 

 

Wir als Missbrauchsbetroffene erwarten angesichts dessen, dass sich Täter wie Opfer in der Mehrzahl männlichen Geschlechts sind, dass möglichst bald auch ein männlicher Beauftragter zur Verfügung steht. Dadurch dass dann zwei Beauftragte zur Verfügung stehen, mag es sogar möglich werden, dass beide sich als Team finden, ihre Aufgabe verändert definieren und aktiver und wirkungsvoller als bisher, weil mit klaren Kompetenzen ausgestattet, Aufarbeitung und Prävention im Orden und seinen Institutionen voran bringen.

 

Unsere Kritik bezieht sich selbstverständlich nicht auf Frau Kohler persönlich. Wir kennen sie bisher nicht.

 

 

Zur Nachfolge der Missbrauchsbeauftragten Frau Schumacher:

Nachdem überraschend die bisherige Missbrauchsbeauftragte Frau Dr. Michaela Schumacher zum 31.12. 2013 demissionierte – zu ihr begann sich aus unterschiedlichen Gründen erst zögerlich ein ähnliches Vertrauen aufzubauen wie gegenüber Herrn Merzbach-  hielt es der Orden für angebracht, eine neue weibliche Missbrauchsbeauftragte für den Männerorden und für die in Mehrzahl männlichen Opfer zu  bestellen. Dass er keine Rücksprache mit uns nimmt, sind wir leidvoll gewohnt. Dass die Ordensleitung aber eine Ordensschwester bestellt, hat uns gezeigt, dass er wenig verstanden hat. Die Bestellung einer ordensnahen Person wird von vielen interpretiert als billiger Coup, um weitere Missbrauchsmeldungen zu verhindern, einige glauben sogar, hier sei nicht nur Berechnung am Werk bezogen auf weitere Meldungen sondern dass man absichtlich Bedingungen schafft, die die Betroffenen zum Anlass nehmen könnten, die Gespräche abzubrechen. Die zarte Pflanze des Vertrauens, die sich seit 2010 mühsam ihren Weg ans Licht bahnte, diese Pflanze hat sich wieder ganz in den Boden eingezogen. Beim nächsten Gespräch am 05.04. 2014 in Köln fangen wir fast am Nullpunkt wieder an. Einen Unterschied gibt es wohl: wir Betroffene verstehen uns nicht mehr nur als Bittsteller, die endlich erhört werden wollen.

03.2014  Redemptoristische Springprozession- Zum Stand der Aufarbeitung im März 2014:

Wie die Echternacher Springprozession geht, weiß jeder: Drei Schritte vor und zwei zurück. Die Springprozession symbolisiert dabei etwas zutiefst Menschliches: Fortschritt ist schwer, Fortschritt braucht Zeit, Fortschritt geht manchmal voran und dann wieder gibt’s eher Rückschritte, aber insgesamt kommt man weiter. Die redemptoristische Springprozession scheint einem anderen Modell zu folgen: zwei Schritte vor und drei zurück. Das jedenfalls ist unsere Befürchtung, wenn wir auf die Aufarbeitung des Missbrauchs seit Oktober 2013 schauen.

 

Vorweg sei gesagt: was manchmal so aussieht, als sei es vielleicht ausschließlich in grundsätzlicher Gegnerschaft, gar Feindschaft zum Orden und seinen Mitgliedern oder allgemein kirchenfeindlich gemeint, entpuppt sich beim zweiten Hinschauen als versteckte Hoffnung von Menschen, die ehemals dem Orden sehr nahe standen und oft Ordensleute werden wollten, diesem „Verein“ doch noch nach allem erlittenen Leid den Respekt aufrichtig zollen zu dürfen, der uns seinerzeit überhaupt hat „in seine Fänge“ geraten lassen. Vielleicht sind wir, die den Orden öffentlich anklagen, die Übriggebliebenen, die seine Worte noch ernst nehmen wollen, die seine Worte auf der Goldwaage wiegen, weil sie uns wichtig sind. Ja, wir kämpfen -manchmal innerlich verzweifelnd- darum, zu verhindern, dass persönliche Verbitterung das einzige ist, was übrig bleibt. Wir suchen den Frieden mit uns und auch mit dem Orden.

 

Tatsächlich vermissen wir in weiten Teilen in der Kommunikation mit dem Orden und in seinem Umgang mit der Vergangenheit Formen des Miteinanders und der Auseinandersetzung, die uns „Weltlichen“, wenn wir in unserem eigenen privaten oder beruflichen Umfeld mit Problemen umgehen müssen, selbstverständlich erscheinen: wechselseitige Beratung, professionelles Coaching, Reflexion von Strategie und Taktik, Beteiligung möglichst vieler indirekt oder direkt Betroffener, Offenheit, offensives Aufklärungsbemühen, Direktiven der Leitung zum weiteren Vorgehen, Versuche der Einfühlung in die „Gegenseite“, Lösungsorientierte Gesprächsführung.  Man gewinnt manchmal eher den Eindruck, Kleriker seien tatsächlich nicht von dieser Welt und hofften nur, der Tsunami möge an ihnen vorbeiziehen. Bisher ist kein Ordensmann persönlich auf uns zugekommen und hat das Gespräch gesucht, hat von sich geredet, hat  von dem gesprochen, was er mitbekommen hat, hat erzählt, was er vielleicht selbst erlitten hat, hat gefragt, was unserer Meinung nach geschehen müsse, damit wir den Eindruck bekommen, der Orden meine seinen Aufarbeitungswillen ernst. „Keiner“ ist falsch. Ein Ordenspriester spricht von Zeit zu Zeit mit zwei Betroffenen, die zu ihm ein freundschaftliches Verhältnis aus der Internatszeit fortführen. Und die Ordensleitung spricht zu uns, manchmal auch mit uns.

 

Was die Ordensleitung anbetrifft, hatten wir während der gesamten Zeit den Eindruck guten Willens, hatten aber auch immer  den Eindruck, sie tut, was sie tut, weil wir es vorschlagen oder fordern, tut, was sie für gesellschaftlich oder kirchenpolitisch opportun hält, tut aber nichts oder wenig aus eigenem Antrieb oder eigener Einsicht. Was uns fehlt, ist die Eigeninitiative, ist die aktive Suche nach dem, was sie noch tun könne, um uns zu befrieden. Was fehlt, sind sichtbare Signale an uns, dass aus der Betroffenheit der ernste Willen folgt, alles erdenklich Mögliche zu tun, um das angetane Unrecht zu sehen und zu verstehen, es wieder gut zu machen und zukünftiges Unrecht zu verhindern. Was fehlt, ist Einfühlung und wahrnehmbare Berührung durch die Geschehnisse der Vergangenheit, was fehlt, ist Konsequenz. Was an Aufarbeitung und Gespräch stattgefunden hat, schätzen wir hoch, besonders deshalb weil wir nicht damit rechnen konnten: man hat uns geglaubt, man hat Tränen vergossen, man hat um Verzeihung gebeten, man hat angetanes Leid durch die Zahlung von 5000,00€ anerkannt.

 

Vor allem anderen vermissen wir glaubhafte Zeichen dafür, dass es bei allem, was der Orden für uns tut, nicht um den Orden geht, um sein Heil, sein Interesse an guter Öffentlichkeit, seine Absolution, sein ewiges Heil oder das Seelenheil des einzelnen Mitbruders- sondern dass es um uns geht. Der Orden hat unserer Überzeugung nach sein egozentrisches Weltbild nicht wirklich aufgegeben, konfrontiert sich zwar mit der Schuld und der Buße für die Schuld, setzt sich aber nicht wirklich dem Schmerz der Opfer aus, weiß noch kaum, dass die Täter ganze Leben zerstört haben und was  es für die Opfer bedeutet, ein Leben am Rande des Abgrunds zu führen. Wir meinen das tatsächlich so und gebrauchen das Wort nicht nur im übertragenen Sinne. Nein! „Zerstören“ meinen wir im wörtlichen Sinne, weil den Opfern nur noch ein „Überleben“ übrig blieb, aber im Einzelfall nicht mal das. Wir gehen von Suiziden in diesem Zusammenhang aus oder wissen davon. (Für die Odenwaldschule gilt: von ca. 130 nachgewiesenen Missbrauchsopfern haben 14 ihrem Leben selbst ein Ende bereitet) Obwohl wir im Gespräch darauf hingewiesen haben, löste unser Hinweis keine besondere Aktivität aus, nach solchen Opfern zu suchen. Unsere Hinweise haben den Orden bisher nicht bewogen, eine interne Arbeitsgruppe zu bilden, die solchen Vermutungen oder auch Unterstellungen nachgeht.

 

Überhaupt: wir wissen von keiner internen Arbeitsgruppe im Orden, die sich aufs Schild gesetzt hätte,  Gewalt und sexuellen Missbrauch durch Ordensmitglieder selbst zu untersuchen, stattdessen hat man untersuchen lassen (was richtig und gut war, aber auch bequem, weil man die Verantwortung abgeben konnte).Wir wissen von keiner Arbeitsgruppe, die gesagt hätte, wir wollen doch endlich wissen, was das mit uns und unseren inneren Strukturen zu tun hat. Wir wissen von keiner internen Arbeitsgruppe, die gesagt hätte, wir wollen mit den Opfern reden, wir wollen sie verstehen. Wir wissen von keiner Arbeitsgruppe, die die Frage stellt: Was haben die Opfer uns zu sagen? Eigentlich unvorstellbar, dass eine Institution in der heutigen Zeit angesichts solch gravierender Verbrechen nach außen so tut, als gehe sie das als Ganze nichts an, als sei das ein Problem, das allenfalls die Leitung angeht, als sei das ein Unfall, den man möglichst schnell vergessen solle, als sei das eine Unbill, die die Opfer zufällig getroffen habe, eine Unbill, gewiss nicht schön, aber eine Unbill, die ein solches öffentliches Theater nicht erfordert, eine Unbill, die halt allein auf den Täter zurückfalle, der nun mal unglücklicherweise Redemptorist sei. Ach ja,  Täter gebe es nun einmal überall. Wir als Opfer sehen den Orden und seine Mitglieder – man sehe uns die unchristlichen Worte nach- in dieser Hinsicht als eine Ansammlung von  Angsthasen, die sich nicht einmal mit den Opfern zu konfrontieren wagen, aber gerne -nach Hörensagen- bereit zu sein scheinen, die Täter in weichem Licht zu zeichnen. Da war doch nicht alles schlecht. Das kann so doch nicht gewesen sein. Da wird doch aus jeder Mücke ein Elefant gemacht. Mir hat das doch auch nicht geschadet. Kann das wirklich sein, dass Menschen in einer Kommunität zusammen leben und es nicht ihr drängendstes Bedürfnis ist, Verbrechen, die Mitglieder ihrer Kommunität begangen haben, aufzuklären- bis hinein in die feinsten Verästelungen und Hintergründe?

 

 

So wird denn auch innerorden-tlich der Prozess, den Dieter B. angestrengt hat, vermutlich gesehen als unfairer Bereicherungsversuch eines Opfers, das nicht einmal beweisen könne, in Bonn gewesen zu sein, sich nicht einmal ordentlich der Reihe nach erinnern könne. Aber keiner hat sich im Zusammenhang mit diesem oder einem anderen Opfer mit Trauma- Erinnerung auseinander gesetzt, keiner ist hingegangen, um die Probe aufs Exempel zu machen, ob die Erinnerungen nicht doch stimmen könnten, die meisten haben vorschnell lieber ihre Zweifel formuliert, keiner hat den Kontakt zum Opfer oder zur „Opfergruppe“ gesucht. Wir fragen uns: Gibt es in den einzelnen Häusern der Ordensgemeinschaft entsprechende Literatur zum Missbrauch, vor allem zum institutionellen Missbrauch,  zur Trauma- Aufarbeitung und zur Trauma- Erinnerung, zur Trauma- Therapie und und? Gibt es Hinweise der verantwortlichen Ordensoberen, sich mit diesem oder jenem Bericht zu beschäftigen, dieses oder jenes Buch zu lesen? Warum besucht kein Ordensmann irgendeine Veranstaltung zum Thema? Niemand war anwesend, als kürzlich im Bonner Rathaus mit Presseankündigung das Buch zum Missbrauch am Aloisiuskolleg (Unheiliger Berg) vorgestellt wurde. Die Abwehr funktioniert vorzüglich. Der Hinweis, dass derjenige, der sich an die Ungeheuerlichkeit der Penetration erinnert, sich nicht an das Zimmer erinnert, in dem das 1959 geschehen ist, nicht wirklich weiß, ob es dort zwei Betten oder nur eines gab, reicht aus, um diesen Prozess als unbillig zu bezeichnen. Und eigentlich ist dieser Prozess sowieso fragwürdig und die ganze Aufarbeitung auch. Eine olle Kamelle ist sie sowieso. Heute gibt es sowas gar nicht mehr.

 

Die feinfühlige und von richterlicher Erfahrung gesättigte Art der Zeugenvernehmung durch den Richter Merzbach veranlasste diesen, auch dem Opfer Dieter B.  zu glauben. Aber im Orden denkt man eher darüber nach, wie man noch eine Kleinigkeit findet, die nahelegen kann, dass man dem Opfer nicht glauben muss. Kritischer Geist wird daher angemahnt. Diese kritischen Geister im Redemptoristenorden aber wagen nicht einmal, den Opfern zu zuhören und mit ihnen zu sprechen, sprechen lieber untereinander über die Übertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten einzelner Geschehnisse. Die Patres trugen doch den Rosenkranz rechts und nicht links wie das Opfer uns weismachen will und auf der ersten Etage gab es doch gar keine Toiletten.

 

Zum Prozess des Dieter B.:

Wie verrückt oder verzweifelt muss eigentlich ein Opfer sein, nach 50 Jahren einen Prozess anzustrengen, von dem er weiß, dass er eher keine Aussicht auf Erfolg hat, von dem ihm auch die meisten einschließlich des Missbrauchsbeauftragten Merzbach abraten? Wie verletzt muss jemand sein, dass er glaubt, nur dieser Schritt könne ihm Genugtuung geben? Wie verzweifelt muss jemand sein, dass er annimmt, dieser Schritt könne ihn endlich vom Objekt zum Subjekt befördern, ihn endlich in Handlung bringen? Wie viel Misstrauen gegenüber kirchlichen Organen muss jemand in seinem Leben angesammelt haben, dass er hofft, dieser Schritt könne ihm zeigen, ob der Orden es ernst mit ihm meine? Bevor da jemand leichthin behauptet, es gehe doch letztlich dem Opfer nur ums Geld, sollte er eine Antwort auf diese Fragen gefunden haben. Hat sich einer von denen, die leichthin reden, je eine dieser Fragen gestellt? Was muss vorgefallen sein, dass man nach 50 Jahren auf solch abstruse Ideen verfällt und auch noch befreit ist, mal schnell 5000,00€ zu versenken?

Erinnerungen des Dieter B., zu Papier gebracht in den Tagen vor dem Gerichtstermin
Vorgeschichte und Aufenthalt im Josephin
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Missionsbild mit Gebet, das anlässlich der Volksmission 1959 in der Gemeinde zur Erinnerung ausgegeben wurde.

"Führe uns zum Opfermahl Deines Sohnes"- auf welch bitter Weise bewahrheitet sich dieser Satz für den kleinen Jungen Dieter B..



Zum Fakt:

  • Dieter B. hat eine Strafanzeige gegen unbekannt angestrengt, weil zwei Täter von damals möglicherweise noch leben. Eine Ermittlung diesbezüglich hat die Bonner Staatsanwaltschaft abgelehnt, weil die Tat verjährt sei. Von dieser Anzeige hat der Orden erst gar nichts mitbekommen, hier war die Staatsanwaltschaft alleine am Zug.
  • Zusätzlich hat Dieter B. eine Zivilklage mit dem Streitwert von 5001,00€ beim Bonner Landgericht gegen den Orden eingereicht, um eine Entschädigung wegen sexuellen Missbrauchs zu erreichen. Auch hier gibt es Verjährungsfristen, die aber nur dann für das Gericht von Belang sind, wenn der Beklagte darauf auch abhebt. Das Gericht hat die Einrede der Verjährung durch den Orden angenommen und die Klage folglich abgewiesen. Der Orden hat schließlich gegen die Zusage des Opfers, in Zukunft nicht noch einmal Klage einzureichen, sich einverstanden erklärt, die eigenen entstandenen Kosten selbst zu tragen. Dem Kläger blieben ebenfalls die eigenen Kosten für Rechtsanwalt und Gericht.

 

 

Zum Vorgehen des Ordens:

Es gab verschiedene Möglichkeiten des Ordens mit der Klage des Dieter B. auf Entschädigung für lebenslange Beschädigung umzugehen. Die, die der Orden gewählt hat, ist die, mit der wir – geradeaus gesagt- am wenigsten gerechnet haben. Nämlich:  Kanonen zu nehmen, um auf die Spatzen zu schießen. Und fast möchte man sagen, die Kanonen reichten dem Orden nicht, es sollte schon ein Bombenteppich her, der in allem tabula rasa macht. Solche Taktik fällt immer auf den zurück, der zu solchen Mitteln greift. In unseren Augen hat der Orden mit dem Hinweis darauf, dass der Missbrauchsbericht von Herrn Merzbach nur dessen subjektive Meinung wiedergibt, aber keinesfalls Tatsachen und dadurch, dass er den Streitwert heraufsetzen wollte, seiner Sache den schlechtesten Dienst getan, den er nur tun konnte und das gesamte mühsam aufgebaute Vertrauen der Betroffenen wieder zerstört.

 

Zurück zu den Möglichkeiten: es wäre doch spannend gewesen, wie ein deutsches Gericht entschieden hätte ohne die Einrede der Verjährung durch den Orden, aber auf dem Hintergrund einer für solche Fälle durchaus typischen problematischen Beweislage. Davon auszugehen ist, dass das Gericht genau diese schwierige Beweislage zur Grundlage eines ablehnenden Urteils gemacht hätte. Aber der Orden hätte die Chance gehabt, sich zu zeigen als ein Orden besonderer Art, als ein Orden, der um die Verbrechen weiß, die unter seiner Aufsicht oder Nichtaufsicht begangen worden sind, als ein Orden, der versteht, warum Opfer solche Schritte tun, als ein Orden, der die Klage annimmt, weil er das Opfer sieht.

 

Nun gut, wir haben also mit der Einrede der Verjährung durch den Orden gerechnet, weil es das Übliche ist, weil es das ist, was schon jedem Jurastudenten und erst recht jedem Anwalt einfällt, auch weil die heutigen Ordensverantwortlichen den heutigen Orden vor unrechtmäßigen Forderungen schützen müssen. Wir hatten verstanden, in welch schwieriger Lage als Vorsitzender eines gemeinnützigen Vereins sich Herr Römelt als Ordensoberer befindet. Wir hätten die Einrede nicht gut finden können und hätten andere Lösungen bevorzugt, aber wir hätten uns dann doch damit abfinden können, dass die Ordensleitung sich für die Einrede der Verjährung entscheidet, weil diese Ordensleitung selbst keine Verbrechen begangen hat und im Heute lebt und das jetzige Restvermögen des Ordens nicht ohne rechtliche Notwendigkeit ausgeben darf. Wir hätten in der Folge als Wiedergutmachung für diesen Schritt vielleicht folgendes vorgeschlagen: wir akzeptieren, dass der Orden die Mittel zur großzügigen individuellen Entschädigung nicht als einzige Institution in Deutschland aufbringen will und sich durch die Einrede schützt- aber dafür erwarten wir, dass  er sich politisch und innerkirchlich prononciert einsetzt für eine staatliche oder kirchliche Fondslösung  und sich deutlich einsetzt für den zukünftigen Wegfall der Verjährungsfristen.

 

Aber was tut der Orden? Er bedient sich einer Rechtsanwaltskanzlei, die aus vollen Rohren feuert. Er bedient sich wohl beraten der Einrede der Verjährung und zusätzlich und ohne Not erhebt er Widerklage, eine juristisch versteckte Form der Verleumdungsklage mit dem Inhalt, das Opfer solle doch überhaupt erst einmal beweisen, dass es 1959 zur Probe in den Ferien im Internat untergebracht war. (Übrigens wäre dieser Nachweis sogar gelungen, weil es glaubhafte Zeugen gibt, die auch beim Prozess vor Ort zur Aussage bereit waren).

Das meinen wir zur Widerklage: das ist mit Kanonen auf Spatzen schießen. Die Einrede der Verjährung, sie allein hätte ausgereicht, um Dieter B.‘s Klage abzulehnen.

 

 

Aber auch die Widerklage war dem Orden nicht genug, er wollte die Sache radikal und ganz und gar bereinigen. Sehr genau wissend um die eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten des Opfers beantragt der Orden die Erhöhung des Streitwertes um das Zehnfache, damit dem Opfer  schon beim ersten Termin die finanzielle Luft ausgeht- was auch geschehen ist.

 

 

Das Schlimmste aber: in der Widerklage wird zusätzlich der Merzbachbericht als individuelle Meinungsäußerung des untersuchenden Richters in Frage gestellt und damit entwertet.

 

 

Es fällt uns schwer, das alles als Gedankenlosigkeit zu lesen und zu akzeptieren, dass alles sei nur geschehen, weil man der vertretenden Anwaltskanzlei gegenüber halt arglos gewesen sei, leichter fällt es uns, das alles mindestens als Kalkül wenn nicht sogar als böswilliges Vorgehen zu entziffern. Wir wehren uns gegen diese Sichtweise, die aufgrund unserer Geschichte so naheliegend scheint und unserem durch die Täter grundgelegten Misstrauen den Ordensverantwortlichen gegenüber so vollkommen entspricht.

 

Aber auch das sei einmal deutlich gesagt. Nichts würde das Opfer, erwachsen geworden, lieber tun als seinem Schergen an die Gurgel zu gehen: einfach dieses Gefühl der Ohnmacht  einmal nicht erleben zu müssen, einmal alle Angst überwinden. Und in diesem Zusammenhang sind Äußerungen wie: „Wer hat ihn denn so schlecht beraten?“ oder: „Nach 50 Jahren noch Entschädigung verlangen, das ist ja krank“ obsolet. Es muss doch möglich sein, anerkannt und erlaubt, dass wenigstens einer unter uns Betroffenen einmal die Dinge beim Namen nennt wie es mutige Menschen tun, wie es übrigens Menschen selbstverständlich tun, die nicht beschädigt sind.

Wir glauben, dass Menschen, denen bitteres Unrecht geschehen ist, das sie für ihr Leben beschädigt hat, dass Menschen, die also nicht nur damals litten sondern auch heute noch unschuldig leiden, Gerechtigkeit allein oft nicht genügt. Sie wollen auch, dass die Schuldigen irgendwann einmal leiden. Dann erst beginnen sie, so etwas wie Gerechtigkeit auch zu empfinden.

 

Wir  wehren uns als heute erwachsene Opfer gegen die Täter von damals und gegen alle, die den Täter haben machen lassen. Dieses „endlich sich wehren“ ist in der Regel das Ergebnis einer langen persönlichen Entwicklung. Wir versuchen dennoch taktvoll zu bleiben, aber wir  sprechen uns und jedem Opfer das unbedingte Recht zu, Klartext zu reden. Mindestens das müssen die Herren, die die Verantwortung tragen, doch aushalten. Dabei sind wir alle viel näher an der Selbstanklage wegen unserer Wehrlosigkeit damals, viel näher an der Selbstverachtung als am Mitleid für dieses Kind und erst recht als an der Rache für dieses Unrecht- dabei hätte das Kind alles verfügbare Mitleid verdient und was hätte diesem Kind– jetzt erwachsen geworden- anderes zugestanden, als dass jemand für es Rache nimmt. Wer kann das besser sein als der Erwachsene, der dieses Kind gewesen ist? Tatsächlich aber sind wir eher weit entfernt davon, Rache zu nehmen. Wessen wir uns schämen, ist weniger die Größe unseres Hasses als die Tatsache, dass wir in der Regel die Kraft zu hassen nicht aufbringen. Der Verlust der Fähigkeit, in eigener Sache hassen zu können, ist möglicherweise Teil der lebenslangen Deformation nach Missbrauch durch nahestehende Personen.

 

Auch das gilt: Keine Rache zu empfinden oder auf Rache zu verzichten, ist keine Tugend an sich. Gerade Rache kann zur Traumabewältigung hilfreich sein. Dass es sozial wünschenswert ist, auf Rache zu verzichten, steht auf einem anderen Blatt. Der Verzicht auf Vergeltung ist keine Herzenssache, er kann  oder sollte gegebenfalls eine Entscheidung der Vernunft sein.

 

Bezogen auf die sog. Anerkennung des Leides durch Zahlung von 5ooo,00€  sind wir der festen Überzeugung, dass, wenn die Kirche sich so billig wegstiehlt, die Tat der sexuellen Gewalt genau den billigen Stellenwert behält, den sie hatte, als sie uns zerstörte. Wenn man sich so wegstehlen kann, dann ist das, was geschehen ist, nicht verstanden und geschieht erneut.

 

Bezogen auf die straf- und zivilrechtlichen kurzen Verjährungsfristen meinen wir: die Verjährung schwerer Verbrechen ist unmoralisch. Es ist das Recht des Menschen, sich nicht einverstanden zu erklären mit Verbrechen, die das Leben des anderen beschädigen. Hierfür kann es keine Heilung durch Zeit geben.

 

Wie es Dieter B. heute nach dem verlorenen Prozess geht? Es geht ihm besser als vorher. Er hat das Gefühl, den aufrechten Gang neu gelernt zu haben.

 

 

 

11.04.2015 Der Orden präsentiert einen weiteren Missbrauchsbeauftragten, männlich: Herrn Niehüser

Zwischenzeitlich hat der Orden auch einen männlichen Missbrauchsbeauftragten, Herrn Niehüser, benannt.

 

Zur Arbeit von Herrn Niehüser:

Herr Niehüser ist nicht in irgendeiner Weise beim Orden angestellt und wird auch nicht durch ihn direkt finanziert. Herr Niehüser ist Angestellter einer Stiftung (Marienhausstiftung Mainz), die ihrerseits Beauftragte zu Fragen der sexualisierten Gewalt in Einrichtungen beschäftigt und zur Refinanzierung Unkostenbeiträge vom Orden einfordern kann. Die Ansprechpersonen der Stiftung sind professionell geschult und werden ständig fortgebildet, sind in ihrem Tun unabhängig und ausschließlich den Betroffenen verpflichtet. Der Datenschutz für die Betroffenen geht soweit, dass diese Ansprechpersonen über ihre konkreten Tätigkeiten auch der Stiftung selbst gegenüber nicht rechenschaftspflichtig sind. Sie haben alle Rechte im Sinne der Betroffenen, z.B. Zugang zu Archiven und gewünschten Gesprächspartnern. Der sog. Missbrauchsbeauftragte ist Anwalt und "verlängerter Arm" der Betroffenen (handelt nur in ihrem Auftrag) und ist ausdrücklich (anders als noch Herr Merzbach) nicht mit der historischen oder juristischen Aufarbeitung von Missbrauch im Orden befasst. Für diese Aufgabe müsste, wenn gewünscht, eine weitere Person oder weitere Personen mit entsprechender Expertise benannt werden.

Wir begrüßen ausdrücklich die Bestellung eines zweiten und zwar eines männlichen Missbrauchsbeauftragten und begrüßen auch die Art und Weise bzw. den Inhalt seiner "Arbeitsplatzbeschreibung".

In verschiedenen Gesprächen mit Betroffenen hat der Missbrauchsbeauftragte sich in kurzer Zeit ein hohes Maß an Vertrauen erworben.

Grundzüge gelungener Aufarbeitung

Wenn man nach den Bedingungen des Gelingens von gesellschaftlicher Aufarbeitung solcher massiven Verbrechen - wie es der institutionelle Missbrauch von Kindern darstellt- fragt, kann die Antwort nicht nur darin liegen, dass man sich entrüstet zeigt, sondern vor allem im unbedingten Willen darin, diese traumatische Erfahrung kulturbildend werden zu lassen. Die Frage muss sein, ob aus dem individuellen Schicksal Einzelner eine gemeinsame Erfahrung der jeweiligen Institution und darüber hinaus der Gesellschaft als Ganzer entstehen wird und daraus auch eine neue Solidarität mit den Kindern in dieser Gesellschaft.

 

Die katholische Kirche und mit ihr die bundesrepublikanische Gesellschaft verweigert sich bis jetzt genau diesem Gedanken schon darin, dass sie bisher nicht wirklich bereit ist, weitere Erkenntnisse (Fortfall des Forschungsauftrages der DBK in 2013, abgespeckte Wiederauflage 2014 mit Experten ohne Expertise im Bereich sexueller Gewalt oder Kirchenrecht) und Zögern beim Einrichten eines arbeitsfähigen Beauftragten beim Familienministerium) zu gewinnen und ja oft genug schon die konkrete Erinnerungsarbeit ("Ich kann es nicht mehr hören") nicht erträgt. Die Erinnerungen der Opfer nicht zur Kenntnis zu nehmen, daraus kann niemals Erkenntnis oder gar Erneuerung hervorgehen. Dass der Orden im Rechtsstreit mit Dieter B. den eigenen Missbrauchsbericht in Frage stellt, dass der Orden den Missbrauchsbericht auf den eigenen Internetseiten nicht mehr verfügbar hält, dass der Orden das Wort Missbrauch oder sexuelle Gewalt nicht einmal mehr auf seinen Seiten erwähnt (das hat sich im März 2014 offensichtlich wieder geändert, siehe Aktuelles) gibt allen Anlass, zu vermuten, man hoffe auf das Vergessen. Diese Hoffnung ist verantwortungslos.

 

Für die meisten Opfer ist es auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters so, dass sie, wenn sie an ihre traumatische Erfahrung denken, weniger an die Vergangenheit als an die Zukunft denken- und zwar, je mehr sie das eigene Merken und das eigene Sehen zulassen.  Fast scheint es so, dass sie, je mehr sie selbst bereit sind zur schonungslosen Sicht darauf, wie sexuelle Gewalt ihr Leben zerstört oder beeinträchtigt hat, umso  mehr ihr Merken und Sehen in Überlegungen darüber wandeln, wie menschliches Leben gestaltet sein muss, damit Menschen zukünftig nicht mehr durch sexuelle Gewalt gefährdet sind.

 

Die 2010 aufgedeckte massenhafte institutionalisierte sexuelle Gewalt gegen Kinder ist – machen wir uns nichts vor- seitdem auch belastet mit der Befürchtung, dass sie kleingeredet und vergessen wird. Nicht nur weil das legitime individuelle Verlangen nach Sühne durch die eingetretene Verjährung ohnehin obsolet geworden ist, sondern weil eine bindende Verpflichtung der Gesellschaft, alles dafür zu tun, dass sich sexuelle Gewalt nicht wiederholt, als solche nicht entstehen will. Mit jedem Tag Abstand mehr droht die Aussicht auf eine solche Verpflichtung dahin zu schwinden. Die Kirche, die deutsche Gesellschaft insgesamt ist gerade erfolgreich dabei, ihr ohnehin geringes Wissen um das, was zahllosen Kindern angetan wurde, zu verlieren, geschweige denn dass sie das vorhandene Wissen vergrößert. Dabei könnte gerade die Unzahl der Taten Anlass und Hintergrund sein, eben auch unzähliges Wissen über die Taten und ihre Ursachen zu erlangen. Der so vielfach ausgeübte Missbrauch könnte im Falle gelingender gesellschaftlicher Aufarbeitung am Schluss sogar definiert werden als Wert, Wert für die Kirche, Wert für die Gesellschaft-  wenn er über das Leid hinaus dazu geführt hat, Wissen zu schaffen.

 

Im Gegensatz dazu: wenn wir bestimmte politische und kirchliche Aussagen nicht falsch verstehen, dann  scheint es bereits soweit zu sein, dass wir, die Opfer, als die dastehen, die unbelehrbar und unversöhnlich sind. Die einzige Chance, die wir noch haben, um Kultur entstehen zu lassen, besteht in der Selbstdokumentierung und im Einsatz für eine staatlich organisierte Aufarbeitungskommission. Wir Opfer müssen raus aus dem Status des Opfers, wir müssen uns ermächtigen- unsere Form der Ermächtigung  ist die Aufarbeitung. Wir als Opfer beanspruchen das Recht auf Objektivierung, wir beanspruchen das Recht gehört zu werden, wir tragen gerne zu allumfassender Aufarbeitung bei.

 

Vergessen wir nicht: wir reden hier über Missbrauch, katholischen Missbrauch, nicht deshalb, weil die Kirche dieses Problem erkannt und benannt hat, weil sie den Missbrauch wegen des Missbrauchs anprangern wollte, sondern weil da plötzlich eine Empörungswelle, auch eine Austrittswelle durch Deutschland ging. Und seitdem ist im Orden selbst und in der Kirche als Ganzer zu wenig geschehen, als dass wir behaupten könnten, nun sei es gut. Herr Bischof Ackermann hat seine Aufgabe abgearbeitet, meint er. Wer ist dieser Herr? Tritt die Gesellschaft jetzt mutig an die Leer- Stelle der Kirche? Trete also Frau Schwesig an Stelle von Herrn Ackermann. Das wäre doch einmal ein Fortschritt.

 

Wir wissen nicht, ob das ein Zitat ist oder nicht, aber es drückt unsere feste Überzeugung aus:

 

„Der eigentliche Skandal ist nicht, dass so viele Kinder missbraucht wurden und missbraucht werden, sondern dass sie missbraucht werden konnten und weiter missbraucht werden können.“

 

Matthias Katsch vom Eckigen Tisch hat die wesentlichen Aspekte einer gelungenen Aufarbeitung in einem Papier für den Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung Rörig aufs beste zusammengestellt:

 

Denkfigur Aufarbeitung
130513_Denkfigur_und_Text.pdf
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Verantwortungsträger im Orden, in den Schulen und Internaten der Redemptoristen

Hier versuchen wir aufzulisten, wer wann die Verantwortung im Orden (Provinziale), in den Schulen (Bonn, Bues, Glanerbrück) und in den angeschlossenen Internaten (Rektoren, Präfekten) trug. Die Sammlung ist noch rudimentär. Wer sie ergänzen oder korrigieren kann, den bitten wir um entsprechende Mitteilung per Mail an

verein@missbrauchsopfer-josephinum-redemptoristen.de

 

 

Provinziale: 

1912-1921 P. Schneider

1921-1930 P. Bernhard Arens

1930-1934 P. Franz Xaver Schneider

1934-1935 P. Josef Kreuz

1935-1936 P. Bernhard Lijdsman

1936-1945 P. Eugen von Meurers

1945-1952 P. Josef Flesch

1952- 1962 P. Hermann Bückers

1962-1969 P. Heinrich Schuh

1969-1978 P. Aloys Christ

1978-1985   P. Dr. Michael Kratz

1985-1993 P. Kurt Wehr

1993-2002 P. Dietger Demuth

2002-2011 P. Hermann ten Winkel

2011-           P. Johannes Römelt

 

 

Die Schuldirektoren des Collegium Josephinum (Gymnasium) 1880-2013:

  1. Pater Matthias Arenth 1880-1895
  2. Pater Peter Ballmann 1895-1898
  3. Pater Josef Pickartz 1898-1904
  4. Pater Jakob Litz 1904-1908
  5. Pater Jakob Groß 1908-1927
  6. Pater Peter Plum 1921-1930
  7. Pater Dr. Heinrich Unkelbach 1930-1936 u. 1950-1953
  8. Pater Dr. Josef Flesch 1936-1940
  9. Pater Josef Groß- Bölting 1940/41, 1945-1950
  10. Pater Konrad Welzel 1953-1980
  11. Pater Dietger Demuth 1980-1993
  12. Peter Billig seit 1993

 

Juvenats- und Internatsdirektoren Collegium Josephinum: 

1.Pater Matthias Arenth 1880-1895

2. Pater Peter Ballmann 1895-1898

3. Pater Josef Pickartz 1898-1904

4. Pater Jakob Litz 1904-1908

5. Pater Jakob Groß 1908-1927

6. Pater Peter Plum 1921-1930

7. Pater Dr. Heinrich Unkelbach 1930-1936

8. Pater Dr. Josef Flesch 1936-1940

9. Pater Josef Groß-Bölting 1940-1941 und 1945-1952

10.Pater Konrad Welzel 1952-1969

11.Pater Wolfgang Cholewcynski 1969-1983

 

 

 

Präfekten Bonn: 

1920-1940 P. Josef Ziegelmüller

1921-1928 P. Johann van Well

1922-1930 P. Heinrich Unkelbach

1924-1935 P. Christopher Heinemann

1920-1927 P. Anton Klein

1929- 1940 P. Anton Klein

1927- 1940 P. Josef Jansen

1932-1938 P. Heinrich Schuh

1933-1941 P. Franz Schnittker

1933-194o P. Groß Bölting

1936-1941 P. Alois Lutze

1934-1937 P. Paul Palgen

1937 P. Heinrich Schuh

1938-1940 P. Dr. Gerhard Westerhoff

1939 P. Heinrich Schuh

1953-1959 P. Dr. Gerhard Westerhoff

1945-1956 P. Dr. Wilhelm Lueger

1945-1953 P. Franz Schnittker

1946-1948 P. Doering

1947-1955 P. Konrad Welzel

1949-1952 P. Josef Brach

1950-1956 P. Paul Palgen

1950-1956 P. Peter Rodenheber

1952-1958 P. Josef Ziegelmüller

1953-1954 P. Felix Schlösser

1953-1959 P. Bernhard Windeck

1953-1959 P. Hermann- Josef Kannegießer

1953-1959 P. Josef Zeyen

1954-1959 P. Leopold Zils

1959-1963 P. Adalbert Jahn

1959-1963 P. Willi Weber

1959-1965 P. Heinrich Kößmeier

1960-1962 P. Hermann– Josef Kannegießer

1960-1962 Frau Elisabeth Honvehlmann

1961-1962 P. Johannes Hundeck

1962-1969 P. Willibald Segeroth

1963-1969 P. Georg Höck

1965- 1973 P. Hermann ten Winkel

1970 P. Günter Becker

1974-1976 P. Hermann ten Winkel

1966-1969 P. Franz Mehwald

1968-1972 P. Anton Brüser

1969-1972 P. Josef Friedrich

1972-1977 P. Gerhard Donie

1972-1980 P. Bernhard Heitz

1974-1980 P. Alfons Heitkamp

1980-1983 P. Friedhelm Knapp

 

 

 

 

Internatsleiter Bous: 

1950-1953 P. Heinrich Schuh

1953-1956 P. Egon Kauke

1956-1978 P. Adolf Niesen

1978-1980 P. Gerhard Donie

 

Schulleiter Bous: 

1953- 1956 P. Egon Krauke

1956-1980 P. Adolf Niesen

 

 

Präfekten Bous: 

1950-1953 P. Egon Kauke

1953-1956 P. Adolf Niesen

1955-1978 P. Paul Schmidt

1978-1980 Bruder Ulrich

 

 

Internatsleiter Glanerbrück: 

1953- 1956 P. Groß-Bölting

1956-1959 P. Franz Schnittker

1959-1964 P. Willibald Dölle

1964 P. Willi Weber als Vertreter von P. Windeck

1964-1967 P. Bernhard Windeck

 

 

Präfekten Glanerbrück: 

1953- 1956 P. Franz Schnittker

1956-1959 P. Willibald Dölle

1958-1959 P. Johannes Lennartz

1962-1966 P. Wolfgang Cholewszynski

1964-1966 P. Hermann Döring

 

 

 

Rektor Waisenhaus Elisabeth- Breuerstift, Köln- Mülheim: 

1945-1946 P. Konrad Welzel